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Frankfurter Anthologie : André du Bouchet: „Türflügel“

  • -Aktualisiert am

Bild: FAZ

Augenblicke, die auf dem Papier Wurzeln schlagen wollen: Die sinnliche Wahrnehmung der Welt, der Leere und der Entwurzelung abgetrotzt und im Gedicht festgehalten.

          3 Min.

          André du Bouchets Gedichte haben we­der in ihrer äußeren Form noch ihrer in­neren Kohärenz sonderlich viel mit der herkömmlichen Vorstellung von Gedichten zu tun; es sind in Schrift übersetzte Augenblicke, die auf dem Papier Wurzeln schlagen wollen. „Vakante Glut“, so übersetzte Paul Celan du Bouchets be­rühmten zweiten größeren Band, der im Original 1961 bei Mercure de France erschien: „Dans la chaleur vacante“ wurde mit dem französischen Kritikerpreis ausgezeichnet. Was bedeutet es, sich in einer „vakanten Glut“ aufzuhalten?

          André du Bouchet ist es sein Leben lang weder leicht gefallen noch leicht gemacht worden, Wurzeln zu schlagen. In einer mehrsprachigen, französisch-russisch-jüdisch-amerikanischen Familie in Paris 1924 geboren, floh eher als Sechzehnjähriger vor den anrückenden Deutschen nach Amerika, machte einen Ab­schluss in Harvard und war dabei, dort als Literaturprofessor zu reüssieren, als er sich dafür entschied, nach Frankreich zurückzukehren und alles auf die Karte der Poesie zu setzen.

          Von Paris aus zog es ihn immer wieder aufs Land, zunächst in das nordwestlich gelegene Kalkplateau des Vexin, schließlich seit Mitte der Siebzigerjahre in die Berge der nördlichen Provence im De­partement la Drôme. Dort lebte er bis zu seinem Tod im April 2001 in einem an eine Hügelflanke gelehnten feldsteinernen Bauernhaus im Hundert-Seelen-Weiler Truinas einen Großteil des Jahres abseits des französischen Literaturrummels und schrieb am wohl bedeutendsten Werk der nachsurrealistischen französischen Lyrik neben Yves Bonnefoy, Philipp Jaccottet und Michel Deguy.

          Im Staunen erschließt sich die Welt

          Du Bouchets Zeilen sind nicht am Schreibtisch entstanden, nicht in der eingeengten Luft eines Zimmers mit be­schränktem Blick, sondern Resultate langer Spaziergänge oder Motorradfahrten durch Berge und Wälder, elementare Landschaften, in denen das Auge des Gehenden oder Fahrenden für Momente die Erscheinungen berührt und Worte hervorbringt, die lange nachklingen. Er hat sie zunächst in Notizheften festgehalten, um sie später zu Gedichten und Zyklen zu verarbeiten, wo diese, wie hier auf Grundwörter wie „Feuer“, „Glut“, „Gletscher“, „Stroh“, „Eis“, „Wind“, „Sommer“ zurückgehenden Erfahrungskerne, jeder tradierten Metaphorik oder Symbolik entsagend, immer wieder neuartige Va­riationen und Reihen hervorbringen – Niederschläge eines nie still gestellten, in Atmosphäre, Tageslicht und Witterung grabenden Spürsinns.

          Er ist einerseits oft mit Pierre Reverdy verglichen worden, dem Dichter der Dinge, der Konturen und rätselhaften Schatten, andererseits mit Stéphane Mallarmé, dem Dichter der Schrift und der „blancs“, der weißen, wortlosen Zwischenräume – eine wirkmächtige Konstellation von Fixsternen. Du Bouchet ist zugleich jedoch ein Lyriker, der sich vielleicht mehr mit Begriffen der modernen Kunst, mit dem Minimalismus eines Giacometti verstehen lässt, eines Künstlers, mit dem er, wie auch mit Bram van Velde oder Pierre Tal-Coat, in enger Freundschaft zahlreiche Künstlerbücher schuf.

          André du Bouchets Französisch ist bar jeder Rhetorik, für die diese Sprache doch so geschaffen scheint; es ist ein Französisch, das erst ausbuchstabiert sein will, das Französisch eines Übersetzers zugleich, der aus dem Englischen etwa Faulkner oder Joyce, aus dem Russischen Mandelstam und aus dem Deutschen Hölderlin oder, nach dessen Tod, Gedichte des Freundes Paul Celan übertrug. Du Bouchets Gedichte lehren Sehen und Gehen, sie sind – wie geöffnete „Türflügel“ eben – eine Einübung ins Draußensein, dem sich ihre vermeintliche Kargheit und Hermetik verdankt. Man sollte sie nicht mit Verschlossenheit verwechseln, tastet sich das Auge doch auf diese Weise an die Dinge heran, die anders ungesagt blieben. Im Staunen, im nicht festgestellten oder voreingenommenen Blick gehen ihm die Gegenstände auf. „Ich bin dem Tag gefolgt, ich habe ihn durchschritten, / wie Ländereien“, heißt es an anderer Stelle.

          Das erklärt vielleicht die Faszination du Bouchets für viele in Frankreich, die ihn bisweilen wie einen vorsokratischen Philosophen verehren und die vergriffenen Editionen seiner Tagebücher für ho­he Summen ersteigern. Das macht ihn aber auch zu einer Herausforderung für den Übersetzer – eine Herausforderung, der sich Paul Celan stellen konnte. Ins Englische sind sie übrigens von einem ebenfalls mit ihm befreundeten Großen übertragen worden, von Paul Auster. Celan sah in du Bouchet wohl einen Bruder im Geiste, der wie er von einer Sprache träumte, die jenseits aller herkömmlichen Idiome die Dinge in ihrer unmittelbaren sinnlichen Qualität neu aufzufassen und festzuhalten verstünde. In vakanter Glut eben, und dabei dem horror vacui der Leere und Entwurzelung, die es auszuhalten gilt, abgetrotzt, mit einer Aura versehen, die weithin leuchtet, gerade weil sie nicht für etwas anderes, Drittes, sondern für sich selber steht.

          André du Bouchet: „Türflügel“

          Der Heuschober des andern Sommers funkelt. Wie die Seite der
          Erde, die man nicht sieht.

          Aufs neue schlage ich diesen Weg ein, der vor mir beginnt. Wie ein ortsgebundenes Feuer in der reglosen Luft,
          der Luft, die über dem Weg rotiert.
          Alles ist verschwunden, die Glut, bereits sie.

          Faucht der wasserlose Sturm. Verliert sich der Atem der Gletscher.
          Ohne das Stroh entflammt zu haben, das den Acker übersät.

          Dies Haus im andern Gewitter. Wie eine kalte Mauer
          inmitten des Sommers.

           

          Dem Stroh zu, der mehrsommrigen Mauer zu, wie ein Glanz von
          Stroh in der Mächtigkeit des Sommers.

          Aus dem Französischen von Paul Celan.

           

          Battant

          La meule de l’autre été scintille. Comme la face
          de la terre qu’on ne voit pas.

           

          Je reprends ce chemin qui commence avant moi.
          Comme un feu en place dans l’air immobile,
                     l’air qui tournoie au-dessus du chemin.
          Tout a disparu. La chaleur déjà.

           

          Souffle l’orage sans l’eau. Se perd l’haleine des
          glaciers. Sans avoir enflammé la paille qui
          jonche le champ.

           

          Cette maison dans l’autre orage.  Comme un mur
          froid au milieu de l’été.

           

           

          Vers la paille. Vers le mur de plusieurs étés,
          comme un éclat de paille dans l’épaisseur de
          l’été.

           

           

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