https://www.faz.net/-gr0-a0kcp

Frankfurter Anthologie : Wladislaw Chodassewitsch: „Gold“

  • -Aktualisiert am

Bild: Wikipedia

Im Jahr der Oktoberrevolution beschwört der russische Lyriker den großen Zyklus von Leben und Tod. Und strahlt dabei eine goldene Zuversicht aus.

          3 Min.

          Das Gedicht entstand zu Beginn des Jahres 1917, das in Russland gewaltige historische Umwälzungen sehen wird. Es beschwört in Verkennung alles Zeitgemäßen archaische Bestattungsriten und Grabbeigaben. Ein Dichter träumt die Möglichkeiten des Weiterlebens: in der bescheidensten irdischen Form – als Gras oder im Kosmos als Stern. Er glaubt an die Unsterblichkeit der Seele, die mit dem Edelmetall Gold assoziiert wird. Allein die Seele, das Goldstück im vergänglichen menschlichen Körper, soll als „kleine Sonne“ überdauern.

          Wladislaw Chodassewitsch, 1886 in Moskau geboren, stammte von verarmten polnischen Adligen und jüdischen Intellektuellen ab. Vor Hunger, Kälte und Terror im Bürgerkrieg nach der Oktoberrevolution flieht er 1922 ins „russische Berlin“, wo hunderttausend Landsleute als Emigranten lebten und die Entwicklung in ihrem Heimatland abwarteten. Wie zahlreiche andere Intellektuelle von den Bolschewiken ausgebürgert, emigriert er 1923 weiter nach Prag, irrt durch Westeuropa; Venedig, Rom, Sorrent und London heißen die Stationen, bevor er sich 1925 in Paris niederlässt. Dort lebte er in Armut und bitterem Verkanntsein, von schweren Krankheiten gezeichnet, bis zu seinem Tod 1939.

          Das Gedicht stammt aus dem Band „Der Weg des Korns“ (1920), dessen gleichnamiges Eröffnungsgedicht am 23. Dezember 1917 entstand, fast ein Jahr nach dem „Gold“-Gedicht. Das eine wirft Licht auf das andere. Dort erscheint ein Sämann, in dessen Hand das Korn „wie Gold“ glänzt, bevor es in die „schwarze Erde“ fällt, wo es „sterben“ und „hervorwachsen“ wird. Die Analogie mit der Seele wird auch hier suggeriert: „So wird sich meine Seele auf den Weg des Korns begeben: / Ins Dunkel treten, sterben und aufleben.“ Dann werden „mein Land“ und „das Volk“ angerufen, die durch „dieses Jahr“ schreiten, sterben und aufleben werden, weil es nur „eine Weisheit“ gebe: „Alles Lebende muss den Weg des Kornes gehen.“ Chodassewitsch spielt auf eine Bibelstelle an (Johannes-Evangelium 12,24): „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, so bleibt es allein; wenn es aber stirbt, so bringt es viel Frucht.“

          Im Warteraum der Wiedergeburt

          Im „Gold“-Gedicht ist es ein Individuum, das sein Begräbnis träumt, ein Ich, das aufgehen will im ewigen Zyklus von Leben, Tod und Wiedergeburt. Das Gedicht zeigt den Testament-Gestus des „letzten Willens“, zweimal heißt es: Ich will, ich will. Doch was bedeuten die symbolischen Grabbeigaben, mit denen dieser Mensch bestattet werden will?

          Honig, Mohn, Gold. Sonst nichts: nicht Keramik, noch Schmuck, noch Waffen, weder Bronze noch Eisen. Süße Nahrung für das Jenseits, wie in vielen Kulturen – kein Pharao trat seine „Nachtfahrt“ ohne Honigtöpfe, Honigkuchen an. Dazu Mohn, die Pflanze, die Rausch, Schmerzlosigkeit und Vergessen versprach. Und schließlich das Metall der Ewigkeit, jeder Verwitterung trotzend, unversehrbar durch die zerstörerische Macht des Sauerstoffs. Kein anderes Metall könnte die Unsterblichkeit der Seele besser symbolisieren als Gold. Deshalb die „kleine Sonne“ im aufgefundenen Skelett, die auf die „Spur der Seele“ weist.

          Wer wird hier bestattet? Kein Römer, der die Brandbestattung vorgezogen hätte. Ein Skythe vielleicht, Angehöriger der kriegerischen Reiternomaden in den südrussischen Steppen? Dort spielte Grabschmuck aus Gold eine bedeutende Rolle, und es war für einen Russen leicht, Skythengold zu besichtigen. Zar Peter der Große besaß eine „Sibirische Sammlung“, Zar Nikolaj I. machte 1852 diese Schätze in der „Neuen Eremitage“ in Sankt Petersburg öffentlich zugänglich.

          Das Skythen-Thema lag auch für die Dichter in der Luft, nachdem Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts immer mehr Skythengräber in den „Kurganen“ (Grabhügeln) entdeckt wurden. Der zivilisationsmüde russische Symbolist Alexander Blok wird in einem seiner letzten Gedichte am 30. Januar 1918 voller Wut ausrufen: „Wir sind Skythen, Asiaten!“ Doch der in Chodassewitschs Gedicht Bestattete ist kein Krieger, keine Bronzepfeilspitzen in seinem Grab, kein eisernes Langschwert, kein Bogen. Was ist er von Beruf? Am ehesten Magier, Dichter mit Sinn für Symbolik, voller Erinnerung an urtümliche Bestattungsriten.

          1917, im Jahr der geschichtlichen Umwälzungen, beschwört ein russischer Lyriker den großen Zyklus von Leben und Tod, vom Aufgehen im Irdischen wie im Kosmischen. Er träumt von dem, was bleiben soll, von der Seele und deren Unsterblichkeit. Vor dem Hintergrund von Weltkrieg und Revolutionen strahlt das Gedicht goldgleich eine starke Zuversicht aus, dass im historischen Chaos nicht alles verlorengeht.

          Für die sowjetische Kritik blieb Chodassewitsch ein „dekadenter Nihilist“, er wurde lange totgeschwiegen. Zwei berühmte Vertreter der russischen Exilliteratur jedoch, Vladimir Nabokov und Joseph Brodsky, priesen Chodassewitsch als einen der bedeutendsten Dichter des zwanzigsten Jahrhunderts. Erst der Untergang des Imperiums brachte ihn wieder zum Vorschein, heute gilt auch er als „Klassiker“ der russischen Moderne. So hat sich das Warten auf die Wiedergeburt – nicht als Gras, nicht als Stern, aber als Dichter – gelohnt.

          Wladislaw Chodassewitsch: „Gold“ / „ЗОЛОТО“

          Gold in den Mund, den Honig und den Mohn
          In deine Hände – letzter Erdenmühe Lohn.

          Verbrannt zu werden wie ein Römer wär mir Strafe:
          Ich will im Mutterleib der Erde schlafen,

          Ich will als Frühlingsgras hervor nur wachsen
          Und kreisen um die alte, um die Sternenachse.

          Verwesen wird im Grab Honig und Mohn,
          Die Münze fällt im toten Mund hinunter schon...

          Doch nach so vielen dunklen Jahren legt
          Ein Unbekannter seine Hand an mein Skelett,

          Im schwarzen Schädel, den der Spaten bricht,
          Klingt auf die schwere Münze und das Licht

          Glänzt zwischen Knochen hell vom Gold
          Als kleine Sonne – Spur, die meiner Seele folgt.

          Aus dem Russischen von Ralph Dutli

          ***

          В рот – золото, а в руки – мак и мед,
          Последние дары твоих земных забот.

          Но пусть не буду я, как римлянин, сожжен:
          Хочу в земле вкусить утробный сон,

          Хочу весенним злаком прорасти,
          Кружась по древнему, по звездному пути.

          В могильном сумраке истлеют мак и мед,
          Провалится монета в мертвый рот ...

          Но через много, много темных лет
          Пришлец неведомый отроет мой скелет,

          И в черном черепе, что заступом разбит,
          Тяжелая монета загремит –

          И золото сверкнет среди костей,
          Как солнце малое, как след души моей.

          Weitere Themen

          Wo Pilze auf die Jagd gehen

          Buch über den Erdboden : Wo Pilze auf die Jagd gehen

          Du heiliger Regenwurm: Fruchtbarer Boden muss sorgfältig gepflegt werden. Wir brauchen ihn nicht nur für unsere Nahrung, sondern auch für den Erhalt der Natur. Peter Laufmann taucht in das faszinierende Erdreich ab.

          Topmeldungen

          Truppen der Libyschen Nationalen Armee, die von General Haftar kommandiert wird

          Nach Vorstoß von Röttgen : SPD sieht Blauhelm-Mission in Libyen skeptisch

          Eine Debatte über eine UN-Truppe gehe gegenwärtig „an den Realitäten“ vorbei, sagt SPD-Außenexperte Schmid. Derweil herrscht Unklarheit über den Angriff einer „ausländischen Luftwaffe“ auf eine wichtige Militärbasis der libyschen Einheitsregierung.
          Ein provisorisches Krankenhaus für die Corona-Infizierten in der Stadt Lleida.

          Corona- und Wirtschaftskrise : Spaniens Kampf ums Überleben

          Das südeuropäische Land muss wegen des heftigsten Corona-Ausbruchs seit der Öffnung neue Ausgangssperren verhängen. Und auch wirtschaftlich sieht es düster aus: Ministerpräsident Sánchez kämpft um die Kredite und Zuschüsse der EU.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.