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Frankfurter Anthologie : Charles d’Orléans: „Im Wald des Langen Wartens“

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Der Autor dieser Verse ist einer der berühmtesten Gefangenen der Weltgeschichte. Er dichtete, um nicht wahnsinnig zu werden – und stellt sich hier seinem größten Feind.

          Seine Jugend war bestimmt von einem Trauma. Als er dreizehn Jahre alt war, wurde sein Vater 1407 von Häschern des Herzogs von Burgund, Johann Ohnefurcht, auf offener Straße erstochen. Es ging um Macht, Einfluss, Grundbesitz. Geboren 1394 als Sohn des Herzogs Ludwig von Orléans und der aus Mailand stammenden Valentina Visconti, hätte Charles d’Orléans in höfischen Ritualen verlaufende ruhige Jahre verbringen können. Die Zeit wollte es anders – es ist der Hundertjährige Krieg zwischen England und Frankreich, das zudem von einem Bürgerkrieg zwischen Armagnaken und Burgundern zerrissen wird.

          Mit zwanzig Jahren steht er 1415 im Schlamm des Schlachtfelds von Azincourt in der Nähe von Calais, im Kampf gegen die Engländer unter Heinrich V. (dem Shakespeare 1599 ein berühmtes Drama widmen wird). Die englischen Langbogenschützen lassen einen Pfeilhagel auf die in Vollrüstung reitende, schwerfällige Übermacht der Franzosen niedergehen, für die die Schlacht in einem Fiasko endet. Heinrich V. lässt den Gefangenen die Kehlen durchschneiden, Charles d’Orléans wird verwundet unter den Leichen hervorgezogen und als menschliches Faustpfand nach England verbracht.

          Die nächsten fünfundzwanzig Jahre wird der Herzog in englischer Haft verbringen, in wechselnden Gefängnissen, zeitweise im Londoner Tower, der nicht für seinen Komfort bekannt war. Was konnte er tun, um seinen Geist wachzuhalten, um nicht wahnsinnig zu werden? Er dichtete, jeden Tag. Balladen, Chansons, Rondeaus. Es ist eine zermürbende Zeit des Wartens – so beschwört es im Rückblick sein Rondeau 225, das eine bittere Lebensbilanz in nur zwei Reime fasst. Die strenge Gedichtform lehnt sich an ein Tanzlied an, einen Rundtanz, bei dem die Füße immer wieder an dieselbe Stelle zurückkehren. In jeder der drei Strophen erscheint der Refrain „Im Wald des Langen Wartens“. Wiederholung, Warten, Wald. In der deutschen Übertragung trägt der Stabreim von „Wald“ und „Warten“ als Zufallsglück noch zur hypnotischen Wirkung bei, unterstreicht die Magie der Wiederkehr. Der weglose Wald mit den gebrochenen Bäumen wird zur allegorischen Figur, in ihm verkörpert sich die psychische Empfindung marternden Wartens. Der größte Feind des Wartenden ist nicht Heinrich V., sondern die Zeit, die verrinnt, und mit ihr die Jugend. Ein Vierteljahrhundert wird deren Rest verschlingen.

          Sein Herz war schwarz gekleidet

          Ein Rondeau ist oft mit leichten tänzerischen Inhalten gefüllt, hier verdichtet es existentielle Problematik. In seinen Gedichten beugt sich Charles d’Orléans den Konventionen der höfischen Lyrik und vermag ihnen dennoch einen persönlichen Ton abzuringen. Er hat einige der berühmtesten Rondeaus der französischen Poesie geschrieben, auch das beschwingte Frühlingslied „Die Zeit hat ihren Mantel abgestreift / aus Wind und Kälte und Regen“.

          Ganz anders Rondeau 225. In den wenigen Versen lassen sich die Katastrophen eines Lebens und die zerstörerische Übermacht der Zeit vernehmen. Weglosigkeit, Ausweglosigkeit. Die Freuden und Genüsse der Jugend sind bereits nicht mehr erreichbar, die Martern des Alters kündigen sich an. Für die von Charles d’Orléans immer wieder besungene Melancholie gab es Anlass genug, sie prägt viele seiner Gedichte: „Mein Herz ist schwarz gekleidet“.

          Gegen ein enormes Lösegeld wird er 1440 freigelassen und kehrt nach Frankreich zurück, wo er sich, nach erfolglosen politischen und militärischen Unternehmungen, gehbehindert und müde auf sein Schloss in Blois an der Loire zurückzieht, um fortan der Poesie zu leben, bis er am 5. Januar 1465 in Amboise stirbt. Eine Anekdote will, dass der melancholische Meister jede Woche, jeweils am Freitag, dreizehn arme Leute zum Essen lud und sie auch selbst bediente. Vielleicht war es der Wunsch, das Paradox der reichen Armut und des armen Reichtums ins Leben hinein zu verlängern, es selbst zu verkörpern.

          Der zweifelhafte Politiker und glücklose Feldherr wäre längst vergessen, hätte er nicht eine große Anzahl von Gedichten hinterlassen. Er ist der letzte prominente Vertreter der aristokratischen, höfischen Lyrik des französischen Mittelalters – und gewiss der bedeutendste Dichter seiner Zeit, wäre da nicht die obskure Gestalt namens François Villon (1431 bis 1463), der Autor des „Großen Testaments“ von weltliterarischem Rang, in dem man bereits den modernen Dichter ahnen kann, auch wenn diese Erkenntnis über vierhundert Jahre brauchte, um sich zu offenbaren. Auch die Rezeptionsgeschichte von Dichtung ist oft ein Wald des langen Wartens.

          Charles d’Orléans’ Rondeau 225 lässt bei allem beschworenen Desaster einen Ton der Weisheit hören, die keinem Gedicht schaden kann. „Sei dir genug“: Karge Selbstbeschränkung scheint, wenn nicht ein Ausweg aus dem dunklen Wald, so doch ein Mittel zum Überleben zu sein. Das bittere Auge-in-Auge mit der unerbittlichen Zeit ist schmerzhaft. Wenigstens ist er am Leben geblieben, während viele Gefährten in Azincourt verblutet sind. Und wenigstens gab es ein letztes Mittel gegen die Melancholie: die Poesie, die sich selbst genügt. „Sei dir genug“ – im Wald des langen Wartens.

          Charles d’Orléans: „Im Wald des Langen Wartens“ / „En la forest de Longue Actente“

          Im Wald des Langen Wartens
          Vom Schicksalswind, dem harten
          Gepeitscht, seh ich, wie’s Bäume bricht,
          Doch keinen Weg und Pfade nicht
          Für meinen Schritt, den schmerzerstarrten.

          Einst sah ich Freude aller Arten,
          Die Jugend schenkte mir die zarten
          Genüsse – jetzt: kein Funken Licht
          Im Wald des Langen Wartens.

          Das Alter sagt, mit seinen Martern:
          Du hast kein Recht mehr, keine Karten
          Im Spiel, vorbei! ruft sein Gericht,
          Sind Tage, Monat’, Jahre schlicht:
          Sei dir genug, lass all die Fahrten
          Im Wald des Langen Wartens.

          Aus dem Französischen von Ralph Dutli

          ***

          En la forest de Longue Actente,
          Par vent de Fortune dolente
          Tant y voy abatu de bois
          Que sur ma foy je n’y congnois
          A present ne voye ne sente.

          Pieça y pris joyeuse rente:
          Jeunesse la payoit contente;
          Or n’y ay qui vaille une nois,
          En la forest de Longue Actente.

          Viellesse dit, qui me tourmente:
          «Pour toy n’y a pesson ne vente
          Comme tu as eu autresfois;
          Passez sont tes jours, ans et mois:
          Souffize toy et te contente
          En la forest de Longue Actente.»

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