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Frankfurter Anthologie : Matthew Sweeney: „Hund und Mond“

  • -Aktualisiert am

Bild: Neil Astley

Die Gedichte des irischen Schriftstellers Matthew Sweeney sind witzig und ernst zugleich. Seine Geschichten lösen Altbekanntes von der Realität und erweitern damit unsere Vorstellungskraft.

          3 Min.

          War alles Bemühen umsonst? „Wieder vergebens“, lautet das Fazit am Gedichtende, und tatsächlich sind alle Versuche des Hundes, sein fernes Ziel zu erreichen, kläglich gescheitert. Er ist dabei nicht nur klatschnass geworden, sondern der Mond scheint seine Anstrengungen auch noch zu verhöhnen, aber dennoch kommt der Hund von diesem Leuchten am Himmel nicht los, das ihn anzieht, das ihm Furcht einflößt, so dass er in der Nacht herumheult, wodurch der Mond größer wird, was natürlich nur Einbildung ist, aber Einbildung ist in diesem Gedicht ohnehin fast alles. Wer denkt sich solche Situationen aus?

          Matthew Sweeney, geboren 1952, gestorben im vergangenen Jahr, ist ein irischer Autor, der zur Generation nach dem Nobelpreisträger Seamus Heaney gehört. Ihn hat er verehrt, hat an Heaneys Lachen erinnert, aber auch an dessen Totenmesse, mit einer „Krähe von Bischof“ und einem „überirdischen“ Dudelsackspieler, und schließlich hat er ihn als König in einer Unterwelt dargestellt. Wie sein Vorbild besitzt Sweeney Freude am Vitalen, schreibt plastisch und materiell, benennt seine Lieblingsweine, mag Kreaturen aller Art gern, lässt zahlreiche Vögel sein Werk durchflattern und Pferde irisch sprechen, ist witzig und ernst zugleich, spart auch den Tod nicht aus.

          Mit seinem toten Vater spielt er in der Phantasie weiterhin Schach. Gegen ihn hat er immer verloren, „das heißt: Einmal hatte er gewonnen, sich dann über Jahre zu spielen geweigert“. Nun sieht er ein gläsernes Schachspiel vor sich, fragt sich, wer der unsichtbare Gegner ist, und muss an seinen Vater denken. Keiner zwingt ihn, das Spiel aufzunehmen, aber er will die Partie mit dem Vater auch nach dessen Tod weiterführen. So setzt der Sohn sich hin, studiert das Brett und schiebt „zögernd einen klaren Bauern vor“.

          Trost einer Strickleiter im Dunkeln

          Zu seiner irischen Heimat hat Sweeney sich immer offensiv bekannt, auch wenn er länger in London, aber auch in Freiburg und Berlin lebte, und seine Gedichte besitzen auch ein landschaftlich-kulturelles Kolorit. In einem komischen Gedicht nimmt er sich vor, nach Grönland zu reisen, um dort „irische Auswandererlieder“ zu singen: „Und wenn mir die Einheimischen / drohen, meine Stimme sei Mist, / meine Lieder abscheulich, so / hole ich ein altes irisches Trikot, / signiert von Roy Keane, hervor / und frage sie, welche Farbe das sei / und in welchem Land sie ankämen, / wenn sie ins Meer hineinwateten und / immer weitergingen – nach Süden.“ Sweeneys Irland ist weitgehend unpolitisch, denn anders als Heaney musste er den blutigen Nordirland-Konflikt nicht mehr thematisieren, und ihm fehlt auch die religiöse Grundierung seines Vorbilds.

          Sweeneys Gedichte beginnen, so wie das vom Hund und Mond, fast immer in der Realität. Hunde heulen den Mond an: Das kann man beobachten, auch wenn Biologen uns erklären, dass sie das nicht wirklich tun, und das Verhalten von Hunden kann wie das von Menschen vom Vollmond beeinflusst werden. Aus diesem ersten Moment spinnt Sweeney eine kleine Geschichte, wie überhaupt viele seiner Gedichte Miniatur-Erzählungen sind. Diese löst sich von der Realität und erweitert unsere gewohnten Vorstellungen, führt in eine Welt der Phantasie, aber doch so, dass die Beziehung zur ersten Wirklichkeit bestehen bleibt, dass die gewählten Bilder also durchaus Symbole oder eigenwillig-schräge Allegorien sind.

          Versucht man das „Mond“-Gedicht in dieser Weise zu übersetzen, dann ist hier von einem Lebewesen die Rede, das nach etwas nicht Erreichbarem strebt, von dem es gleichzeitig ganz in den Bann geschlagen ist. Man darf durchaus an die Bedeutung des Monds in Bildern und Gedichten der Romantik, bei Caspar David Friedrich oder bei Eichendorff, denken, denn Sweeney kannte die Romantik gut, die englische sowieso und die deutsche unter anderem aus seiner Zeit in Freiburg. Romantiker sind unruhige Wesen, die sich von etwas Unbegreiflichem in Bewegung setzen lassen, auch wenn sie davon lächerlich weit entfernt sind. Es gibt ein Ziel, das jenseits der alltäglichen Welt liegt und dessen Bedeutung sie nur schwer in Worte fassen können. Sie lassen es auf Leben und Tod ankommen, so wie sich Sweeneys Hund auf ein Grab legt. Sie begehen Ersatzhandlungen, hier das Auseinanderjagen von Menschen, und stimmen Klagegesänge an, um ihrer Sehnsucht schließlich doch wieder zu folgen, „wieder vergebens“. Solche Hunde kommen immer wieder vor, zu verschiedenen Zeiten, in allen Kulturen, und ihr Bemühen war und ist nicht umsonst, denn sie führen ein intensives Leben und folgen einer Notwendigkeit, auch wenn das auf ihre Mitwelt komisch wirken mag.

          Diese Verbindung des Konkreten und Spürbaren mit dem Existentiellen, das ist Sweeneys Spezialität. Aus dieser Mischung gewinnt sein Werk Energie, denn beides reibt sich aneinander, die Realität reicht ihm nicht, aber ohne Realität ist alles nichts. In einem anderen Gedicht beschreibt er das Hinaufklettern an einer Strickleiter im Dunkeln so, dass daraus ein Sinnbild der Existenz wird. Man sieht nicht, wo man herkam, man sieht nicht, wo man hingelangt, und man fröstelt ununterbrochen. In der sehr schönen Übersetzung Jan Wagners heißt es am Ende von Sweeneys „Strickleiter“-Gedicht: „Doch wisse: Du bist nicht der Mann, der damit begann / die Leiter emporzusteigen, du bist ihm nur gleich./Also gewöhne dich ans Frösteln und zugleich/ans Dunkel, vergiß das Du, das einst begann / dort unten, und weiter geht’s, wie es immer schon ging.“

          Matthew Sweeney: „Hund und Mond“ / „The Dog and the Moon“

          Der Hund versuchte den Mond zu beißen,
          aber er sprang nicht hoch genug
          und fiel in den Fluß, in dem
          das Spiegelbild des Mondes tanzte.
          Auch dieses ließ sich nicht beißen, also
          schwamm er zum Ufer, wo er
          hinauskletterte, klitschnaß und heulend
          zu einem Loch lief, das er in ein Grab
          gescharrt hatte, und darin lag er nun.
          Doch der Mond leuchtete über ihm,
          und so verzog er das Gesicht, schlug um sich,
          doch seine Krallen trafen nichts, also
          erhob er sich wieder und irrte
          durch die Straßen, bellte, jagte
          Menschen auseinander, während der Mond
          sein Licht über ihm ausgoß, und er
          fürchtete sich vor diesem Glimmen, das nicht
          aufhörte, das noch zunahm, gespenstischer wurde,
          bis er den Kopf zurückwarf und in
          ein gellendes Crescendo verfiel –
          Bellen, Heulen, Winseln –, wodurch
          der Mond mindestens anderthalbmal
          so groß wurde, sich seine Leuchtkraft noch
          steigerte, so daß der Hund sprang und ihn
          noch einmal zu beißen versuchte. Wieder vergebens.

          Aus dem Englischen von Jan Wagner.

          ***

          The dog tried to bite the moon
          but he couldn’t jump high enough,
          and fell into the river, where
          the moon’s reflection bobbed.
          He couldn’t bite this either, so
          he swam to the bank, where he
          clambered out and ran off, howling,
          dripping, to a hole he’d pawed
          from a grave, and he lay in there.
          But the moon shone down on him
          and he gurned, he lashed out,
          but his nails caught nothing, so
          he rose to his feet and scarpered
          through the streets, barking,
          scattering people, while the moon
          poured its light on him, and he
          felt scared in the glow that wouldn’t
          go away, that brightened, eeried,
          until he threw his head back and
          unleashed a shrieky crescendo –
          barks, howls, whimpers – which
          made the moon at least one half-
          times bigger, and intensified
          its light, making him jump up to
          try to bite it again, and fail again.

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