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Frankfurter Anthologie : Inge Müller: „Wenn ich schon sterben muss“

  • -Aktualisiert am

Bild: Porträtfoto von Inge Müller aus den 1950er Jahren, Fotograf unbekannt

Der Ton dieser Verse spielt mit der Umgangssprache, sie scheinen einfach gesagt. Und doch zielen sie ab auf den wahren Skandal menschlicher Existenz: sterben zu müssen trotz der Möglichkeit zum Glück.

          Der Titel des Gedichts eröffnet ein rituelles Lebewohl: In fünfzehn Zeilen entwickelt ein Ich Momente seines persönlichen Abschiednehmens vor dem Tod. Dabei wird die Logik des zeitlichen Bezugs verwischt. Dieses Ich formuliert nicht situativ „Bevor ich sterbe“, sondern aus der grundlegenden Verfassung des Menschseins heraus: „Wenn ich schon sterben muss“. Es lebt mit einem deutlichen Bewusstsein seiner Endlichkeit. Inge Müller sah sich als „übriggeblieben, zufällig“. In den letzten Kriegswochen war sie zusammen mit einem Hund verschüttet gewesen; nach drei Tagen wurden sie geborgen. Kurz darauf grub sie die Leichen ihrer Eltern aus den Trümmern. Der Tod blieb zeitlebens ihr zweiter Schatten.

          Das Ich des Gedichts („will ich“) bindet sich sofort zurück an ein Wir: „Mit euch durch den Wald gehen“. Es ist nicht irgendein Wald, sondern der Wald beim Lehnitzsee. Diese intime Gegend weitet sich zu einem sehnsüchtigen „Irgendwo“. Nach einem verstärkenden „noch einmal möcht ich sehn“ werden die universalen irdischen Topographien aufgerufen: „Himmel/Berge/Meer“. Der diskrete Endreim „gehn“ – „sehn“ verbindet den vertrauten, kleinen Gang am See mit einem Aufbruch in unbestimmte Landschaften. Die Worte Himmel, Berge, Meer, drei von der Höhe in die Tiefe absteigende Chiffren für Weite, füllen jeweils eine Zeile aus und öffnen den Text auch optisch. Von Anfang an – erinnerte Intimität gegen projizierte All-Erfahrung – ist eine dialektische Struktur gegeben. Sie wird das Gedicht im Fortlauf prägen (und erinnert an Brechts „Vergnügungen“, Verse, die Inge Müller gekannt haben mag). Das lyrische Ich will noch einmal sehen: „Arbeiter und Landstreicher/Äcker und Großbauplätze/Städte am Morgen und bei Nacht“. Dieser Blick auf Zivilisation und Kultur in ihrer ganzen Spanne mündet in die Figur des Chinesen, der, obwohl schon alt, sich noch um eine Alphabetisierung bemüht, und zwar – wieder ein dialektischer Umschlag – an der Hand seines Enkels.

          Wem der Tod nah ist, der wird leicht lebensmutig

          Vom alten Lernenden schwenkt die Perspektive nun in die Totale; der Blick aus dem Flugzeug (und damit aus dem Himmel) sieht auf die „Haut der Welt“. Mit diesem schönen Körperbild wendet sich der Text zurück zum anfänglichen Ich: „Da werd ich viel zu glücklich sein/Zum Sterben.“

          Der Ton der Verse spielt mit der Umgangssprache, sie scheinen einfach gesagt. Die unmittelbare Freude am Leben, die Möglichkeit, durch Lesen und Schreiben das Dasein zu intensivieren, hebelt den wahren menschlichen Skandal aus: sterben zu müssen. In der Antizipation des glücklichen Moments steht die Zeit, die dem Sterben entgegenläuft, unverhofft still. Ort für diese Erfahrung ist das Gedicht.

          Im Spätsommer 1953, während eines Autorentreffens in Berlin, hatte Inge Schwenkner, 28 Jahre alt, den vier Jahre jüngeren Heiner Müller kennengelernt. Nach der Scheidung von ihrem ersten Mann, dem Vater ihres Sohnes Bernd, lebte die angehende Schriftstellerin damals mit dem Direktor des Zirkus Busch in einer privilegierten Wohnlage am Lehnitzsee. In der trügerischen Hoffnung, seine Frau durch Großzügigkeit halten zu können, ließ Herbert Schwenkner den jungen Liebhaber einziehen. Ein gutes Jahr später heiraten Inge und Heiner Müller. Das Haus beim See wird zum Treffpunkt für Künstler; Inge, eine auffallend schöne Frau, ist der Mittelpunkt des Freundeskreises. „Wenn ich schon sterben muss“ ist ein Echo dieser erfüllten Tage.

          Wem der Tod nah ist, der wird leicht lebensmutig; bald beginnt sie eine Liebesbeziehung zu Heiner Müllers sechzehnjährigem Bruder Wolfgang. Sie schreibt erfolgreiche Kinder- und Jugendbücher und entwickelt sich zur kongenialen Partnerin ihres Mannes. Preisgekrönte Hörspiele und Theaterstücke entstehen. Da Heiner Müller dem Theater näher sein will, zieht das erfolgreiche Paar nach Berlin-Pankow; damit verliert Inge Müller den See, den Wald, die Natur, die sie stützt.

          Im Unterschied zu ihrem Mann, den sie liebt, in dem sie ein Genie bewundert, kann sie sich nicht mit den Verhältnissen in der zunehmend repressiven DDR arrangieren. Auch fehlt ihr der Wille zur Karriere. In den letzten krisenhaften Jahren schreibt sie zunehmend Gedichte. Sie thematisieren keinen fortschrittsgläubigen Aufbruch im Sozialismus, sondern bemühen sich um die Aufarbeitung der persönlichen Kriegserfahrungen. Inge Müller wird die suchende Stimme der Stunde Null.

          Sie ist nicht zu glücklich zum Sterben. Immer wieder möchte sie sich das Leben nehmen. Am 1. Juni 1966 gelingt es. Inge Müller wurde 41 Jahre alt. Posthum eliminierte Heiner Müller, wo irgend möglich, ihren Namen aus ihren gemeinsamen Arbeiten.

          Inge Müller: „Wenn ich schon sterben muss“

          Will ich noch einmal

          Mit euch durch den Wald gehn

          Und vorbei am See in Lehnitz oder

          Irgendwo; noch einmal möcht ich sehn:

          Himmel

          Berge

          Meer

          Arbeiter und Landstreicher

          Äcker und Großbauplätze

          Städte am Morgen und bei Nacht

          Den alten Chinesen, der das ABC lernt und das Schreiben

          An der Hand seines Enkels;

          Vom Flugzeug aus sehn: die Haut der Welt...

          Da werd ich viel zu glücklich sein

          Zum Sterben.

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