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Frankfurter Anthologie : Ror Wolf: „Die Besichtigung der Dunkelheit“

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Frankfurter Anthologie Bild: Picture Alliance

Wo Tücken lauern, gibt es auch Vorzüge. Aber nur für den, der sie zu nutzen weiß. Dieses Gedicht lehrt die Dialektik der Dunkelheit, die unsere Existenz umgibt.

          3 Min.

          Gäbe es den Tod nicht, bräuchte es auch keine Literatur. Trost, Zeitvertreib, Memento mori und die Hoffnung auf ein literarisches Erbe sind nur einige Impulse fürs Anschreiben gegen die Endlichkeit, fürs Aufschieben der Dunkelheit.

          In den Werken großer Dichterinnen und Dichter ist die existenzielle Dringlichkeit, die der Tod ins Leben presst, auch dann spürbar, wenn nur am Rand oder überhaupt nicht davon die Rede ist. So wie bei Ror Wolf, der, 1932 geboren, seit den Fünfzigerjahren Prosa, Gedichte und Hörspiele schrieb und dessen Tod im Jahr 2020 seiner Literatur nichts anhaben konnte und nichts anhaben wird. Überall in seinem Werk hat der Knochenmann die aschigen Finger im Spiel, und im Spätwerk drängt die Vergänglichkeit vollends zutage, allerdings verschachtelt und verspielt.

          Wie in vielen seiner späten Texte ist in „Die Besichtigung der Dunkelheit“ von 2013 der Tod schon in der Finsternis des Titels angedeutet. Doch wie immer bei Wolf sind die Dinge nur zum Teil so, wie sie scheinen. Es ist ein Werk doppelter Böden und doppelter Bedeutungen, gemeiner Falltüren und lausbübischer Finten. Schon durch die verfremdende Zusammenführung von „Besichtigung“ und „Dunkelheit“ im Titel schimmert eine knisternde Irritation auf. Vielleicht regt sich schon etwas Schmunzeln darüber, dass die Dunkelheit besichtigt, betrachtet, begutachtet werden kann und kein alles verschluckender Zustand ist.

          Wie man die Zeit aus den Angeln hebt

          Das Gedicht ruft Assoziationen von zwei völlig gegenläufigen Zuständen auf: Einerseits mag nicht eigentlich die Dunkelheit besichtigt werden, sondern ein Feuerwerk mit „Krach“ und „Dreck“ und fernem „Knallen“ am „Zipfel“ einer Silvesternacht, wenn das alte Jahr verstirbt und ein neues geboren wird. So wehen Zukunft und Vergänglichkeit durchs Gedicht, nicht nur durch den Neujahrsblues. Andererseits entsteht mit dem „Feuer“ und den Bränden, mit dem „Schluß“ wie dem allgemein Zerbrochenen des zweiten Gedichtteils auch ein Zustand von Weltende.

          Als Menschen neigen wir zur Vermeidung des Apokalyptischen wie des Endlichen, und so wundert es nicht, dass das abrupt angekündigte „Ende“ („Und Schluß“) noch einige Zeilen auf sich warten lässt. So, als sei der Aufschub dieses Schlusses für den Sprecher des Gedichts die einzige Handlungsmöglichkeit in einer Welt, an der er nur als Zuschauer und Zuhörer teilhat.

          Lange bevor er sich direkt als „Ich“ zu erkennen gibt, entsteht der Eindruck, dass dieses Ich passiv oder hilflos dahinlebt. Wie so häufig bei Wolf wird über die Pronomen eine unheimliche Unbestimmtheit erzeugt: „jemand lacht“, es gibt „etwas Ausgeleertes, Abgekehrtes“, „jemand hat das Fenster zugemacht“. Entweder das Ich verpasst gerade eine phantastische Silvesterparty, oder es sucht in einem Raum Schutz vor dem Ende der Welt. Beide Lesarten sind möglich, bringen sich aber auch gegenseitig ins Wanken. Wie immer ist Vorsicht vor einseitigen Deutungen geboten, besonders was die Dunkelheit betrifft.

          Sie ist ein vielgestaltiges Motiv im Wolfswerk. In seinem ersten Roman „Fortsetzung des Berichts“ wird sie mal hübsch als „zottig“ beschrieben, im zweiten Roman „Pilzer und Pelzer“ natürlich als „pelzig“, und seinem letzten Roman gab er gar den Titel „Die Vorzüge der Dunkelheit“. In Wolfs literarischem Kosmos ist die Finsternis eine sinnliche Sache. Es tauchen lustbringende, skurrile und erheiternde Figuren aus ihr auf, und immer wieder wird sie, weil in ihr auf das Augenlicht wenig Verlass ist, sinnlich durchtastet auf der Suche nach dem Absonderlichen, dem Fremden und dem Phantastischen.

          Der entscheidende Vorzug der Dunkelheit ist aber, dass sie tagtäglich einen Locus amoenus im Tag bedeutet, wenn die Ruhe des Schlafes aus der Dunkelheit einen sicheren und lieblichen Ort macht, an dem hemmungslos geträumt werden kann. Immer wieder suchte Wolf in seinem Schreiben wie in seinen Bildcollagen die Dunkelheit als den eigenen Ort des künstlerischen Schaffens auf. Seine Ästhetik ist aus dem Fragment geboren, aus dem verdeckten und verdunkelten Abwesenden und aus einer in „Scherben“ liegenden Welt, die neu zusammengeklebt werden kann, so, wie der Traum die unbewussten Spuren des Tages beliebig zusammenführt.

          An zwei Stellen wirkt „Die Besichtigung der Dunkelheit“ wie ein Gedicht, in dem von den Versen nur noch die Reime übrig geblieben sind. Zum einen wenn sich die Gleichlaute in den ersten beiden Zeilen aufhäufen und die sanften Klangdopplungen der Silbe „ände“ in der zweiten Zeile den anfangs anklingenden Krach mildern. Zum anderen in der vorletzten und vorvorletzten Zeile, wenn abermals Klangwiederholungen in der Silbe „erben“ eine einlullende Wirkung haben. Und auch das Reimschema bewegt sich wiegengleich auf die Mitte des Zehnzeilers zu und wieder von ihr weg. Die Zerstörungsmetaphorik und der letzte Satz bringen aber nicht den sanften Schlaf, sondern das endgültige Entschlafen ins Spiel. So leicht lässt sich das Ich aber nicht zum Schweigen bringen und hebt zu dem unvergleichlich einfachen, schönen Schlusssatz an. Die Sterbemotivik dieser letzten Zeile wurde längst klanglich vorbereitet, schwang doch schon das „Ende“ wie das „Erbe“ in den zuvor wiederholten Silben mit.

          Und so erscheint der letzte Satz als ein donnernder Widerspruch gegen die chronologische Ordnung von Leben und von Literatur. Weil alles zum Ende des Gedichts, zum Ende der Erzählung, zum Ende des Lebens zustrebt, wird mit der seiltänzerischen Einfachheit des schreibenden Menschen am Ende schlicht und ergreifend die Zeit aus ihren Angeln gehoben: „Und ich bin viel zu alt um schon zu sterben.“

          Mit unbekümmerter Leichtigkeit steht die einfallslose Verkoppelung von Alter und Tod infrage. In seiner Klarheit und Schönheit ist es ein einmaliger letzter Satz, nicht nur im Werk von Ror Wolf, ein Satz, der eine Besichtigung der Dunkelheit unserer menschlichen Existenz erlaubt.

          „Die Besichtigung der Dunkelheit“ von Ror Wolf

          Krach Dreck Gestank und Feuer, fernes Knallen,
          und Wände Hände Brände Gegenstände,
          und jemand lacht im Zipfel dieser Nacht,
          und jemand hat das Fenster zugemacht,
          und irgendetwas ist herabgefallen,
          in dieser Nacht, vom Anfang bis zum Ende.
          Und Schluß und weiter nichts Erwähnenswertes,
          nur etwas Ausgeleertes, Abgekehrtes,
          nur Kerben, Scherben, Scherben und Verderben.
          Und ich bin viel zu alt um schon zu sterben.

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