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Frankfurter Anthologie : Gerd-Peter Eigner: „Das Mammut“

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Bild: ddp Images

Der Autor ist kein anämischer Poet, sondern ein Elefant im Porzellanladen deutscher Gegenwartsliteratur. In diesem Gedicht entwirft er ein Porträt seiner selbst als Eiszeitüberlebender.

          2 Min.

          Der Autor dieses Gedichts ist kein feinsinniger Lyriker, sondern ein Serientäter, der alle paar Jahre einen dickleibigen Roman ausstößt, der stets aufs Neue berechtigtes Aufsehen erregt. Sein letztes, von Rezensenten hochgelobtes Buch mit dem Titel „Die italienische Begeisterung“ wurde gleich dreifach prämiert: Mit dem Kranichsteiner, dem Eichendorff- und dem Nicolas-Born-Preis. Eigners erster Gedichtband, den er nun vorlegt, ist – für Lyrik ungewöhnlich – 366 Seiten stark, ein Schwergewicht wie das Mammut, das er im Titel führt und das den Lesern vom Buchumschlag in die Augen blickt: „Tiere sehen dich an“. So hieß ein in der Vorkriegszeit populärer Bildband mit Tierfotos, und so nannte der Joyce-Übersetzer und Essayist Hans Wollschläger sein vehementes Plädoyer für den Tierschutz, den Eigner als professioneller Fleischesser nur am Rande erwähnt.

          Gerd-Peter Eigner ist kein anämischer Poet, der sein spärliches Haar zu lyrischen Arabesken windet, sondern ein Elefant im Porzellanladen deutscher Gegenwartsliteratur, ein Urvieh, das mit raumgreifenden Bewegungen eine Menge Geschirr zerschlägt. Eigner ist selbst ein Mammut, und das hier zitierte Gedicht ist sein Selbstporträt: Ein Leitfossil vom Ende der Eiszeit, einst in Herden durch die Tundra ziehend, bevor es der Erderwärmung und den Nachstellungen steinzeitlicher Jäger zum Opfer fiel, Neandertaler vielleicht, deren armdicke Speere der Moorboden konserviert hat. Das „achtsame Grasen“, von dem Eigner spricht, ist ein Fingerzeig auf die Gutmütigkeit der Dickhäuter, eine begehrte Jagdbeute nicht nur wegen ihres Fleisches, sondern auch wegen ihrer Stoßzähne und zottigen Felle, die den Frühmenschen Kleidung und Zelte lieferten. Hinter dem furchterregenden Äußeren des Urzeitriesen aber verbergen sich Hilflosigkeit und scheue Sensibilität, die kleinere Lebewesen, allen voran der Mensch, sich zunutze machten, um das Mammut aus seinem Lebensraum zu verdrängen.

          Stoßzähne im Farn

          All das trifft auch auf Gerd-Peter Eigner zu, dessen literarisches Werk als erratischer Block, an dem Freunde und Feinde, Kritiker und Exegeten sich vergeblich abarbeiten, in die hiesige Literaturlandschaft ragt. Hin und wieder ruft er bei mir an und lädt mich ein, in einer Kreuzberger Bar, die passenderweise „Gulasch“ heißt, seinen endlosen Monologen zu lauschen, die wie seine Bücher nur von ihm selbst handeln, unterbrochen von kurzen Atempausen, in denen Eigner die Vorzüge der Bardame preist, einer Russin, die unaufgefordert Wein nachschenkt. Nach zwei Stunden lehnt er sich erschöpft zurück und sagt: „Wir haben nur über mich gesprochen. Nun zu dir – hast du meine Gedichte gelesen? Wie gefallen sie dir?“

          Bevor ich ihm die erwünschte Antwort geben kann, kommt sein ins Stocken geratener Redefluss wieder in Gang, und Eigner erklärt, dass er die auf über dreihundert Seiten gesammelten Gedichte nicht in dreißig Jahren, sondern wie ein Quartalssäufer in zweieinhalb Monaten geschrieben habe. Beim Korrekturlesen ließ er fünfzig Gedichte weg – aus Selbstekel, wie er sagt – und schrieb im Schaffensrausch zwanzig neue dazu. Trotzdem ist Gerd-Peter Eigner kein Vielschreiber, wie jeder Leser des in der Berliner PalmArtPress erschienenen Buchs konstatieren wird, sondern ein Poeta doctus, der Reisenotizen aus Nordafrika und Italien, Lektüren und Liebschaften zu sprachlichen Gebilden verdichtet, die an Ernst Meister erinnern, den lyrischen Lehrmeister von Nicolas Born.

          Dass Eigners Gedichte nicht aus dem Vollen geschöpft, sondern erlebt und erlitten sind, steht auf einem anderen Blatt. Es ist die Einsamkeit des Hochleistungssportlers, der bei allem, was er tut, an die Grenze der Belastbarkeit geht – und noch darüber hinaus. Nicht nur seine Elegie über das Verschwinden der Mammuts, fast alle Texte des vorliegenden Buchs sind von Todesahnungen durchweht und von Hoffnungen konterkariert, denn Eigner ist ein Fighter, der nicht vorschnell zu Boden geht – Nehmerqualitäten heißt der Fachausdruck dafür. „Siehst du im Sand das weiß Beinerne, Stoßzähne im Farn“ – diesen Vers aus Nicolas Borns Elbholz-Poem hätte ich gerne zitiert, aber Gerd-Peter Eigner lässt mich nicht zu Wort kommen und erzählt, das Fleisch in sibirischer Permafrosterde tiefgefrorener Mammuts sei zart und wohlschmeckend. Und er signalisiert der Bardame mit kreiselnder Handbewegung, dass die Zeche auf seine Rechnung geht.

          Gerd-Peter Eigner: „Das Mammut“

          Angeblich vom Erdboden verschwunden

          seit es die Menschheit gibt

          taucht es in Rudeln auf

          um weitläufig und sehr achtsam zu grasen

           

          Der Mangel an Sehschärfe beim Menschen

          der selbstverliebt in sein Inneres blickt

          (nicht jedoch beim Hasen und auch nicht beim Igel

          der immer schon da ist)

           

          Führte zum vorzeitigen Abbruch

          einer Beziehung die versprochen hatte

          über ganze Erdzeitalter und weit mehr zu währen

          warum

           

          Ganz einfach

          die herbe Schönheit und schiere Größe des einen

          überforderte auf Dauer den anderen

          der bald seine Heimat bei Kleineren fand

           

          Jedoch wie gesagt

          es ist weiter da das Tier

          nur entzieht es sich aus Sanftmut und Diskretion

          den schwachen menschlichen Blicken

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