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Frankfurter Anthologie : Gottfried Benn: „Was man nennt ...“

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Ein unbekümmertes, fast schlagerhaftes Gedicht von Gottfried Benn. Doch die Fülle der Bezüge und biographischen Anspielungen geht weit über ein bloßes Evergreen-Parlando hinaus.

          Im Mai 1937 schreibt Gottfried Benn, als Oberstabsarzt der Wehrmacht in Hannover stationiert, seinem Freund Oelze einen deprimierten Brief. Er möchte „in diesem Land nicht sterben“, das sei der einzige Gedanke, der ihn zuweilen noch beschäftige. „Wenn dies vorüber ist,?: – ob Deutschland etwas daraus lernen wird? Ich glaube es nicht mehr.“ Dem Volk fehle jede „Anlage zu Differenzierung u. Helligkeit u. moralischer Verfeinerung“, Reichtum und Glanz entwickele es nur, wenn „andere Rassen es lösten u. äderten“: „Ein klägliches Vaterland, lieber Herr Oelze!“ Der düsteren Zukunftsvision folgt der nüchterne Blick zum Fenster und ins eigene Innere. „Draussen schöner Sommer. Die Wohnung kühl; die Gedanken abgründig zersetzend u. der Café stark. Ein Schlagerlied aus einem amerikanischen Revuefilm sagt mir mehr, erregt mich mehr als die tiefen Gedanken der Geschichte u. der deutschen Zeit.“

          Als es einige Jahre später vorbei ist mit der „deutschen Zeit“, sitzt Benn wieder in Berlin, in seiner Praxis für Haut- und Geschlechtskrankheiten. Die Verachtung für die tiefen Gedanken der Geschichte ist nach dem Ende des Krieges nicht geringer geworden. Man höre endlich auf mit den unnützen Spekulationen der „Geschichtsphilosophie“, schreibt er 1948 wiederum an Oelze. Historie sei „Mord u. Totschlag von jeher u. in aeternum u. es hat gar keinen Sinn, sie mit moralischen u. intellectuellen Vokabeln zu verzieren“. Wer wissen will, wie es um seine Epoche bestellt ist, muss keine gelehrten Abhandlungen studieren, sondern braucht nur am Knopf des Radios zu drehen: „Ein Schlager von Rang“, verkündet das Nachlass-Gedicht „Kleiner Kulturspiegel“, „ist mehr 1950/als 500 Seiten Kulturkrise“.

          Die großen Melodien

          Und lebensnaher als alle „Gedankengänge“ der Philosophie. Bloßes Gestänge, seelenlose Mechanik seien diese gegen eine Melodie, heißt es im 1951 entstandenen, ebenfalls posthum veröffentlichten Gedicht „Was man nennt...“. Dessen Unbekümmertheit der Motiv- und Reimwahl („von Meer zu Meer / ... litten so sehr“) und Sorglosigkeit der logischen Verknüpfungen (nicht die Melodie wird durch die Zeiten getragen, sondern sie ist es, die die Zeiten trägt), hat selbst etwas Schlagerhaftes. Doch die Fülle der Bezüge und biographischen Anspielungen geht weit über bloßes Evergreen-Parlando hinaus.

          In den ersten beiden Versen der zweiten, vom Allgemeinen zum Persönlichen kommenden Strophe setzt der sonst durchgehende Kreuzreim plötzlich aus, markiert ein Innehalten und Heraustreten aus dem metrischen Rhythmus des Gedichts. Erst das „nicht verstehn“ nimmt diesen wieder auf und leitet über zu „Lili Marleen“, Lale Andersons von Freund und Feind gesungener Heimwehhymne des Zweiten Weltkriegs, gegen die das in Fernwehklängen schwelgende „Im Hafen von Adano“, 1949 von René Caroll und Lonny Kellner aufgenommen, die Italiensehnsucht der jungen Bundesrepublik einläutet. Im Süden war die von Benn vermisste Helligkeit vielleicht zu finden, selbst wenn der fiktive Name der sizilianischen Stadt aus einer Kriegsnovelle des englischen Autors John Hersey stammte. „Höhe Tiefstand“ (Vers 14) benennt das dem Schlager eigene Nebeneinander von Bedeutung und Banalität, steht aber ebenso für den Gezeitenwechsel des Meeres, für das Ein- und Ausströmen, für das Leben überhaupt.

          Aus seiner Schwäche fürs Eingängige und Gefällige machte Benn nie einen Hehl, seine Abneigung gegen den Kanon der Hochkultur war notorisch. Jede Kunstäußerung, die wie Wagners Opern länger als sechzig Minuten dauerte, empfand er als infam, „anspruchsvoll“ galt ihm als Schimpfwort, Krimis empfahl er als „Radiergummi für’s Gehirn“. Auch gegen zweitklassige Romane schien ihm wenig einzuwenden, sie konnten immerhin unterhalten und belehren. Nur in der Lyrik sei „das Mittelmäßige schlechthin unerlaubt und unerträglich“, sie müsse entweder „exorbitant sein oder gar nicht“. Aber auch in die subtilsten Schöpfungen des Geistes wehten die einfachen Melodien zuweilen hinein. Und kündeten von Schmerz und von Glück. Von Gram, Wollust und Zärtlichkeiten.

          Gottfried Benn: „Was man nennt ...“

          Was man nennt: Gedankengänge

          die ganze Philosophie

          das ist doch alles Gestänge

          gegen eine Melodie. –

          Sie wird die Zeiten tragen

          die grossen Schlager von Meer zu Meer –

          u wird die Trauer sagen,

          unter der wir litten so sehr...

           

          Gram Wollust Zärtlichkeit,

          wie mich die Schläge bewegen

          ich kann es selbst nicht verstehn

          Der Hafen von Adano

          oder auch Lili Marleen

          Höhe Tiefstand, – aber sie breiten

          so sehr das Leben hin

          Gram, Wollust Zärtlichkeiten

          in einem menschlichen Sinn

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