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Frankfurter Anthologie : Jan Volker Röhnert: „Frankfurt“

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Die Stunde des Pan ist vorüber, jetzt wächst dem Flüchtigen ungewohnte Dauer zu: Für den Augenblick dieses Gedichts wird Frankfurt zu einem Ort der Poesie.

          2 Min.

          So geht das oft: Ein Gedichtband steht am falschen Platz im Bücherregal, seit Jahren. Gäbe es aber einen ‚richtigen‘ Platz für ein Buch? Gewinnt es nicht gerade durch sein Verstellt-Sein, indem es Substanzen aus den sogenannten Sachbüchern auf sich zieht? Werden dadurch die ‚Sachen‘ zu poetischen „Phantasien“? Das wäre dann ein Fall von geistiger Osmose.

          Wie auch immer, der schmale Buchrücken schaut einen an, verlegen, fragend, Neugier weckend. Und dann nimmt man sich dieses Buches zuletzt an, es schlägt sich einem auf, und man liest: „Frankfurt“. Es löst Erinnerungen aus: Romantischer nie als in jener Nacht der letzten Mondfinsternis am Mainkai, flanierend, dann eng umschlungen die Beine über die Kaimauer hängen lassend, einander Innerstes gestehend. Oder war es ein zarter Traum und damit Nährstoff für (zu) verwegene Hoffnungen gewesen, damals?

          Flüchtigkeitsdauer am Main

          Jetzt jedoch ist alles Hoffen, Träumen und Erinnern Gedicht geworden, bestehend aus drei Quintetten: „Frankfurt“ – und das ohne Klischees. Nicht von Banken, Börsen und Kommerz ist die Rede, nicht vom herausgeputzten Römerviertel oder der schmählich ins Gerede gekommenen Paulskirche als dem Ort deutscher demokratischer Bewusstseinsgeschichte schlechthin. Bei der ersten Lektüre kann einem leicht ein Verlesen der jeweils fünften Zeile unterlaufen. Statt den „Inseln im Tag“, die von ihren näheren Qualifizierungen, den „Wolken“, „Bäumen“ und „Vögeln“ durch ein Komma abgetrennt sein sollten, las ich „inseln“, klein geschrieben, als neues, poetisch aber legitimes Tätigkeitswort: Die Wolken, Bäume, Vögel inseln – und eben das „im Tag“. Die romantische Mondfinsternis hatte sich ins Taghelle aufgelöst. Was hier geschieht, verfügt über einen exakten zeitlichen Rahmen („zwischen zwei und drei am Nachmittag“, also nach der mittäglichen Stunde des Pan), in dem sich aber lauter Vorübergehendes zuträgt.

          Dabei wächst dem Flüchtigen, dem Lächeln, ungewohnte Dauer zu; denn es „wurzelt“. Unbestimmt bleibt, worin dieses Lächeln Wurzeln schlägt – wirklich „in den Ländern hinter dem Augenblick“? Belebt hat sich das Unbelebte: die Statuen hinter dem eigentlichen Leben. Die Dinge lösen sich auf, werden zu flüchtigen Vorstellungen – und das in der Stadt, in der ein kauziger Flaneur von anno dazumal, Schopenhauer, der die Welt zum Produkt aus Willen und Vorstellung erklärt hatte, die zweite Hälfte seines Lebens verbrachte.

          Wolken, Bäume, Vögel – als Inseln in der Zeit verstanden, unbestimmt wie sie in diesem Gedicht bleiben, wie zufällig in Frankfurt und auch wieder nicht; denn nichts ist konkreter benannt in Röhnerts Gedicht als ebendieser Ort mit seinem Mainkai. Dabei deutet nichts darauf hin, dass die erste Strophe auf „Wolken“, die zweite auf „Bäume“ und die dritte auf „Vögel“ zuläuft. Sie sind in diesen Strophen die Schlusspointen, Überraschungen, zumal da sie allesamt als „Inseln“ verstanden werden, nicht in Gewässern, sondern in den Zeitlüften (nicht: ‚-läuften‘). Diese Inseln sind nicht zu verorten; sie scheinen nur Ankerplätze im Tagesgeschehen zu sein. Und die „Wollfäden am Saum, Locken im Wind“, sie bezeichnen das Halbfreie, Teilgebundene, unmerkliche und doch bezeichnende Details im Flüchtigen am für die Länge des Kais verstädterten Flusses. Oder ist der Saum dabei, aufzugehen, löst sich die Naht auf? Der Wind setzt sich in den Locken fort oder verfängt sich in ihnen, oder er trägt sie einfach, lässt sie wehen wie die Fahne eines Unbekannten; denn es ist unklar, zu welchem Kopf dieses Haar gehört. Und im Unklaren will vieles belassen bleiben, so prägnant die schlichten Bilder dieses Gedichts auch sind.

          Wenn das Flüchtige in der Mainmetropole sich in schwebend wirkende Strophen fassen lässt, dann verfliegen damit auch die platten Klischees über diese Stadt – zumindest für die Dauer des Gedichts.

          Jan Volker Röhnert: „Frankfurt“

          Am Mainkai die Flanierenden kurz
          die Ufer gewechselt zwischen
          zwei und drei am Nachmittag –
          ihr und einer Stunde Vorüberhuschen,
          die Wolken Inseln im Tag.

          Die Erinnerung setzt sich in Länder
          ab, die hinter dem Augenblick sind –
          darin schlägt das Lächeln Wurzeln,
          Wollfäden am Saum, Locken im Wind,
          die Bäume Inseln im Tag.

          Der Fluss zieht an ihnen vorüber,
          an Cafés, Plakaten, Jalousien,
          hinter denen Statuen ihr Leben führen,
          die Dinge werden zu Phantasien,
          die Vögel Inseln im Tag.

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