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Frankfurter Anthologie : Anonymus: „In dem Schatten meiner Locken“

  • -Aktualisiert am

Bild: FAZ

Was tun, wenn der Geliebte schläft, aber die Sehnsucht nach ihm groß ist? Ihn wecken oder aus Liebe darauf verzichten? Dieses anonyme Liebeslied wurde von Paul Heyse aus dem Spanischen übersetzt.

          3 Min.

          Dieses Gedicht ohne Titel, das Liebeslied eines unbekannten Verfassers oder einer Verfasserin, dessen Entstehungszeit niemand weiß, wurde vor allem durch Hugo Wolfs Vertonung des „Spanischen Liederbuchs“ bekannt. 1852 hatten Emanuel Geibel und Paul Heyse die Sammlung herausgebracht: Sie umfasste von den beiden Autoren übertragene „weltliche und geistliche“ Lieder aus Spanien und Portugal vom Mittelalter bis zur Neuzeit, oft anonyme Volksweisen und Romanzen, aber auch Gedichte bekannter Autoren wie Gil Vicente, Lope de Vega oder des Mystikers Juan de la Cruz. Ein poetischer Tresor, der alle Fragen nach kulturellen Identitäten müßig macht.

          Denn alle Töne, die verschiedenartigen Temperaturen und Temperamente, die sich in den vorigen Jahrhunderten auf der Iberischen Halbinsel zu einer eigenen Klangart mischten, werden hier lebendig: mit dem katholischen Erbe und seinem Marienkult auch die maurisch geprägten Melismen und Ornamente, die Gitarrenklänge der „Zigeuner“ (die Lorca in seinem „Cante jondo“ von 1931 wieder aufgreifen sollte) ebenso wie die Gesänge der einwandernden und wieder vertriebenen Juden. Die Herbheit, Kargheit der kastilischen Landschaft so sehr wie das andalusische Licht. Allesamt zugleich melancholisch durchklungen von Vergänglichkeit und Tod. Ein Sound, der von den beiden Nachdichtern auf ingeniöse Weise dem deutschen Sprachklang assimiliert wurde, in Kehrreimen, Rhythmen und Assonanzen, in Metaphern und Motiven, dabei den Wiegen-Schlaf-Marienliedern für unser heutiges Ohr etwas zusätzlich Fernes, eine gleichsam akustische Patina verleihend. Vor allem aber ist es Liebesdichtung, oftmals in Anrufung oder Wechselrede, mal anmutig, zart, mal tragisch oder sublim, nur selten ungebrochen heiter, immer leidenschaftlich. Ihre Wurzeln reichen über Petrarca und das Minnelied bis zurück ins Hohelied – rhizomartige Wurzeln, die ihre universellen Metamorphosen in sich tragen und im Lied als der Urform der Poesie entfalten.

          Das Lied, die Urform der Poesie

          Auch in diesem (von Heyse übersetzten) anonymen Liebesgedicht, das mit weiblicher Stimme spricht, sind diese Spuren und Anklänge zu finden. Wie auf einer kleinen Bühne erscheinen die Liebenden, gelagert irgendwo im Freien, vielleicht in einem Garten, unter schattigen Bäumen, durch die eine Brise weht – ihre Ermattung. Sie aber wacht, ihr Lockenhaupt gebeugt über den in Schlaf gefallenen Geliebten, sehnsüchtig, ihn zu wecken, und doch, aus Liebe, darauf verzichtend. Dreimal die Versuchung, ihn zu wecken, dreimal fragt sie sich und sagt sich dann: „Ach nein!“ Etwas wie kokette Selbstironie schwingt in der zweiten Strophe mit, in der dritten gar ein verhohlener Vorwurf: Er, der doch so lebhaft sein Begehren zeigte, auf Tod und Leben um ihre Zuneigung rang – nun schlief er bei ihr ein! Aber mit ihrem dritten „Ach nein!“ bestätigt sie sich und dem Geliebten das wechselseitige Vertrauen, das seine schlafende Hingabe bezeugt. Denn schutzloser ist keiner als der, der schläft. Und jener Schatten ist nicht mehr als der mit den leichtfüßigen Trochäen verwehende wörtliche „Schatten“ ihrer Lockenpracht – Haar, Wind und Schlange sind nicht nur dynamische Sexualsymbole, sondern auch die sublimierenden Topoi, die ans Hohelied und den Garten Eden erinnern. Kurzum, ein liebenderes Nein kann es nicht geben. Und wir, Leser oder Hörer, indirekt einbezogen in dieses locker gereimte, am Ende gar spielerisch anmutende Selbstgespräch der Liebe, sind seine Zeugen.

          In einem Gedicht von Juan de la Cruz, bekannt geworden unter dem Titel „Die dunkle Nacht der Seele“, dem letzten der Sammlung und den „Geistlichen Liedern“ zugehörig, wird eine ähnliche Schlaf-Wach-Situation beschrieben. Die Sinnlichkeit, obgleich im Gewand der überirdischen Liebe, ist hier noch gesteigert, doch die wiederkehrenden Topoi offenbaren die Zeiten überschreitende Resonanz. Und in einer weiteren wundersamen Metamorphose erscheint das Motiv Jahrhunderte später bei dem großen andalusischen Dichter Juan Ramón Jiménez, in einem kleinen Gedicht mit dem Titel „Berceuse“. Diesmal ist es der Geliebte, der spricht und wacht: „Nein, schläfst du,/küß’ ich dich nicht ...“ So der Beginn, und es folgt ein förmlich in Schlaf wiegendes Hin und Her des Schwankens und Sinnens mit einem ebenfalls sich dreimal wiederholenden liebenden Nein zu der Verführung, die Schlafende zu küssen. Gehört sie doch einer anderen Welt an und ist somit nicht sie selbst. Weshalb er sich endgültig bekennt: „... Untreu wär’ ich dir, küßte ich/dich .../Nein, nein/ich küß’ dich nicht ...“

          Dies alles Resonanzen, Interferenzen im nie verebbenden Wellenschlag der Kulturen, in dem noch eine im letzten Herbst erloschene Stimme widerklingt: die von Jessye Norman. In einer der wohl schönsten Aufnahmen der Hugo-Wolf-Vertonung hat diese große Sängerin uns das anonyme Liebesgedicht ans Ohr und Herz gelegt – mit duende, könnte man sagen. Mit diesem unübersetzbaren Wort (Enrique Beck versuchte es mit „Dämon“) hat Lorca bezeichnet, wenn der Sänger (des cante jondo oder Flamencos) in seinem Vortrag das Entscheidende plötzlich und ohne zu wollen trifft. Wenn „es“ ihn oder sie ergreift und der Funke überspringt, über alle Zeiten und Räume und Fernen hinweg.

           

          Anonymus: „In dem Schatten meiner Locken“

          In dem Schatten meiner Locken
          Schlief mir mein Geliebter ein.
          Weck ich ihn nun auf? – Ach nein!

          Sorglich strählt ich meine krausen
          Locken täglich in der Frühe,
          Doch umsonst ist meine Mühe,
          Weil die Winde sie zerzausen.
          Lockenschatten, Windessausen
          Schläferten den Liebsten ein.
          Weck ich ihn nun auf? – Ach nein!

          Hören muß ich, wie ihn gräme,
          Daß er schmachtet schon so lange,
          Daß ihm Leben geb und nehme
          Diese meine braune Wange.
          Und er nennt mich seine Schlange,
          Und doch schlief er bei mir ein.
          Weck ich ihn nun auf? – Ach nein!

          Aus dem Spanischen von Paul Heyse

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