https://www.faz.net/-gr0-7xej3

Frankfurter Anthologie : Heinrich Heine: „Ich seh im Stundenglase schon“

  • Aktualisiert am

Bild: F.A.Z., picture alliance

Über letzte Dinge kann man auch mit Komik dichten. Heinrich Heine, schon an die Matratzengruft gefesselt, beweist es eindrucksvoll mit diesem Gedicht über Liebe, Tod und Trauer.

          2 Min.

          Wie leicht und einfach das aussieht: viermal vier vierhebige Verse, kreuzgereimt und alltagssprachlich (Gedichttext im Kasten unten). Dabei geht es um Leben, Liebe und Tod, um Leib und Seele. Aus der Spannung zwischen Ton und Thema ergibt sich eine zarte Komik, frech gegenüber der Erwartung, dass über letzte Dinge nur ernsthaft gesprochen werden dürfte, frech aber auch gegenüber dem Sprecher selbst, der sich doch ganz nackt und bloß zeigt: im finalen Liebeskummer und in Todesangst. Der an einer Muskellähmung langsam zugrunde gehende Dichter auf dem Sterbebett, das er seine „Matrazengruft“ nennt: Dieser deutsche Jude, der sich als einen gescheiterten Krieger im demokratischen Freiheitskrieg sieht, geflohen nach Paris, heimisch geworden in einer Kultur, die in seiner Heimat wenig gilt, und jahrelang bemüht, zwischen beiden zu vermitteln: er schreibt seine letzten Verse über seine Geliebte und über Gott.

          Ja, auch über Gott. Denn wie ein Schutzheiliger steht der biblische Lazarus als Titel über diesen letzten Gedichten; „Zum Lazarus“, lautet Heines Vermerk. Zwei Figuren gleiten darin ineinander: der im Leben Geschundene, der nach seinem Tode in Abrahams Schoß liegt, und der von Christus Auferweckte. Und mit der Bibel erwachen sehr alte Bilder zu neuem Leben: die Sanduhr, das leere Haus, das Mysterienspiel von Seele und Tod. Selbst die Sehnsüchte der verspotteten Romantik kehren wieder, im Modus des Spotts. Wie kann man im modernen Paris von der angstvoll flatternden Seele dichten? Indem man sie, indiskret und komisch, mit dem Floh vergleicht, der im Sieb zappelt.

          Was wird aus dem armen Engel?

          Wo Heine einen Witz macht, da liegt ein Schmerz verborgen. Die Ironie ermöglicht die Aufrichtigkeit; in der Pointe artikuliert sich sein Pathos. So bemerkt er in einem ungefähr gleichzeitig entstandenen Gedicht, im Ernstfall des Sterbens sei kein Platz mehr für graziöse Schäferspiele. Doch indem er sie verneint, führt er sie dann selbst noch einmal auf, als sterbender Schäfer, der sich um sein Lamm sorgt: „Ich war, O Lamm, als Hirt bestellt / Zu hüten dich in dieser Welt“. Es klingt wie ein Gebet. Das Lämmchen Gottes: es heißt hier Mathilde. Das ist, wenn man will, blasphemisch. Aber die Liebe, mit der dieser Sterbende sein Lämmchen noch umsorgt, die ist es nicht. Noch wenn er ihr ausmalt, wie sie bald an seinem Grab stehen werde, mahnt er sie, für den Heimweg nur ja die Droschke zu nehmen; man sei ja nicht mehr so leichtfüßig wie einst.

          Ebenso spaßhaft und traurig redet er hier von Leib und Liebe, von Seele und Engel, von Mathilde und Lazarus. Das Heilige und das Profane schlingen sich ineinander, eine anmutige und verwirrende Girlande, bis zum Rätsel im vorletzten Vers. Denn wie verhalten sich die beiden Gegensatzpaare zueinander? „Der Mann und das Weib, die Seel’ und der Leib“: Steht das eine für das andere, wie in den alten Allegorien, oder stehen sie nebeneinander als zwei Paare? Dass es beides in der Schwebe lässt, auch das gehört zum Zauber des Gedichts.

          Wie unheimlich dieser Zauber werden kann, wie unmerklich Heines Understatement das Grauen umspielt, das zeigt erst der Blick auf die Form seiner Verse: auf seine Kunst des Metrums. Denn die eine Frage ist, wovon das Gedicht spricht - und die andere: was sich in ihm vollzieht. In mäßig beschwingten Jamben beginnt es, im gleichmäßigen Wechsel unbetonter und betonter Silben. Dann mischen sich unruhig erste dreisilbige Daktylen hinein, in der Liebe zur „süßen Person“ und im angstvollen „reißt mich aus“. Das Zittern und Flattern der armen Seele wird im Rhythmus eben des Verses hörbar, der es schildert. Und in der vierten Strophe endlich gehen das Sich-Sträuben, das Winden und Wenden ganz in den Klang ein, so wie im letzten Vers die Hingabe ins Unvermeidliche. Was wie ein Tanzlied beginnt, erweist sich, in Rhythmus und Syntax, als die Beschreibung eines Kampfes. Der Leib verliert diesen Kampf, erwartungsgemäß. Aber was wird aus der Seele, aus dem armen Engel, der zurückbleibt, was wird aus der unhaltbaren Liebe?

          Heinrich Heine: Ich seh im Stundenglase schon

          Ich seh im Stundenglase schon

          Den kargen Sand zerrinnen.

          Mein Weib, du engelsüße Person!

          Mich reißt der Tod von hinnen.

           

          Er reißt mich aus deinem Arm, mein Weib,

          Da hilft kein Widerstehen

          Er reißt die Seele aus dem Leib –

          Sie will vor Angst vergehen.

           

          Er jagt sie aus dem alten Haus,

          Wo sie so gerne bliebe.

          Sie zittert und flattert – wo soll ich hinaus?

          Ihr ist wie dem Floh im Siebe.

           

          Das kann ich nicht ändern, wie sehr ich mich sträub’,

          Wie sehr ich mich winde und wende;

          Der Mann und das Weib, die Seel’ und der Leib,

          Sie müssen sich trennen am Ende.

          Weitere Themen

          ESC kehrt zurück – natürlich Corona-konform Video-Seite öffnen

          Musikwettbewerb in Rotterdam : ESC kehrt zurück – natürlich Corona-konform

          Nach einer Corona-bedingten Zwangspause im vergangenen Jahr kehrt der Eurovision Song Contest zurück. Ausgerichtet wird das Musikspektakel in diesem Jahr in der niederländischen Hafenstadt Rotterdam. Die Organisation des weltberühmten Publikumevents ist in Pandemie-Zeiten eine große Herausforderung.

          Wo beginnt der deutsche Sonderweg?

          Antisemitismus in Deutschland : Wo beginnt der deutsche Sonderweg?

          Antisemitisch motivierte Straftaten nehmen hierzulande zu, der Hass scheint zu wachsen. Doch wie war es früher in Deutschland? Eine Reportage und eine historische Studie zum Antisemitismus geben Auskunft.

          Topmeldungen

          Nahostkonflikt : USA werfen Erdogan Antisemitismus vor

          Die Regierung von US-Präsident Joe Biden hat Äußerungen des türkischen Staatschefs über Israel scharf verurteilt. Das israelische Militär und radikale Palästinenser setzten ihre Angriffe in der Nacht fort.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.