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Frankfurter Anthologie : Sergej Jessenin: „In meiner Heimat leb ich nicht mehr gern“

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Bild: Getty

Er war der zärtlichste Rowdy der russischen Literatur: unwiderstehlich, unverbesserlich, einer von jenen raren Dichtern, denen auf Erden nicht zu helfen war. In diesem Gedicht nimmt er Abschied.

          2 Min.

          Die Poesie war populär im alten Russland und in der Sowjetunion. Das Land liebte seine Dichter, und Jessenin, der Dichter, liebte sein Land. Noch Jewgeni Jewtuschenko las, im beginnenden „Tauwetter“ der ausgehenden Stalinzeit, in ausverkauften Fußballstadien – und zwar Gedichte.

          Im Jahr 1961 hat Paul Celan einen schmalen Band der Gedichte von Sergej Jessenin „ausgewählt und übertragen“. Er habe, so bestätigen Kenner der russischen Literatur, den eigentümlichen Tonfall dieser Gedichte ziemlich gut getroffen, allerdings vor allem Gedichte ausgewählt, die von (leiser) Trauer und einer unstillbaren Sehnsucht geprägt sind.

          Sergej Jessenin: „In meiner Heimat leb ich nicht mehr gern“

          Auch wenn er, wie Jessenin hier schreibt, in seiner Heimat „nicht mehr gern“ gelebt hatte, anderswo hielt er es noch weniger aus. Er war zwei Jahre mit der berühmten Tänzerin Isadora Duncan verheiratet und mit ihr auf Tournee gegangen, quer durch Amerika gereist, hatte etliche Hotelzimmer zertrümmert, dabei unfassbare Mengen Schnaps getrunken. Er hat sich selbst, wie Ilja Ehrenburg bezeugt, als einen „Rowdy“ bezeichnet und doch die zartesten, zärtlichsten Gedichte der russischen Literatur geschrieben. Er kam aus der russischen Provinz, ein Kind armer Landarbeiter, und blieb diesem alten Russland lebenslang verhaftet. Er war bei seinen Großeltern aufgewachsen, hatte, wie es heißt, mit neun Jahren bereits seine ersten Gedichte geschrieben und später dann, als junger, bald schon berühmter Dichter, die große weite Welt bereist. Er genoss seinen Ruhm, suchte die Anerkennung und wusste doch immer, wo er letztlich hingehörte. Und dass es ihn dahin wieder zurückführen würde – in die „endlos großen Weiten“ und „zu Vaters Haus“ –, auch deshalb, wie es hier gleich weiter heißt, um sich zu Hause „ans Fensterkreuz zu knüpfen“.

          Was Georg Lukács zur gleichen Zeit, in der Jessenin seine Gedichte schrieb, so treffend „transzendentale Obdachlosigkeit“ nannte, das trifft die Empfindungen, denen der russische Dichter Ausdruck gab: „Ich streun, ein Dieb, umher im Heimatlosen.“

          Seine Biographie und seine Dichtung hängen eng zusammen. Sich selbst hat er einmal einen „Dorfpoeten“ genannt. Zwischen „Buchweizen“ und „Wiesenblond“, der „Helle“, da fühlte er sich zu Hause, aber er wusste, dass der Fortschritt, den die Revolution versprach, nichts von dem übrig lassen würde, woran er hing. Er begrüßte die Revolution zwar und versprach sich von ihr eine Verbesserung der Lebensbedingungen, vor allem auf dem Land. Aber das Pathos der Industrialisierung war seine Sache nicht. Er hasste Majakowski. Im Stalinismus verschwanden seine Bücher. Als 1961 eine Neuauflage angekündigt wurde, meldeten sich sofort über eine Million Interessenten.

          Sergej Jessenin war einer von jenen, denen auf Erden nicht zu helfen war. Diese Gefühle, diese Stimmungen hat er, mit einfachen Worten, ohne Überschwang, den die Russen auch kennen und bis heute schätzen, in schlichte Verse gebracht: „Die Weiden hängen grau, das Zaungeflecht / steht schief – sie müssen Kummer haben.“ Melancholie war die Grundmelodie seiner Gedichte.

          Jessenin starb am 28. Dezember 1925 in einem Petersburger Hotelzimmer. Wirkungsvoll, mit seinem eigenen Blut, schrieb er seine letzten Verse, die auch am Ende von Celans Auswahl stehen: „Freund, leb wohl. Mein Freund, auf Wiedersehen. / Unverlorner, ich vergesse nichts. / . . . Gräm dich nicht und werd mir nicht so fahl. / Sterben –, ich weiß, das hat es schon gegeben; / doch: auch Leben gabs ja schon einmal.“

          Dann hängte er sich an den Heizungsrohren auf. Er war gerade dreißig Jahre alt geworden.

          Sergej Jessenin: „In meiner Heimat leb ich nicht mehr gern“

          In meiner Heimat leb ich nicht mehr gern,
          Buchweizen ruft, aus Weiten, endlos großen.
          Ich laß die Kate Kate sein, bin fern,
          ich streun, ein Dieb, umher im Heimatlosen.

          Tag, wie dein Licht sich lockt, so will ich gehn,
          im Irgendwo will ich zur Ruh mich setzen.
          Was mir bevorsteht, Freund, ich kanns schon sehn:
          ich seh am Stiefelschaft dich’s Messer wetzen.

          Die gelbe Straße, vor mir läuft sie hin,
          der Frühling, er läuft mit, das Wiesenblond, die Helle.
          Den Namen grub ich tief in meinen Sinn,
          und die ihn trägt, sie jagt mich von der Schwelle.

          Ich weiß, mich führts zurück zu Vaters Haus –
          Mein ganzer Trost: daß fremde Herzen hüpfen . . .
          Ein grüner Abend kommt, ich zieh die Jacke aus,
          am Ärmel mich ans Fensterkreuz zu knüpfen.

          Die Weiden hängen grau, das Zaungeflecht
          steht schief – sie müssen Kummer haben.
          Mich Ungewaschnen bettet man zurecht,
          die Meute bellt – sie haben mich begraben.

          Und oben schwimmt der Mond, er schwimmt und schwebt,
          und läßt, wo Seen sind, seine Ruder fallen.
          Und Rußland lebt, wie’s immer schon gelebt:
          am Zaun, da tanzt es, und die Tränen rollen.

          Aus dem Russischen von Paul Celan.

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