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Frankfurter Anthologie : Gert Loschütz: „Johannes Schenk baut einen Stuhl“

  • -Aktualisiert am

Bild: Picture-Alliance

Dieses Gedicht ist von der Agenda der Jahre um 1968 geprägt, es existierte sowohl die Hauptfigur als auch das beschriebene Möbelstück. Noch heute kündet es von den Wechselfällen des Stuhlseins.

          2 Min.

          Um dieses Gedicht zu interpretieren, muss ich gleich zwei Autoren vorstellen: Gert Loschütz, Jahrgang 1946, der als Kind mit seinen Eltern aus der DDR in die BRD übersiedelte, genauer gesagt von Genthin nach Dillenburg, und später in dem Roman „Flucht“ seiner Geburtsstadt ein Denkmal setzte. Gert Loschütz schreibt Gedichte und Prosa, Drehbücher und Hörspiele; sein bekanntestes Buch heißt „Dunkle Gesellschaft“ und greift das Motiv des Totenschiffs auf, das nicht erst seit B. Traven durch die Literaturgeschichte geistert. Loschütz war selbst Matrose und fuhr als Jugendlicher auf einem Frachter nach Archangelsk.

          Und der zweite Autor: Johannes Schenk, 1941 geboren, 2006 verstorben. Man könnte ihn als dichtenden Seemann charakterisieren. Sein Vater war Schriftsteller, die Mutter Künstlerin, und aus Berlin, wo er die Studentenrevolte von 1968 mitmachte, kehrte er immer wieder ins heimatliche Worpswede zurück. Dort lebte er mit der Malerin Natascha Ungeheuer in einem Zirkuswagen und träumte sich aus der dörflichen Enge in die weite Welt hinaus. Nicht nur in der Phantasie, sondern ganz real: Beim Versuch, mit einem Rettungsboot, einer Nussschale, das Mittelmeer zu überqueren, kam Schenk fast ums Leben. „Zwiebeln und Präsidenten“, „Die Genossin Utopie“, „Der Schiffskopf“ und „Gesang des bremischen Privatmanns Johann Jakob Daniel Meyer“ heißen die Titel seiner anfangs bei Wagenbach, später in anderen Verlagen erschienenen Bücher, die Wallstein in Göttingen neu aufgelegt hat.

          Bitte nix Polizei

          Gert Loschütz war Mitte Zwanzig, als er dieses Gedicht schrieb, und es ist von der Agenda der Jahre um 1968 geprägt. Nicht nur, weil von Demonstrationen die Rede ist und vom Ho-Tschi-Minh-Pfad, auf dem die Vietcong genannte Befreiungsfront Waffen nach Südvietnam schmuggelte. Auch das Basteln eines Stuhls war Ausdruck des Zeitgeists: Um der bürgerlichen Wohnkultur gegenüber keine Konzessionen zu machen, holte man sich Möbel beim Trödler und vom Sperrmüll oder baute sie kurzerhand selbst: „Radical Chic“ hat Tom Wolfe das genannt.

          Der von Johannes Schenk hergestellte Stuhl hat wirklich existiert, und ich sehe ihn noch vor mir: klobig und breit wie das Ehebett, das Odysseus zimmerte, bevor er die Freier erschoss, die Penelope den Hof machten. „Die Helden der Ilias“, sagte ich zu Johannes Schenk, während er mir seinen Stuhl vorführte, „fertigten ihre Waffen und Gerätschaften selbst an. Hegel schreibt darüber!“

          Aber Schenk missdeutete meine Bemerkung als Kaufinteresse. Er wolle mir den Stuhl verkaufen oder, wenn ich kein Geld hätte, schenken, sagte er, und es fiel mir nicht schwer, das großzügige Angebot auszuschlagen, weil ich zu Recht vermutete, dass der selbstgebaute Stuhl für alles Mögliche, nur nicht zum Sitzen geeignet war.

          In den frühen siebziger Jahren kamen wir bei Johannes Schenk in der Naunynstraße zusammen, um über Fragen der marxistischen Ästhetik zu diskutieren. Wir – das war die Gruppe ARSCH (Assoziation revolutionärer Schriftsteller), zu der in meiner Erinnerung auch Gert Loschütz gehörte. Aras Ören las Gastarbeiterprosa unter dem Motto „Bitte nix Polizei“, Yaak Karsunke trug sein Gedicht „Hallo Mieter!“ vor, Schenk erzählte vom Kreuzberger Straßentheater, das er mit Natascha Ungeheuer ins Leben gerufen hatte, und F.C. Delius von seinem Prozess gegen Siemens, den er zu unserer Überraschung gewann. Die Gruppe ARSCH zerfiel schneller, als sie entstanden war, weil wir uns nicht einig wurden, was Agitprop und was sozialistischer Realismus war. Brecht oder Majakowski, das war die Frage: Ich plädierte für Kafka, Gläser flogen durch die Luft, und ich warf Karsunke einen Aschenbecher an den Kopf.

          Jahre später sah ich den selbstgemachten Stuhl wieder in Johannes Schenks „Sonntagscafé“, das er im Schatten der Mauer in einem Kreuzberger Hinterhof betrieb. Der Stuhl stand neben dem Kachelofen – vielleicht war es auch ein Kanonenofen. Hans Joachim Schädlich nahm auf ihm Platz und las aus seinem Buch „Ostwestberlin“, das – da waren alle sich einig – weder Agitprop noch sozialistischer Realismus war.

          Gert Loschütz: „Johannes Schenk baut einen Stuhl“

          Es ist alles ganz einfach

          ein Stuhl sagt er

          hat vier Beine einen Sitz eine Rückenlehne

          unser Stuhl bekommt noch zwei Armlehnen

          unser Stuhl kann sich sehen lassen

          du kannst darum herumgehen

          und dir vorstellen

          Brecht sitzt auf deinem Stuhl

          Der Stuhl wird ein Gedicht sagt er

          Ich sehe es vor mir

           

          was fällt dir dabei ein

          mit dem Stuhlbein ein Gedicht schreiben

          ist der Stuhl noch frei

          Stuhl um Stuhl

          heute schon Stuhl gehabt

          mit dem Stuhl durch die Wand gehen

          der Stuhl hat seine Schuldigkeit getan

          wenn ich alle Stühle zusammenzähle

          die Realität macht einem alles kaputt:

          man trifft den Nagel auf den Kopf

          und dann

           

          ein Stuhl sagt er jetzt

          was ist ein Stuhl

          der Ho-Tschi-Minh-Pfad bestuhlt

          dass ich nicht lache

          die meiste Zeit sitzt du in Kneipen rum

          gehst du nicht zu Demonstrationen

          was brauchst du einen Stuhl

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