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Frankfurter Anthologie : Henri Michaux: „Eisberge“

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Bild: FAZ.NET

Dieses Gedicht entwirft ein anschauliches Bild für das Streben nach finaler Gleichgültigkeit. Henri Michaux setzt es seinem Lebensthema entgegen: der - persönlich traumatisch erlebten - Ablehnung.

          3 Min.

          Der gebürtige Belgier Henri Michaux brach als junger Mann sein Medizinstudium ab und heuerte als Matrose auf einem nach Lateinamerika fahrenden Schiff an. Der Trieb, allem zu entkommen, was ihn umgab, und in ein Außerhalb zu gelangen, das für ihn nicht radikal genug gedacht werden konnte, bezeichnet seine Entwicklung als Dichter und Maler insgesamt. Es sollten Reisen in den Fernen Osten folgen, der kühne Versuch, sogar ein Außerhalb der Sprache und ihrer Traditionen zu erreichen, schließlich Drogenerfahrungen, die er mit der Präzision des Forschers beschrieb.

          Als Kind von der Mutter auf traumatische Weise abgelehnt, verspätet das Sprechen erlernend, sollte er Ablehnung zu einem Gestus entfalten und in seinem Werk auskomponieren, der ihn zu einer der faszinierendsten Figuren des zwanzigsten Jahrhunderts machen würde. Das Gedicht entwirft ein anschauliches Bild für dieses Streben nach finaler Gleichgültigkeit den menschlichen Umständen gegenüber und nach gründlicher Befreiung. Eisberge im äußersten Norden werden in den Blick genommen. Sie bieten weder Gurt noch Geländer, sie können nicht etwa erklommen werden, und jeder Versuch dazu müsste zum Sturz in die Tiefe führen. Gleichwohl werden sie in ihrer Unerreichbarkeit deutlich geschaut.

          Schippern in die Unendlichkeit

          Paul Celan war mit dem sonst wenig umgänglichen Michaux in Paris befreundet und widmete sich, wie seine Ehefrau Gisèle Lestrange in einem Brief mitteilt, mit „Freude und Erstaunen“ dessen Werk. Er hat den ersten Band einer zweibändigen deutschen Auswahl-Ausgabe des dichterischen Werks von Michaux bei S. Fischer in Frankfurt herausgegeben und darin sowohl eigene Übertragungen als auch solche von Kurt Leonhard veröffentlicht. Celan stieß dabei zunächst auf gewissen Widerstand eines Lektors, erkrankte wieder psychisch schwer und musste die Arbeit am zweiten Band aufgeben, den Kurt Leonhard dann alleine übertrug. Celans eigene Übersetzungen sind, wie gewohnt, mustergültig, exakt und treffend.

          Bezeichnend für Michaux ist das Paradox, dass in der Entferntheit und Unwirtlichkeit, wie es von den alten Kormoranen und soeben gestorbenen Matrosen heißt, etwas wie Heimat und Halt für die entflohenen Seelen gefunden werden kann. Die Eisberge präsentieren völlige Reinheit, einen Ort an extremstem Rand, Endgültigkeit, und stehen – in der Erstbegegnung mit diesem Autor vielleicht befremdlich – in einem Außerhalb des Lebens. Sie werden religionslose Dome genannt; der Gedanke an Frömmigkeit verbietet sich längst. Es gibt keinen Wechsel der Jahreszeiten mehr; Stillstand ist erreicht. Jetzt wird auch tatsächlich von Buddhas gesprochen, die in ihrer Ruhe inspirierend sind.

          Der Dichter – wie gern hatte er als Schüler doch Heiligenviten gelesen! – hatte sich bald vom Christentum verabschiedet und den Lehren des Fernen Ostens zugewandt. Nach dem Ende der Metaphysik bleibt aber doch die Erfahrung von Erhabenheit möglich. Die Meere ringsumher bleiben ungeschaut, den Eistürmen eignet Blicklosigkeit; jede Intentionalität ist aufgehoben. Tiefe Dimensionen der Zeit tun sich auf; und die bestürzende Stille kann sich gleichwohl noch verlautbaren und der Verzweiflung Ausdruck geben. Hervorgehoben wird sodann, dass es sich bei den Gletschern um grundlos Einsame handelt: das Individuum lässt seine Angewiesenheit auf intersubjektive Beziehungen hinter sich und gewinnt Autonomie und Selbständigkeit als einzelnes Wesen (die Idee findet sich ja auch schon bei Max Stirner). Jetzt ist die Erinnerung an unangenehme Zeitgenossen getilgt, nirgendwo stört mehr „Geschmeiß“ (auch gegen die deutschen Besatzer von Paris und jede Art von Herrschaftswillen hat Michaux angeschrieben). Der Dichter spürt bei seiner Betrachtung Nähe zu den Quellen – noch einmal sind Trunk und Erquickung, deren Möglichkeit in geistigem Sinn für die meisten Vertreter der literarischen Moderne kaum noch bestand, zum Greifen nah; die Fahrt ins Nichts entbindet Fruchtbarkeit. Die Leinen sind gekappt; der Knoten löst sich, und der Dichter schippert hinaus in die Unendlichkeit.

          Tatsächlich stellt die Begegnung mit größter Leere für den Lyriker, der vielleicht gar nicht Lyriker hat sein wollen, sondern Reisender und Praktiker eines abenteuerlichen Lebens, die gleichzeitige Erfahrung einer unausdenkbaren Fülle dar. Ein der Mystik nahestehender Text von ihm trägt demgemäß den Titel „Sturzbach der Leere“. Die Verherrlichung der Eisberge steht im Zusammenhang jener überaus kraftvollen Negativität, mit der Michaux später in seinen als „Schlachten“ bezeichneten schwarzen Tuschmalereien die im Außerhalb möglich werdende Freisetzung grenzenlosen Gewimmels gelungen ist. Unter anderen von Jorge Luis Borges, Paul Celan, Émile Cioran, Maurice Blanchot und Helmut Heißenbüttel bewundert, wartet er hierzulande noch immer auf eine breitere Rezeption.

          Henri Michaux: „Eisberge“

          Eisberge, gurtlos, geländerlos, wo alte abgekämpfte Kormorane

          und die Seelen der kürzlich verstorbenen Matrosen an den

          hyperboräischen Zaubernächten Stütze finden und Halt.

           

          Eisberge, Eisberge, religionslose Dome des ewigen Winters,

          von der Eiskappe des Planeten Erde umkleidet.

          Wie sind sie hoch, wie sind sie rein, deine frostgeborenen Ränder.

           

          Eisberge, Eisberge, Rücken des Nord-Atlantiks, erhabne,

          auf ungeschauten Meeren zu Eis erstarrte Buddhas, Blinkfeuer

          des ausweglosen Todes, der desperate Schrei der Stille hält

          Jahrhunderte an.

           

          Eisberge, Eisberge, grundlos Einsame der zugemauerten Länder,

          Abstand wahrend und frei von Geschmeiß. Eltern der Inseln,

          Eltern der Quellen, wie gut ich euch sehe, wie vertraut ihr mir

          seid...

           

          Aus dem Französischen von Paul Celan

           

          ***

          Icebergs, sans garde-fou, sans ceinture, où de vieux cormorans abattus et les âmes des

          matelots morts récemment viennent s’accouder aux nuits enchanteresses de l’hyperboréal.

           

          Icebergs, Icebergs, cathédrales sans religion de l‘hiver éternel, enrobés dans la calotte

          glaciaire de la planète Terre.

          Combien hauts, combien purs sonts tes bords enfantés par le froid.

           

          Icebergs, Icebergs, dos du Nord-Atlantique, augustes Bouddhas gelés sur des mers

          incontemplées, Phares scintillants de la Mort sans issue, le cri éperdu du silence dure des

          siècles.

           

          Icebergs, Icebergs, Solitaires sans besoin, des pays bouchés, distants, et libres de vermine.

          Parents des îles, parents des sources, comme je vous vois, comme vous m’êtes familiers…

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