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Frankfurter Anthologie : Gu Cheng: „Natur“

  • -Aktualisiert am

Bild: akg

Poetische Klage eines Verfemten über die Gewalt, die von der Erde ausgeht und sich gegen alles Himmlische richtet, gegen Schönheit und Ideale.

          2 Min.

          „Reiterscharen sagen die einen, Fußvolk / andre, Schiffe seien das Schönste auf der / dunklen Erde.“ An diese Zeilen der Sappho musste ich unwillkürlich denken, als ich das kurze, rätselhafte Gedicht „Natur“ von Gu Cheng zum ersten Mal las. Warum nur? Nichts verbindet die griechische Dichterin mit dem chinesischen Dichter. Sie drücken sich in unterschiedlichsten Sprachen aus, ihr Kulturkreis ist ein je anderer, die poetischen Anliegen sind ex­trem verschieden. Und doch schien mir, als führten diese Gedichte einen geheimen Dialog über mehr als 2500 Jahre hinweg.

          Es mag darin liegen, dass beide Gedichte nicht einen Ausschnitt der Welt, sondern alles nennen wollen, die Reiterscharen und die Schiffe und die Truppen und die zehntausend Blätter an jedem Baum, und es gelingt ihnen, mit wenigen Worten eine ungeheure Weite zu schaffen, ja Welt zu erzeugen und zu bejahen.

          Gu Cheng gilt in China als hermetischer Dichter. Geboren 1956 in Peking, wurde er wie andere Mitglieder der „verlorenen Generation“, wie Bei Dao, Duo Duo und Yang Lian, von den Machtkämpfen der Kulturrevolution um Kindheit, Jugend und Ausbildung betrogen. Nach eigenen Angaben hat er nur drei Jahre eine Schule besucht und sich sein Wissen durch die Lektüre des „Cihai“, des chinesischen Brockhaus, angeeignet.

          Dichter, wie Vögel in den Bäumen brütend

          Von 1975 an versuchte er, die eigenen Verluste und Rechte gegenüber Partei und Gesellschaft literarisch einzuklagen. In dem Zweizeiler „‚Eine Generation‘ – Die schwarze Nacht gab mir schwarze Augen // Doch ich suche mit ihnen das Licht“ hat er Schicksal und Suche einer ganzen Generation auf den knappsten Nenner gebracht. Das Gedicht wurde 1989 von abertausend Studenten auf dem Platz des Himmlischen Friedens skandiert. Weitere Einzelveröffentlichungen machten ihn – neben Bei Dao – schnell zum meistdiskutierten und in der „Kampagne gegen geistige Verschmutzung“ am heftigsten attackierten Lyriker Chinas.

          Gu Cheng selbst beschrieb sein Leben als das einer Ameise. Sein Übersetzer Wolfgang Kubin berichtet, dass ihn neben Walt Whitman besonders Jean-Henri Fabres Aufzeichnungen über die Insektenwelt beeindruckt hätten, weil in einer Gesellschaft, in der jeder dem anderen fremd sei, der Mensch zu einem Insekt werde. Die Beschäftigung mit Fabre mag einen Schlüssel zur Interpretation dieses obskuren Gedichts liefern. Ist mit „eine lange Lanze“ eine Libelle im Flug gemeint? Sind die „Truppen“ Ameisenkolonnen, die sich ‚auf schmalen Straßen‘ vorwärts bewegen? Und Vogelnester schwanken wie Standarten im Wind?

          Das Gedicht ist eine Absage an die traditionelle Naturbetrachtung. Eine andere Interpretation scheint mir deshalb wahrscheinlicher. Für Gu Cheng sind die Dichter Vögel. Sie brüten in den Bäumen, bei ihren Nestern, und besingen die Natur. Sie nehmen mit einer Mischung aus Angst und Erwartung die Bewegung der Truppen unten auf der Erde wahr, das Meer an Lanzen. Man denkt an Satellitenaufnahmen von Militärmanövern, von der Konzentration von Truppen an einer Grenze vor dem Angriff. Schwer schwanken die Banner, die Standarten. Wenn dieses Gedicht auch ein Paradebeispiel für die reduzierte, verschlüsselte Sprache Gu Chengs ist, scheint mir sein Sinn doch klar: Die Gewalt kommt von der Erde und richtet sich gegen alles Himmlische, gegen die Ideale.

          Peking wurde für Gu Cheng mehr und mehr „der heikle Ort, wo Leben fehlschlägt“. Im Juni 1989 geht er mit seiner Frau, der Filmkritikerin Xie Ye, ins Exil nach Neuseeland. Verschattung und Todessehnsucht nehmen zu. Reisen nach Europa und ein längerer Aufenthalt in Berlin als Stipendiat im Künstlerprogramm des DAAD sind als Befreiungsschläge oder zumindest als Aufhellungsversuche gedacht. In China gilt er inzwischen als unverständlich, als poète maudit. Fotografien zirkulieren, die ihn mit einem überlangen Schamanenhut auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof in Berlin zeigen, wo er das Grab der Gebrüder Grimm besuchte. Im Sommer 1993 kehrt das von Krisen geschüttelte Paar nach Neuseeland zurück. Im Oktober tötet Gu Cheng seine Frau und anschließend sich selbst. Dieses Ende von größter Grausamkeit macht uns, die Gu Chengs Dichtkunst bewundern, fassungslos. Warum geht einer, dem Schönheit viel bedeutete und der mit Gedichten große Metaphern zu formen wusste, so unschön aus der Welt?

          Gu Cheng: „Natur“

          Ich mag eine lange Lanze im Flug
          Die zehntausend Blätter an einem Baum
          Die Truppen, die sich auf der Erde konzentrieren

          Auf schmalen Straßen zeigen sie ihre Gesichter
          Schwer schwanken die Banner der Vogelnester

          Das ist der heikle Ort, wo Leben fehlschlägt

          Aus dem Chinesischen von Wolfgang Kubin

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