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Frankfurter Anthologie : Diana Kempff: „In den Niederungen“

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Eine Krankheit setzte Diana Kempff Zeit ihres Lebens einer großen psychischen Belastung aus. In diesen Zeilen verarbeitet die Schriftstellerin ambivalente Gefühle des Leids mit Sprachkraft.

          Sie unterschied zwischen den „Leidsuchern“ und den anderen. Diana Kempff selbst fühlte sich den Leidsuchern zugehörig, aber das Leid suchte immerfort auch sie, in wechselseitiger Anziehung und Resonanz. Sie prägt auch dieses Gedicht, wo ein anfangs noch per „wir“ sprechendes und eine katastrophische Erfahrung mit anderen teilendes Ich sich projiziert in einen Baum, der vom Wind gefällt wird. Zunächst noch in ein vergleichendes „wie“ und in ein Partizip Perfekt gefasst (dritte Zeile), kippt dieser Vergleich sogleich in die (erinnerte) Gegenwart einer ebenso imaginierten wie physisch empfundenen Realität.

          Kommalos, in freien Rhythmen und Enjambements, die, vor und zurück deutend, das Geschehen ineinander schichten, erlebt das Ich sich selbst als Zusammenstürzen eines Baumstamms, erlebt dies anatomisch-vegetativ in Blut- und Nervenbahnen, als Katatonie, Vereisen, als Hieb auf den eigenen Herzschlag, Blut färbt und belebt schon scheinbar Erstorbenes, aus Eis wird Glut. Weit über die Zeilen ausholende Oxymora als Ausdruck extremen und ekstatischen Erlebens, das ein Wind entfacht hat – als der sich wieder legt, Rückkehr eines jeden zur Tagesordnung, als wäre nichts geschehen.

          Ohne dass irgend nähere Hinweise auf die Beteiligten gegeben werden, auf die Umstände, den Charakter der Erfahrung, empfinden wir den Skandal. Der in vielen Facetten uns bekannt ist, im persönlichen Miteinander, im gesellschaftlichen, ökologischen und politischen Geschehen: als Feigheit, Lüge, Gleichgültigkeit, im besten Falle Scham. Aufstehen, aufrecht sein – die suggestive Metaphorik mit ihren konkreten, unsere menschliche Haltung und Moral prägenden Sprachwurzeln greift über das Gesagte („als ich aufstand...“) hinaus und rührt an das Bewusstsein und Gedächtnis des Lesers, der sich in dem „jeder“ am Ende vielleicht wiedererkennt, vielleicht auch in dem sich verwundert oder gar entsetzt nach den Leidensgefährten umschauenden Ich, das, beschämt, ebenfalls schweigt?

          Kraft zur Dissonanz

          Diana Kempff wurde 1945, kurz nach Kriegsende, als letztes Kind des Pianisten Wilhelm Kempff in Oberfranken auf Schloss Thurnau geboren, dem einstigen Adelssitz ihrer mütterlichen Familie. Die privilegierte Herkunft schützte sie nicht vor schicksalhaftem Leid, das sie infolge einer Drüsenerkrankung zu einem sehr dicken Kind machte und ungeheuerlichen psychischen Foltern ihrer Umgebung aussetzte.

          In ihrem Roman-Erstling „Fettfleck“ hat die Autorin von diesen traumatischen Erfahrungen erzählt, sie aus der Kinderperspektive beschrieben, zugleich mit jenem Wortwitz, der aus frühkindlichen Missverständnissen kommt, immer wieder treffend in ihrer hellsichtigen Ver- und Entzerrung: „mythologisch“ oder, wie es das Kind versteht, „mütterlogisch“, das „ist, wenns nicht wahr ist und trotzdem stimmt“. Essenz eines abgründigen Humors, der immer wieder aufblitzt und das Sehen schärft. Bis auf einen weiteren Roman, „Hinter der Grenze“, der solchen Humor als Aufstand aller phantasiebegabten Wesen gegen die kalte, „frostige“, inhumane Welt der Zwecke, verordneter Ordnung und Ratio feiert, gilt ihr Hauptwerk Gedichten und Prosa, deren Grenzen oft ineinanderfließen und sich nur unmerklich im rhythmischen Duktus sowie dem freibleibenden weißen Raum unterscheiden. 1986 wurde Diana Kempff von Joachim Kaiser als allein verantwortlichem Juror der Kleist-Preis zuerkannt.

          Ihrem Buch „Das blaue Tor“ von 1989 ist das Gedicht entnommen, titellos wie alle Gedichte darin, während die meist kurzen Prosastücke des Bandes Titel tragen. Alle Texte Diana Kempffs scheinen dem Urgestus aller Kunst getreu: den Schrecken zu bannen, zu benennen. Ein apotropäischer Gestus gegenüber einer ständig drohenden Katastrophe, die schon einmal erfahren war. Als deren Zeugnis, Protokoll auch das Gedicht erscheint. So viel Abgrund, so viel aber auch an Mut und Kraft, an Sprachkraft, ihm nicht etwa zu entfliehen, sondern ihm in nächtlicher Klarheit, mit dem lidlosen Blick ihres Preis-Mentors Kleist ins Auge zu sehen. Alles andere wäre, wie es das Gedicht-Ende ahnen lässt, Verrat. „Nirgends mehr blankes Entsetzen/nur überschminkte Wunden“, heißt es in einem anderen Gedicht.

          Eine Kraft zur Dissonanz ist es, so schmerzhaft wie radikal. Eine Kraft, dem Leid und den Leidenden, allem, was quer zur verordneten Ordnung steht, unversöhnt und kompromisslos die Treue zu halten, darin gründet das wörtliche Pathos von Diana Kempffs schmalem, sprachmächtigem Werk. 2005 starb sie, mittlerweile auch Verlegerin des von ihr gegründeten Gemini-Verlags, nach schwerer Krankheit in Berlin. Bis zuletzt im Bunde mit jenen „Unheilbare(n) / die der Nacht abhören / den einzigen Ton / das andere Gesicht“.

          Diana Kempff

          In den Niederungen
          als frostig der herüberwehende Wind
          uns durchfuhr wie gefällte Stämme
          harrten wir aus doch noch im Sturz
          zuckten die Jahresringe
          unter der Haut erstarrten die Ströme
          in Nebenflüssen
          regte sich der Eisschollentanz
          der Schlag des aufgewirbelten Holzes
          traf meinen Puls
          aus pochenden Bahnen trat
          rote Flüssigkeit aus
          langsam verfärbten sich
          erstorbene Blätter
          der matte Boden schien zu glühen
          als ich aufstand und der Wind sich
          gelegt hatte tat jeder als wäre
          nichts geschehen

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