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Frankfurter Anthologie : Joachim Du Bellay: „Glücklich, wer wie Odysseus“

  • -Aktualisiert am

Bild: picture-alliance / ©Bianchetti/L

Dieses Sonett aus der Zeit der Renaissance ist eines der berühmtesten und schönsten französischen Gedichte. Es beginnt mit einem Skandal, der sich bohrendem Heimweh verdankt.

          3 Min.

          Der französische Dichter Joachim Du Bellay begleitete 1553 als Sekretär seinen Onkel, den Kardinal Jean Du Bellay, in diplomatischer Mission nach Rom und war von der brüchigen Aura der „Ewigen Stadt“ und ihren zweifelhaften Sitten schwer enttäuscht. Geboren 1522 in Liré, bei Ancenis an der Loire, kam er auf Anraten Ronsards, des andern großen Dichters der französischen Renaissance, nach Paris, studierte dort die altgriechische Literatur und lernte Italienisch, das dank Petrarca das noble neue Idiom der Renaissance war. Der Traum von Rom, den Du Bellay geträumt haben mag, zerschellte also an einer banalen Realität, als der Sekretär des Kardinals für vier Jahre dort zu leben hatte.

          Desillusioniert und heimwehkrank schrieb er seine 191 Klage-Sonette („Les Regrets“, 1558) und sehnte sich nach seiner Heimatprovinz an der Loire, nach der Landschaft des Anjou. Das 31. Sonett ist eines der berühmtesten und schönsten französischen Gedichte. Doch es beginnt mit einem Skandal: Odysseus soll eine „schöne Reise“ gemacht haben? Eine bittere Ironie. Als ob der Listenreiche eine touristische Eskapade genussvoll durchlebt hätte! Zehn Jahre todlangweilige Belagerung und dann Schlachtenlärm um Troja, Blut und Gedärme am Schwert! Dann weitere zehn Jahre Irrfahrt mit verheerenden Verlusten, wiederholt nur knapp dem Tod entronnen, viele getötete Gefährten betrauernd. Auch der zweite Mann und angebliches Beispiel für die geglückte Heimkehr, Jason, der mit seinen Argonauten in Kolchis „das goldene Vlies errang“, ist ein trügerisches Vorbild: der untreue, alles andere als weise Jason, dessen Kinder von der eifersüchtigen Medea getötet wurden. Zwar kam er in Korinth noch knapp auf den Königsthron, doch nahm er sich in seiner Verzweiflung bald das Leben. Eine „schöne Reise“ hatte auch er nicht hinter sich, vom „langen Leben im vertrauten Kreise“ keine Spur.

          Dass Du Bellay zwei so skandalöse Beispiele wählt, macht aber auch den Reiz dieses nostalgischen Gedichts aus. Die unpassende Wahl bedeutet doch: Der heimwehkranke Sekretär ist in Rom von dem Gefühl der Sehnsucht nach seiner kleinen Heimat so sehr geblendet, dass er alles Widrige in Odysseus’ und Jasons Karriere ausblendet, um nur den Augenblick der ersehnten Rückkehr zu feiern. So viel Blindheit kann Heimweh also verursachen.

          Ein Sekretär mit großem Heimweh

          Das von vielen Dichtern gepriesene Rom wird in den beiden Terzetten des Sonetts rigoros herabgesetzt: Ein Nichts ist sie gegen das Heimatgefühl, das die milde Landschaft des Anjou dem Exilierten zu schenken vermag. Römische Paläste, Marmorfronten, der Tiber, der Palatin? Völlig unbedeutend neben „meinem kleinen Haus“ mit dem rauchenden Kamin und dem Garten unweit des Loire-Flusses, von dem kein Salzwind herweht – den der vielgeprüfte Odysseus oft einzuatmen hatte. Reine Süße, fern vom Salz des Exils. Mit dem „kleinen gallischen Loir“ als Kontrast zum großen Tiber ist allerdings nicht die breit strömende Loire gemeint, sondern das bescheidenere Gewässer männlichen Geschlechts, was hier eine zusätzliche Bedeutung gewinnt: Du Bellays Dichterkollege Pierre de Ronsard wurde in Couture-sur-Loir geboren, der Loir ist also dessen „Heimatfluss“, und der Sekretär in Rom grüßt damit seinen „Dichter-Bruder“ im fernen Paris.

          Du Bellay konnte sich nicht lange über seine Rückkehr freuen. Am 1. Januar 1560 starb er mit nur siebenunddreißig Jahren, nicht etwa im Anblick seines kleinen Hügels im Anjou, sondern in Paris. Seine Lebensreise hatte ihm sehr wenig Glück beschert, das Wort „GLÜCKLICH“, das sein 31. Klage-Sonett triumphal eröffnet, wird er kaum auf sich bezogen haben. Er verlor früh seine Mutter, mit zehn Jahren war er Vollwaise, wurde im Haushalt eines fünfzehn Jahre älteren, groben Bruders aufgezogen, kränkelte viel und ertaubte früh, was seine Schwermut noch beförderte. In Rom soll er ein flüchtiges Verhältnis mit einer Frau namens Faustina gehabt haben, aber von irgendeiner erfüllten und dauerhaften Liebe ist nichts bekannt.

          Das Heimweh jedoch, die Sehnsucht nach dem kleinen Stück Erde, auf dem das „gute Leben“ stattfinden könnte, hat der nostalgische Schwerhörige wunderbar wie kein anderer Dichter besungen und statt in Marmor in den „feinen Schiefer“ der Weltpoesie eingeritzt. Den Ausbruch der grausamen Religionskriege in Frankreich im Jahr 1562 erlebte er nicht mehr. Auch das Wasser seiner geliebten Loire färbte sich rot vom Blut der Opfer.

          Joachim Du Bellay: „Glücklich, wer wie Odysseus“ / „Heureux qui, comme Ulysse“

          GLÜCKLICH, wer wie Odysseus eine schöne Reise
          Machte oder der Mann, der einst das Vlies errang
          Und wiederkam, erprobt und voller Weisheit, lang
          Zu leben für den Rest nur im vertrauten Kreise!

          Wann seh ich wieder, ach, in meinem Dorf aufsteigen
          Den Rauch überm Kamin? In welcher Jahreszeit
          Seh ich den Garten dort, mein armes Haus – bereit
          Für mich Provinz zu sein, viel mehr noch: ganz mir eigen?

          Ich liebe mehr den Ort, wo meine Väter wohnten,
          Als die Paläste Roms mit ihren kühnen Fronten,
          Statt harten Marmors sagt mir feiner Schiefer zu,

          Mein kleiner gallischer Loir statt des Lateiners Tiber,
          Mehr als der Palatin ist mir mein Hügel lieber,
          Statt Salz und Meereswind – die Sanftheit des Anjou.

           

          Aus dem Französischen von Ralph Dutli

          ***

          HEUREUX qui, comme Ulysse, a fait un beau voyage,
          Ou comme celui-là qui conquit la Toison,
          Et puis est retourné, plein d’usage et raison,
          Vivre entre ses parents le reste de son âge !

          Quand reverrai-je, hélas, de mon petit village
          Fumer la cheminée, et en quelle saison
          Reverrai-je le clos de ma pauvre maison,
          Qui m’est une province, et beaucoup davantage ?

          Plus me plaît le séjour qu’ont bâti mes aïeux
          Que des palais romains le front audacieux,
          Plus que le marbre dur me plaît l’ardoise fine,

          Plus mon Loire gaulois que le Tibre latin,
          Plus mon petit Liré que le mont Palatin,
          Et plus que l’air marin la douceur angevine.

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