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Frankfurter Anthologie : Giuseppe Ungaretti: „In Memoriam“

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Bild: Picture-Alliance

In diesem Gedicht trauert Giuseppe Ungaretti einem ägyptischen Freund nach, der zugrunde ging, weil er sich zumutete, ein anderer zu sein als er war. Was fehlte diesem Mohammed Sheab?

          Mohammed Sheab, 26 Jahre alt, setzte seinem Leben im Sommer 1913 ein Ende. Zusammen mit seinem Freund Giuseppe Ungaretti war er aus dem ägyptischen Alexandria nach Paris gekommen, um an der Sorbonne zu studieren. Schon als Schüler hatten die beiden eine kleine Literaturzeitschrift herausgegeben, als Studenten teilten sie ein Zimmer in einem Hotel, das immer noch existiert, aber nicht mehr „schäbig“ ist, genau so wenig wie die rue des Carmes im Quartier Latin.

          Mit Beginn des Ersten Weltkriegs kehrte Ungaretti, Sohn italienischer Auswanderer, in das Land seiner Eltern zurück und meldete sich 1915 als Freiwilliger an die Front. Dort, wo der Tod allgegenwärtig war, versah er alle Gedichte mit Datum und Ort der Entstehung. „In Memoriam“ schloss er am 30. September 1916 in Locvizza ab.

          Das Reizwort „Vaterland“

          Die ersten Verse (Gedichttext zweisprachig im Kasten unten) rufen den Namen des Toten auf. Im italienischen Original erscheint er als „Moammed Sceab“, Ingeborg Bachmann wählte für ihre Übersetzung eine andere, dem Deutschen angepasste Schreibweise. Aber ein Mohammed Sheab unserer Tage würde wohl kaum seinen Namen ablegen und sich Marcel nennen in der Illusion, durch diesen Akt zum Franzosen zu werden. Hundert Jahre Diskurs über Migration und Identität haben die Einsicht befestigt, dass Integration in eine andere Kultur nicht voraussetzt, seine Wurzeln zu leugnen. Sheab, so deutet es Ungaretti, ging zugrunde, weil er sich zumutete, ein anderer zu sein als er war.

          Im Original heißt das, was Mohammed fehlt, ganz selbstverständlich, ohne Ironie oder Distanzierung, „Patria“, groß geschrieben wie „Francia“ und als einziges die Zeile füllendes Wort schwer wie ein Stein. Ingeborg Bachmann mochte 1961 „Patria“ nicht mit „Vaterland“ wiedergeben, sie übersetzte es mit „Land“ und begrub damit den Stein in der allen Menschen gehörenden Erde. „Vaterland“ war im Deutschen ein Reizwort und ist es noch heute. Dagegen weckt die Bezeichnung „Land“ eher sanfte Assoziationen an einen bäuerlichen Kontext, fern von Pathos und Schuld.

          Mohammed Sheab empfand sich als Nichts im Nirgendwo und löschte sich aus. Hätte er „den Gesang seiner Verlassenheit“ anstimmen können, gleichgültig in welcher Sprache, hätte ihn dieses Singen, Sprechen, Schreiben vielleicht gerettet. Es hätte ihm geholfen, sich seiner selbst zu vergewissern. Die göttliche Gabe, „zu sagen, was ich leide“, tröstete nicht nur Goethes Tasso. Auch Ungaretti, der in Ägypten aufwuchs, in Frankreich studierte, für Italien in den Krieg zog und später schmerzvolle Jahre in Brasilien verbrachte, war ein Wanderer, für den die Sprache die Heimat bildete, das Rückgrat der Identität. Sein „In Memoriam“ klagt um den toten Freund, aber es enthält auch den Rückbezug auf die eigene Kreativität, die es ihm erlaubt, „den Gesang“ anzustimmen.

          Erleichterung und das Bewusstsein der eigenen Existenz schwingen darin, was in den letzten Worten noch einmal zum Ausdruck kommt. Weshalb sollte der Dichter der einzige sein, der drei Jahre nach Mohammeds Tod noch weiß, „daß er lebte“? Hatte Mohammed keine Familie im fernen Ägypten, keine Freunde, Nachbarn, Kameraden? Keine Liebste? Das Privileg des Dichters ist es, sein Gedenken öffentlich zu machen und damit das „ich allein/weiß vielleicht noch“ gleichzeitig zu behaupten und zu konterkarieren. Er muss die Worte finden, die im Gedächtnis haften und lebendig bleiben, hundert Jahre und länger. Ob und in welchem „Land“ dies gelingt, kann er nur teilweise beeinflussen. Vom glanzvollen Autorenquartett der italienischen Lyrik des zwanzigsten Jahrhunderts – Saba, Montale, Quasimodo, Ungaretti – wurde allein Letzterer von Ingeborg Bachmann übersetzt. Ihre Auswahl mit dem schlichten Titel „Gedichte“, zu der sie auch das Nachwort schrieb, hat es seit 1961 auf zwölf Auflagen gebracht. Dass Mohammed Sheab lebte, wissen viele deutschsprachige Leser, und die Anteilnahme an seinem Schicksal dürfte immer noch wachsen. Ein melancholischer Trost, aber doch: ein Trost.

          Giuseppe Ungaretti: „In Memoriam“

          Er hieß

          Mohammed Sheab

           

          Abkömmling

          von Emiren von Nomaden

          Er beging Selbstmord

          weil er kein Land

          mehr hatte

           

          Er liebte Frankreich

          und änderte seinen Namen

           

          Wurde Marcel

          war aber nicht Franzose

          und konnte nicht mehr

          leben

          im Zelt der Seinen

          wo man dem Singsang

          des Korans lauscht

          einen Kaffee nippend

           

          Und wußte nicht

          anzustimmen

          den Gesang

          seiner Verlassenheit

           

          Ich habe ihm das Geleit gegeben

          zusammen mit der Besitzerin des Hotels

          in dem wir wohnten

          in Paris

          Nummer 5 rue des Carmes

          schäbiges steiles Gäßchen

           

          Er ruht

          auf dem Friedhof von Ivry

          Vorstadt die immer

          erscheint wie am Tag

          eines aufgelösten Jahrmarkts

           

          Und ich allein

          weiß vielleicht noch

          daß er lebte

           

          Aus dem Italienischen von Ingeborg Bachmann.

          ***

           

          Si chiamava

          Moammed Sceab

           

          Discendente

          di emiri di nomadi

          suicida

          perché non aveva piú

          Patria

           

          Amò la Francia

          e mutò nome

           

          Fu Marcel

          ma non era Francese

          e non sapeva piú

          vivere

          nella tenda dei suoi

          dove si ascolta la cantilena

          del Corano

          gustando un caffè

           

          E non sapeva

          sciogliere

          il canto

          del suo abbandono

           

          L'ho accompagnato

          insieme alla padrona dell'albergo

          dove abitavamo

          a Parigi

          dal numero 5 della rue des Carmes

          appassito vicolo in discesa

           

          Riposa

          nel camposanto d'Ivry

          sobborgo che pare

          sempre

          in una giornata

          di una

          decomposta fiera

           

          E forse io solo

          so ancora

          che visse

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