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Frankfurter Anthologie : Hendrik Rost: „Furor“

  • -Aktualisiert am

Bild: Matthias Lüdecke

Wenn die Urteile im Unterholz rascheln und die Augen leuchten vor lauter Wahrnehmungseuphorie: Dieses Gedicht handelt vom Schreiben, vom Totengedenken und der unbedingten Hinwendung zum Leben.

          Als ich noch als Hochschüler war in Düsseldorf am Rhein, traf ich auf dem Bahnhofsvorplatz einen stadtbekannten Dichter. Das heißt, ich sah ihn, wie er durch die Menge navigierte, in eine Straßenbahn einstieg und davonfuhr. Während er auf die Bahn zueilte, blickte er blitzschnell und hellwach auf alles, was ihn umgab. Ich erinnere mich am ehesten an seine Augen, die so schnell und vorwitzig hin und her huschten wie kleine Tierchen, Mauswiesel, Spatzen. Ich stand da, er kam auf mich zu, ging vorbei und war verschwunden. Damals dachte ich, das ist ein Dichter, so muss ein Dichter sein – er sieht alles, huscht durch die Menge, hinterlässt keine Spur, gehört nicht dazu.

          In den vergangenen Jahren habe ich intensiv an einem neuen Buch gearbeitet. Und ich habe mir viele Gedanken gemacht über dieses Werk, habe beobachtet, wie es entsteht, und habe gestaunt, dass dieses Buch wächst und wächst, mehr oder weniger ohne mein Zutun. Dabei habe ich bemerkt, wie weit ich mich von jenem hellwachen Beobachter damals vor dem Bahnhof entfernt habe, dass nämlich das Durchschreiten der Menge von Eindrücken ohnehin ganz von selbst und intuitiv geschieht, ohne dass die flinken Kreaturen der Sinne alles erfassen müssten. Dann rascheln die Urteile im Unterholz und die Augen leuchten vor lauter Wahrnehmungseuphorie über die gesehenen Dinge, die zu brauchen wären als Motiv oder nicht. Alles ist ja ohnehin da, und es wird nicht verschwinden im Dunst der Anschauung.

          Die gewendete Wildheit

          „Furor“ ist nicht zuletzt auch eine Selbstvergewisserung. So erinnere ich mich an eine morgendliche Schulbusfahrt. Neben mir saß ein amerikanischer Austauschschüler, den ich bewunderte für seine Lässigkeit, sein Anderssein. Unvermittelt fragte er mich, ob ich Gedichte schriebe. „Ja“, antwortete ich und begann sogleich auf einem Zettel mein erstes Gedicht zu notieren. Als es fertig war, gab ich es ihm. Er las es und sagte dann: „Das ist kein Gedicht“, und gab mir den Zettel zurück. Diese Abfuhr – er sagte mir nie, was es denn sei, oder gar, was ein Gedicht sei – habe ich als ungeheuren Ansporn empfunden. Bis heute erwäge ich, was ein Gedicht ist oder was das ist, was ich damals und seitdem immer wieder verfasst habe.

          Furor, das ist auch der Alltag. Alltag dieser verschiedenen Leben, die gleichzeitig zu führen sind. Das eines Angestellten, der Tag für Tag zum Dienst eilt und seinen Lebensunterhalt verdient. Das eines Ehemanns, das eines Vaters. Das eines Autors, der alte Bücher verschlingt und ein neues schreibt. Und nicht zuletzt das eines Radfahrers, der mit den Kindern zur Schule radelt, sie mit Luftküssen verabschiedet und dann hochschaltet und mit dem Zeitfahren beginnt, um rechtzeitig im Kontor zu sein. Alles ist getaktet, und es ist beinahe ein Rennen wie von Hase und Igel, Verpflichtung und Sentiment. Die Spalten zwischen diesen einzelnen Leben füllen sich mit Lektüreerinnerungen, mit eigenen Ideen, Entwürfen kommender Gedichte, mit dem ganzen Kitt einer Kultur, in der alles schon gewesen ist und nicht bleiben kann, wie es ist. Und wie ich so morgens diagonal durch die Stadt eile, ist mir allmählich aufgegangen, zu welchem Ende dies Schreiben führt.

          Es ist zum einen ein Totengedenken und zum anderen eine unbedingte Hinwendung zum Leben. Wie Friedrich sagte, ein Bild ergibt das andere – so auch bei Geschichten. All diese Stimmen, die da umherschwirren, die ihre Bücher gefunden haben und zu lesen sind, gelesen werden und wieder selbst Gedicht werden, sie begleiten mich auf dem Weg, dies Leben irgendwann ohne Not zu verlassen – selbst eine Stimme zu sein, die flüsternd vorbeirast wie surrende Speichen im stillen Volkspark oder das Schmatzen der Reifen auf dem heißem Asphalt. Eine flüsternde Stimme wie jene des Phantoms des nächsten, noch zu schreibenden Gedichts.

          Nun bin ich kein Mönch am Meer. Ganz im Gegenteil, vielmehr ein Paterfamilias zwischen Vorschule und Büro, zwischen Streichelzoo und Abendbrot. Dort sitzen wir zusammen am Tisch, es gibt Kitsch mit Soße, und wir erzählen einander von den neuesten beobachteten und selbsterlebten Kollisionen und Beinaheunfällen, von platten Reifen, von den drei Krähen im Stadtpark, die ungerührt ein junges Eichhörnchen vertilgten, von dem Kaninchen, das mir um Millimeter unter dem Vorderrad hindurchschlüpfte mit rasenden Pfoten. Wir erzählen von den ersten Versuchen in Schreibschrift, von Zehnerüberschreitung, von Regenwürmern in der Hosentasche. Von Versuchen, in Nebeln der Leidenschaften ein Paar zu sein und auch allein seinen Weg zu finden. Von der zu Leben und Geschick gewendeten Wildheit.

          Hendrik Rost: „Furor“

          Voller Wut ging ich das halbe Leben lang spazieren

          und kam bis zu Friedrichs Gemälde vom Nebelmeer,

          nach einem halben Leben fand ich in dem Bild die Tür.

          Dahinter war es laut und hell, es war heftig, war klar

          hinterm Überdruss, und Schluss war mit Promenieren.

           

          Die Wut, Caspar David, sie war dunkel und stumm,

          doch was im Dunklen war, hinterm Dunst ist es klar,

          ist licht jenseits der Tür. Jeder wird älter. Wer überlebt

          und sie durchschreitet, die Allegorie, wer älter wird

          als alle, alle Rage, der schließt hinter sich das Bild.

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