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Frankfurter Anthologie : Hans-Ulrich Treichel: „Im Koeppen-Archiv“

  • -Aktualisiert am

Bild: Marcus Kaufhold

Gemessen an seinem schmalen Werk hat es der Autor Wolfgang Koeppen in Greifswald auf eine beträchtliche Zahl von Archiven gebracht. In einem ist dieses Gedicht über den Geist der Vergeblichkeit entstanden.

          2 Min.

          Vom Bahnhof Greifswald ist es nicht weit bis zu Wolfgang Koeppens Geburtshaus, in dem sich heute das Koeppen-Archiv befindet. Wer es betritt, kann feststellen: Alles ist auf das Beste geordnet. Koeppens Bibliothek steht zur Benutzung bereit, jedes Manuskript hat eine Mappe und noch die unscheinbarste Koeppen-Notiz ihre Archivnummer.

          Und doch fehlt zugleich so vieles in diesem Schriftstellernachlass, was freilich nicht dem Archiv anzulasten ist, sondern dem Autor selbst. Denn sein Ruhm verdankt sich nicht nur dem geschriebenen, sondern auch dem ungeschriebenen Werk. Es ließe sich leicht ein halbes Dutzend Romane auflisten, die Koeppen projektierte, von denen er dank großzügiger Vorschüsse sogar gelebt, die er aber nie geschrieben hat. Darunter auch der legendäre „große Roman“ sowie eine Autobiographie, von der, neben Fragmentarischem, vor allem aber das Titelblatt überliefert ist mit dem Titel „Nein“. Auch das findet sich im Koeppen-Archiv, und zwar unter der Archivnummer M. 26-1.

          Klandestine Dependance

          So viel archivarische Ordnung in eigener Sache hätte sich Koeppen, der im Umgang mit dem eigenen Werk einen eher lässigen bis nachlässigen und zuweilen auch ganz vom Geist der Vergeblichkeit beseelten Stil pflegte, zu Lebzeiten wohl niemals vorstellen können. Allerdings befand sich in Greifswald – und existiert womöglich noch immer – ein weiteres Koeppen-Archiv, in dem sich der Geist und die Lebenshaltung des Autors viel eher offenbarten. Wobei es sich hierbei um eine Art Abstellkammer handelte, eine klandestine Dependance. Gemeint ist ein Raum im ersten Stock der alten Universitätsbibliothek, der über eine Eisenstiege zu erreichen und mit dem Schild „Klubraum“ versehen war, was immer das zu bedeuten hatte.

          Wer über Koeppen forscht, sollte ins Koeppen-Haus in der Bahnhofstraße gehen. Wer aber den Geist der Vergeblichkeit spüren, die Melancholie des Schriftstellerdaseins nachempfinden oder gar ein Gedicht darüber schreiben wollte, der war gut beraten, sich auf den Weg in diese Koeppen-Kammer zu machen. Hier fand sich alles, was das Herz des Spurensuchers begehrte: nicht nur Geschriebenes, nicht nur Worte, sondern auch Dinge: ein Billy-Regal beispielsweise. So ein Regal kann ein ganzes Leben enthalten. Koeppens Schallplatten wurden hier aufbewahrt, verschiedene Kunstdrucke, ein Stofftier, ziemlich lädiert und womöglich zu oft an die Brust gedrückt. Außerdem eine Wolldecke, die rheumatischen Knie zu wärmen. Oder eine Schachtel mit Verbandszeug. Pflaster für welche Wunden?, fragte sich der besorgte Besucher.

          All das habe ich als Koeppen-Forscher mit eigenen Augen gesehen und einiges davon ins Gedicht transportiert. Wobei ich nicht ausschließe, dass ich, um der lyrischen Wirkung willen, die jeweiligen Bestände aus Hauptarchiv und Dependance ein wenig durcheinandergebracht oder gar etwas dazuerfunden habe. Die Maske aus porigem Gips beispielsweise. Gab es sie wirklich? Oder die Fotos aus Rom? Sicher bin ich mir nicht. Aber in Sachen Koeppen ist ja ohnehin vieles nicht sicher. Anderes hingegen glaube ich nicht nur nicht erfunden, sondern vielmehr diskret verschwiegen zu haben: die Büchner-Preis-Urkunde zum Beispiel. Lag sie nicht auch in diesem Billy-Regal? Gleich neben der Wolldecke und dem Stofftier? Aber das wäre wohl zu viel des Guten gewesen, zu viel Vanitas, zu viel Vergeblichkeitsinventar, zu viel schlagende Symbolik. Denn nicht alles, was ins Schwarze trifft, gehört auch in ein Gedicht.

          Hans-Ulrich Treichel: „Im Koeppen-Archiv“

          Das Ikearegal,

          ein fleckiges Stofftier,

          die Rheumadecke

          aus tausendundeiner Nacht.

           

          Bitte nicht berühren.

           

          Ganz unten

          im Blechschrank

          die Maske aus porigem Gips

          und fast ohne Mund.

           

          Und wo, wenn ich fragen darf,

          ist der große Roman?

           

          Vielleicht dort

          in der Schachtel

          mit dem Verbandszeug

          und den Fotos

          aus Rom.

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