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Frankfurter Anthologie : Stefan George: „Im windes-weben“

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Bild: akg-images

Über diese Verse von Stefan George wurde schon viel geschrieben. Denn die Klage eines Liebenden hat bisher noch niemand so reizvoll auf das Papier gebracht wie er.

          3 Min.

          Viel ist über diese zwölf kurzen, zweihebigen Verse schon geschrieben worden, die unter den „Liedern“ in Stefan Georges umfangreichstem Gedichtband „Der siebente Ring“ von 1907 stehen; viel mehr Worte, als das Gedicht selbst umfasst. Besonders prominent, aber auch reichlich kompliziert hat sich dazu der Philosoph Theodor W. Adorno geäußert. Bevor wir uns seiner Deutung zuwenden, wollen wir kurz vergegenwärtigen, was das Gedicht von sich aus sagt.

          In seinem ersten, drei Zeilen umspannenden Satz ist von einer Frage die Rede, die der Sprecher rückblickend als „Träumerei“ einstuft; sie zielte auf etwas, an das er selbst nicht glauben konnte; zumindest erscheint es ihm so, nachdem die Antwort des mit Du angeredeten Menschen nur ein Lächeln war (und dieses Lächeln auch schon alles, was das Du dem Ich zu geben hatte). Der Sprecher kommt sich jetzt ziemlich dumm vor, und nun schlägt auch noch das Wetter um – „Aus nasser nacht / Ein glanz entfacht – / Nun drängt der mai.“

          Erst diese Einordnung in den Jahreslauf macht recht deutlich, was wir unter der träumerischen Zeitangabe „Im windes-weben“ zu verstehen haben: das vorbereitende Wirken des Frühlingswinds, der bei Hofmannsthal durch „kahle Alleen“ läuft und dessen Tun schon bei Uhland (einem Dichter, den George gar nicht schätzte) als Weben bezeichnet wurde: „Die linden Lüfte sind erwacht,/Sie säuseln und weben Tag und Nacht.“ Der nahende Mai nun bringt es mit sich, dass sich die Lage des Sprechers zur ausweglosen Sehnsucht auswächst, in der ihm die sinnliche Nähe des oder der abwesenden, abweisenden Geliebten umso schmerzlicher vor Augen steht – was für andere ein Wonnemonat zu sein verspricht, hält für ihn nur Qualen bereit. Liebende können das leicht begreifen.

          Einfache Klage eines Schüchternen

          Niemand aber hat das je so ausgedrückt wie George. Wie es ihm gelungen ist, die einfache Klage eines Schüchternen zu einem Lied aus Worten zu machen, das nach mehr als hundert Jahren noch betört, ist keine Frage des Lebens, sondern der Kunst. Da ist zum einen der beiläufig-unregelmäßige Rhythmus, der sich, beim sonst so strengen George, hier ganz leicht macht, so als habe der Dichter vor lauter Gefühlsbefangenheit über ein Metrum diesmal gar nicht nachdenken können. Es wird erst in der Mitte des Gedichts hörbar, als kleiner jambischer Trommelwirbel, der den auffälligen Paarreim „Aus nasser nacht/Ein glanz entfacht“ orchestriert. Das Gedicht wirkt zunächst auch fast reimlos, doch wenn man genau hinhört, gibt es keine Zeile ohne Echo, wenn auch die Antwort bisweilen lange auf sich warten lässt („frage“ in der zweiten Zeile reimt sich auf „tage“ in der zweitletzten). All dies gibt sich leise, wie kaum ausgesprochen, „nur träumerei“.

          Gerade in der Schlichtheit steckt die höchste Raffinesse. Georges Anspruch war von Anfang an, mit der Lyrik des neunzehnten Jahrhunderts scharf zu brechen. Wo er aber Grundgefühle anspricht und Naturbilder nimmt, die seit der Romantik geläufig waren, muss er sich von den Vorläufern umso deutlicher unterscheiden, und dazu setzt er auf äußerste Verknappung und Verfremdung. Wofür Uhland zwei Verse braucht, das fasst er in einem einzigen Wort zusammen, „windes-weben“, einem archaisierenden Neologismus, was einer doppelten Verfremdung gleichkommt.

          Damit schlägt er einen zauberischen Ton an, der die Verse älter erscheinen lässt als ihre romantischen Vorläufer: Sie wirken mittelalterlich, „sie müßten dem Minnesang gelungen sein, wenn dieser, wenn eine Tradition der deutschen Sprache, fast möchte man sagen, wenn die deutsche Sprache selber gelungen wäre“, wie Adorno geistreich befand. Gerade deswegen zählte er sie „zum Unwiderstehlichsten, ... was jemals der deutschen Lyrik beschieden war“, was er aber, mit einer Art generösem Geiz, nur den letzten vier Versen bescheinigte („Nun muss ich gar/Um dein aug und haar/Alle Tage / In sehnen leben“), und er preist das nicht ganz einleuchtende „gar“, das nur dem Reim zuliebe sei, weshalb hier die „Sprachmelodie hinausreich\[e\] übers reine Bedeuten“.

          Allzu viel gewaltsames Bedeuten kennzeichnet andere Gedichte des „Siebenten Rings“, mit dem George den Kult um den früh verstorbenen Jüngling Maximin sowie die harsche Modernekritik seiner „Zeitgedichte“ erstmals in den Mittelpunkt seiner Dichtung stellte. Daneben aber finden sich in diesem höchst seltsamen Buch die Liebesgedichte der „Gezeiten“, der magisch anmutende Zyklus „Traumdunkel“ und die herausragenden „Lieder“. Aber auch ohne alles Werk- und Spezialwissen, ohne noch so sublime Deutungen bestechen die Verse vom „windes-weben“ bis heute. Sie gehen nahe, und man möchte sie als Schutzzauber mit sich führen, wenn der Mai erst wieder drängt, vor dem sich George nachhaltig zu fürchten schien. „Ich frage noch : wer kommt wenn sanft/Die gelbe primel nickt am ranft / Und sich das wasser grün umschilft / Der mir den mai beginnen hilft?“ Die Antwort lässt auch dieses Gedicht aus dem „Jahr der Seele“ offen.

          Stefan George: „Im windes-weben“

          War meine frage
          Nur träumerei.
          Nur lächeln war
          Was du gegeben.
          Aus nasser nacht
          Ein glanz entfacht –
          Nun drängt der mai ·
          Nun muss ich gar
          Um dein aug und haar
          Alle tage
          In sehnen leben.

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