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Frankfurter Anthologie : Paul Celan: „In Memoriam Paul Eluard“

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Bild: F.A.Z.

Über die Toten nur Gutes? Diese unversöhnlichen Verse eines Dichters auf einen verstorbenen Kollegen sind voll Bitterkeit , Schmerz und Verachtung.

          3 Min.

          Am 18. November 1952 starb im Alter von 56 Jahren der französische Dichter Paul Éluard, der als einer der Surrealisten, vor allem aber als prominentes Mitglied der Résistance und der Kommunistischen Partei weltweit hohes Ansehen genoss. Um ihn zu ehren, wurde in Paris ein Zeremoniell veranstaltet, an dem die Öffentlichkeit ungewöhnlich großen Anteil nahm: Éluards Leichnam wurde an verschiedenen Stellen in der Stadt aufgebahrt, und als er auf dem Cimetière du Père Lachaise beerdigt wurde, versammelte sich dort eine riesige Menschenmenge. Reden wurden gehalten.

          Unter denjenigen, die Abschied von Éluard nahmen, war auch Paul Celan. Er kannte das Werk Éluards schon seit den dreißiger Jahren, wie sehr er es bewunderte, verrät eine Notiz: „Aragon – grand poète – Eluard grand poète grand.“ Am Tag nachdem er den Leichnam gesehen hatte, schrieb er den ersten Entwurf des vorliegenden Gedichts, das sich somit einreiht in die große Zahl von Nachrufen auf den Dichter, die damals verfasst wurden. Unter Celans Nachruf aber tut sich ein Abgrund auf.

          Die blauen Augen eines toten Dichters

          Formal steht der Text in einer bis in die Antike zurückreichenden Gattungstradition: der des Epicediums oder Begräbnisgedichts, das während der Bestattung vorgetragen wird. Diesen Sitz im Leben beziehungsweise im Tod hat auch Celans Gedicht, das man sich als einen Sprechakt im Angesicht von Éluards Leichnam vorstellen kann, einen inwendigen Sprechakt allerdings: Zu keiner Trauergemeinde, nur still zu sich selbst sprechend ergreift das Ich des Gedichts das Wort, um des Toten zu gedenken. Dazu passt, dass diesem die Worte, die er einst gesprochen hatte, „um zu leben“ – gemeint sind Éluards Gedichte, auf die auch Bezug genommen wird –, als immaterielle Grabbeigabe mitgegeben werden, dazu passt außerdem der ernste Tonfall dieser stummen, aber klangvollen Ansprache, zu dem Alliterationen, Assonanzen und weitere rhetorische Figuren beitragen. Besonders fällt die dreifache Wiederholung des Imperativs „Leg(e)“ auf: Man meint einer Ritualhandlung beizuwohnen.

          Ansonsten werden die Konventionen dieser Gattung aber geradezu in ihr Gegenteil verkehrt, indem der Grundsatz „de mortuis nil nisi bene“ missachtet und ein Vorwurf gegen den Verstorbenen erhoben wird – nicht anklägerisch, für Eingeweihte aber deutlich genug formuliert. Dem Freund Klaus Demus, der die Zusammenhänge nicht kannte, hat Celan erläutert, worauf der Vorwurf sich gründet: „mit ‚jenem‘, der Du zu ihm sagte‘ ...ist ein Anderer gemeint, ein von Eluard Verratener, in höchster Not im Stich Gelassener: jener tschechische Dichter, der anläßlich der Prager Prozesse zum Tode verurteilt wurde, ein langjähriger, intimer Freund Eluards. Eluard hatte, als ehemalige Freunde, darunter Breton, ihn aufforderten, ein Begnadigungsgesuch mit zu unterschreiben, diese Unterschrift verweigert!“

          Dass Celans Bewunderung für Éluard unter dem Eindruck von dessen Verrat an dem Freund ins Wanken geriet, kann nicht verwundern: Der Dichter und Historiker Záviš Kalandra war, nachdem er als Widerstandskämpfer während des Krieges in deutschen Konzentrationslagern inhaftiert gewesen war, 1950 in einem stalinistischen Schauprozess unschuldig der Spionage angeklagt und gehenkt worden. Und so wird verständlich, warum der Verstorbene in diesem Begräbnisgedicht weder gelobt noch sein Tod beklagt wird. Auch Trost spendet das Gedicht nicht: Zwar verweist es auf eine Zukunft, die möglicherweise Versöhnung bringen könnte, doch diese Möglichkeit ist durch das Wort „vielleicht“, das als einziges Wort des Gedichts eine ganze Zeile füllt, als unwahrscheinlich gekennzeichnet. Vor allem aber ist der Verweis auf das blaue Auge des Toten durch und durch zwiespältig. Es dürfte nur wenige Leser geben, die an dieser Stelle nicht an den einzigen Reim der „Todesfuge“ denken: „der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau / er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau“.

          Éluard, die allseits respektierte moralische Instanz, die sich aber dennoch schuldig gemacht hatte, wird in Celans Gedicht also in all seiner Ambivalenz ein letztes Mal vergegenwärtigt und zugleich für immer verabschiedet. „In Memoriam Paul Eluard“ wird so zu einem eindringlichen poetischen Zeugnis des vergangenen Jahrhunderts, jenes „Zeitalters der Extreme“, an dem nicht lange danach Celan selbst zerbrochen ist. Als er Anfang Mai 1970 außerhalb von Paris beigesetzt wurde, fand dort nur eine kleine Gruppe von Menschen zusammen, so wird erzählt. Niemand sprach.

          Paul Celan: „In Memoriam Paul Eluard“

          Lege dem Toten die Worte ins Grab,
          die er sprach, um zu leben.
          Bette sein Haupt zwischen sie,
          laß ihn fühlen
          die Zungen der Sehnsucht,
          die Zangen.

          Leg auf die Lider des Toten das Wort,
          das er jenem verweigert,
          der du zu ihm sagte,
          das Wort,
          an dem das Blut seines Herzens vorbeisprang,
          als eine Hand, so nackt wie die seine,
          jenen, der du zu ihm sagte,
          in die Bäume der Zukunft knüpfte.

          Leg ihm dies Wort auf die Lider:
          vielleicht
          tritt in sein Aug, das noch blau ist,
          eine zweite, fremdere Bläue,
          und jener, der du zu ihm sagte,
          träumt mit ihm: Wir.

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