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Frankfurter Anthologie : Hermann Lenz: „Pirol“

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Bild: Picture-Alliance

Dieses Gedicht bietet Verse von der Dichte eines Laubwerks. Hermann Lenz beschreibt in ihm einen seltenen Vogel, der in die Vergangenheit zurückruft.

          3 Min.

          Der Pirol, Oriolus oriolus, ist ein heimlicher, selten gesehener Sommergast in den Laub- und Mischwäldern Mitteleuropas, und wer diesen knapp drosselgroßen Vogel noch nie sah, könnte ihn nach der Beschreibung erkennen, die Hermann Lenz von ihm gibt – auch er ist, unter Lyrikern, ein heimlicher, selten gesehener Gast. Selbst denen, die ihn als großen Erzähler und Chronisten des alten Jahrhunderts kennen und lieben, sind seine Gedichte kaum bekannt, die sich im Bücherregal sehr schmal ausnehmen in der langen Reihe seiner Romane. Dabei hat Hermann Lenz mit Gedichten debütiert, 1936, da war er Student der Kunstgeschichte und sah den Krieg bereits kommen, der ihn nach Frankreich und Russland und in amerikanische Gefangenschaft bringen sollte. Immer trug er einen Band mit Mörike-Gedichten in seiner Rocktasche bei sich, sein Überlebensvorrat an Poesie. Lange dauerte es, bis er für seine Romane die verdiente Anerkennung fand, dank der Fürsprache des jungen Peter Handke, der sein begeisterter Leser war.

          Aber das Schreiben hätte Lenz auch ohne Handke nie aufgegeben. Völlig unbeirrt hielt der empfindsame Sohn eines schwäbischen Kunsterziehers zeitlebens daran fest, mit Worten die Erscheinungen ihrer Flüchtigkeit zu entreißen, die kleinsten Ereignisse des Tages aufzuzeichnen, sofern sie sein Gemüt berührten, und aus solchen Momenten speisen sich seine aufs Knappste reduzierten Gedichte. Wobei man sagen muss, dass die Begegnung mit einem Singvogel, einem so schönen, seltenen noch dazu, nicht als kleines Ereignis gewertet werden kann. Denn der hier zu sich selber spricht, ein sich erinnernder Wanderer, hat sich alle Begegnungen mit dem Pirol gemerkt, es scheint fast, als seien sie, in diesem kontemplativen Moment, für ihn die leuchtendsten und bedeutsamsten Ereignisse seines Lebens. Die ersten Zeilen halten die ursprüngliche Begegnung fest: „Er flog übern Weg, / Im Sommer bei sanftem Wind: / Ein gelber Vogel mit schwarzen Flügeln, / Schwebend in weiten Schwüngen.“ Kunstlos muten diese unaufgeregten, keinem festen Metrum gehorchenden Zeilen nur beim ersten Hören an, doch horcht man näher hin, bemerkt man das Muster der Alliterationen, „Weg“ und „Wind“, „Sommer“ und „sanft“, „flog“, „Vogel“, „Flügeln“, und „schwarzen“, „schwebend“, „Schwüngen“. Klänge von der Dichte eines Laubwerks, das kann kein Zufall sein und wirkt doch absichtslos, der natürlichen Grazie des schönen Tiers entsprechend.

          Der heimliche Gast

          „Lange ist’s her“, so rückt die Schlusszeile der ersten Strophe das epiphane Ereignis in eine mythische Ferne: Lange wohnt diese Erinnerung nun schon im Gedächtnis, und nie ist sie daraus verschwunden. Wendet man sich der zweiten Strophe zu, die weitere Begegnungen mit dem Pirol verzeichnet, dann erhärtet sich bald der Verdacht, dass es bei diesem einmaligen Erschauen des Vogels geblieben ist, denn hier ist nurmehr von seinem Gesang die Rede, der dem Wanderer zumindest dreimal in die Ohren geklungen hat, zuerst „Oben im Blattgewölb‘/Des Gewands Lichte Eichen“. Diese zunächst kryptisch anmutende Lokalisierung lässt sich dank moderner Hilfsmittel identifizieren: „Lichte Eichen“ ist eine Flurbezeichnung, die auf die Hohenloher Ebene verweist, und „Gewand“ bezeichnet im Süddeutschen den Teil einer Gemarkung. Die topographische Genauigkeit ordnet den Gesang des Pirols der Kindheitslandschaft des Autors zu, der bis zum zwölften Lebensjahr in Künzelsau aufwuchs. Dann wird ein Fluss genannt, dessen Namen der Sprecher nicht preisgibt, es mag die Jagst sein, der Kocher, der Neckar, und schließlich erzählt er vom bislang letztmaligen Hören des Vogelgesangs im österreichischen Burgenland, „Wo das Akazienwäldchen/Von Bienen summte.“

          Man muss nicht wissen, dass Lenz sich schon in seiner Jugend ins alte Wien sehnte, das er sich kultivierter dachte als seine Heimatstadt Stuttgart, um die utopische Dimension zu erfahren, die in diesem betörenden Aufruf einer fernen Landschaft liegt, denn die Utopie sammelt sich im Vogelruf: „Düdelüo klang’s von oben“, und zwar „zwischen gefiederten Blättern“, die Bäume sind also zum erweiterten Vogelkörper verwandelt. Und nun, in den Schlusszeilen, taucht der Erinnernde aus dem Vergangenen in eine Gegenwart auf, die durch die Abwesenheit des Pirols gekennzeichnet ist, mit dem Gedanken an eine Zukunft, die ihn wiederbringen könnte: Reiner kann man Verlust und Hoffnung nicht ins Bild fassen.

          Was hat es nun aber auf sich mit diesem Vogel? Was liegt an ihm? Muss man sich ins Gedächtnis rufen, dass die reale Erscheinung wildlebender Tiere, von Vögeln zumal, zum Unverfügbaren gehört, das jedem Menschen geschenkt werden muss, wie die Augenblicke des Glücks und der Eingebung? Der Dichter hat sich dies vermutlich nicht gedacht, er macht den Vogel nicht zum Werkzeug einer Deutung, er hängt an ihm in seiner Evidenz. Um 1980 ist dieses Gedicht entstanden, Lenz mag da 67 Jahre gewesen sein, und alle Sehnsucht nach der Wiederkehr vergangener Momente, deren ein älter gewordener Mensch fähig ist, liegt in dieser Apotheose des Pirols.

          Hermann Lenz: „Pirol“

          Er flog übern Weg,

          Im Sommer bei sanftem Wind:

          Ein gelber Vogel mit schwarzen Flügeln,

          Schwebend in weiten Schwüngen.

          Lange ist’s her.

           

          Später hörtest du seinen Gesang

          Oben im Blattgewölb’

          Des Gewands Lichte Eichen,

          Auch dicht am Fluß

          Und im Burgenland,

          Wo das Akazienwäldchen

          Von Bienen summte.

           

          Düdelüo klang’s von oben

          Zwischen gefiederten Blättern.

           

          Seitdem wartest du,

          Daß du ihn wiedersiehst,

          Schwebend in weiten Schwüngen.

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