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Frankfurter Anthologie : Jan Wagner: „requiem für einen friseur“

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Auf diese Weise ist der Berufsstand mit Schere noch nicht gepriesen worden. Wer Jan Wagners Verse liest, sieht Waschen, Fönen, Legen mit anderen Augen.

          2 Min.

          Ja, der Friseur! So wichtig fürs Selbst- und Fremdbild! Wie oft nahmen wir auf seinem Drehstuhl Platz und glaubten aus dem Spiegelblick des Meisters unser zukünftiges, sensationelles Aussehen zu erraten, während er mit Kamm und Zeigefinger eine Länge andeutete, von Stufung, Kürzung, Kräuselung, Volumen, von Ohrenfreiheit und Nackenschwung sprach, bis wir ihm getrost den Kopf in die Hände gaben. Dass er nach seinem Montagssonntag am Dienstag wieder öffnen würde, galt als Naturgesetz. Uns konnte, wenn Wind und Zufall wollten, ein Dachziegel die Frisur zerschmettern, damit musste man rechnen, aber ihr Schöpfer würde leben.

          Stattdessen nun der Schock des immerwährenden Montags und in die Reglosigkeit und Stille hinein das Requiem. Sein Ton ist feierlich, diskret unterzittert von jener Komik, die allem menschlichen Tun durch Beschränktheit und Vergänglichkeit anhaftet. Friseur bedeutet Alltag und kleines Maß, der Tod das Mächtige und Unverfügbare, ein Requiem die höhere Weihe. So spricht das Gedicht quasi von der Kanzel aus zu uns, nutzt strenge Imperative, zitiert alte Bräuche („verhängt die spiegel“) und verwandelt die scharfe Schere in ein Symbol stumpfer Mutlosigkeit. Wunderbare Metamorphosen folgen, um zu erzählen, wie es war: der Shampooschaum wuchs zur Wolke, der Lärm des Föhns zum Orgelbrausen, der Umhang zum schier königlichen Zelt. Schlichtes und Simples wird mit Überwältigendem verknüpft, kühne Hyperbeln wagen ein Preislied trotz der Gefahr, ins Lächerliche abzustürzen. Aber die Furcht ist unbegründet: der Gesang hält die Balance, jedes Wort antwortet auf ein anderes, „weiß“ passt zu „schwarz“, auch wenn es nicht die Farbe meint, die Assonanzen stützen, wie es ihre Pflicht ist, und man schaue nur, wie elegant sich der Konjunktiv im dritten Vers („ließe“) zum Indikativ im sechsten („wirft“) vorarbeitet. Schwebebauweise, lautete die Aufgabe, und jeder wird zugeben: gelöst.

          Von fern erinnern die ersten Verse an W.H. Audens Klage „Stop all the clocks, cut off the telephone“, die John Hannah als Matthew in dem Film „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“ am Sarg des toten Lebensgefährten rezitierte. Zu Tränen gerührt, stürmten 1994 die Zuschauer in die Buchhandlungen, um Poesie zu kaufen; noch nie wurde ein fast sechzig Jahre altes Gedicht so plötzlich so populär. Jan Wagners Text funktioniert anders. Sein Requiem bezaubert eher als zu erschüttern, sein Grundakkord ist die komplexe Anmut, mit der sich das Parlando organisiert, um ein sehr benötigtes Handwerk zu würdigen. Der verwaiste Salon gleicht einem Museum, die Uhr scheint angehalten, ganz wie Audens Trauerlied es wünscht, die Szene ein ewiger Augenblick. Verstört und ratlos hält der Kunde inne. Aber die Haare! Sie wachsen weiter, ja wuchern ohne Rücksicht auf Gefühle. Los, sagen sie, wie siehst du denn aus, spürst du nicht, dass wir die Schere brauchen, damit du bleibst, der du bist?

          Jan Wagner: „requiem für einen friseur“

          weil montags alles ruht, nun alles montag bleibt,

          verhängt die spiegel. nehmt der schere ihren schneid.

           

          wer ließe finger kneten, kreisen, bis die wolke

          des shampoos aufzieht über uns, wer dirigierte sein gefolge

           

          von fläschchen und den duft, die öle im regal

          mit einer schmalen hand? wer wirft die große orgel

           

          aus fönen an und läßt sie brausen, läßt sie schwellen?

          nehmt von den farben schwarz, vermischt es mit den hellen.

           

          weil jetzt kein umhang mehr so prachtvoll, langsam wie ein zelt

          herabsinkt überm körper, und wer innehält

           

          nicht länger weiß, was es zu finden gilt, wonach zu suchen,

          nur dass die haare weiter wachsen, weiter wuchern.

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