https://www.faz.net/-gr0-8ics4

Frankfurter Anthologie : Georg Trakl: „Die drei Teiche in Hellbrunn“

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Tollnass foppende Geister, auftauchend aus Vergangenheiten: Dieses Gedicht, in fünfjähriger Arbeit immer wieder überarbeitet, erzählt vom Lebenskampf eines jungen Dichters – in Überlebenstönen.

          3 Min.

          Der junge Mann fährt immer wieder, als wolle er Schloss und Hügel und Teich und Weiher und Zypressen und Tritonen samt ihren Tönen und Tönungen wie eine Klang- und Lebensfarbenhaut sich überziehen, hinaus aus der Stadt, fünf Jahre lang, von 1909 bis 1914. Bis kurz vor seinem Tod – da war er gerade siebenundzwanzig und bringt sich nach der Schlacht von Grodek, deren Horror seine Gemütskräfte übersteigt, mit einer Überdosis Kokain um – flieht er abends aus Salzburg. Er war förmlich süchtig nach Hellbrunn, wo einst der Fürsterzbischof Marcus Sitticus ein barockes Lustgebäude mit Wasserspielen, Grotten, verwunschenen Gängen, zierlichen Tümpeln, allegorischen Statuen errichtete. Aus verborgenen Rohren und Pumpen springen da den Besucher aus den verzückt aufgerissenen Mäulern von Göttern und Nymphen urplötzlich Güsse und Schwälle an. Tollnass foppende Geister. Auftauchend aus Vergangenheiten.

          In der schönsten Ecke, an einer der teichseitigen Außenwände des Oktogons, des Musikpavillons, kann man auf einer großen Tafel heute noch nachlesen, wie die Haut aus Klängen und Farben beschaffen war, die der junge Mann, der ein großer Dichter war (wahrscheinlich der größte und folgenreichste des zwanzigsten Jahrhunderts), sich erträumte. Und wie diese Wunderhaut sich derart dehnte und weitete, bis sie dem lyrischen Ich passte, das hier aber wie in allen seinen anderen Gedichten nie „Ich“ sagt. Und das auch gar nicht tun muss. Denn der verzauberte Leser spürt sofort, dass dieser Dichter das tollste und gepeinigste, empfindendste und heimgesuchteste Ich dieses Jahrhunderts der Egoisten-Massen war.

          Trilogie des Farbensehens

          Ganz jung noch, mit zweiundzwanzig, ließ der protestantische Salzburger Bürgersohn, abgebrochene Gymnasiast und gelernte Apothekengehilfe, als kommender Dichter gefördert von Karl Kraus, Alfred Loos und Oskar Kokoschka, in einer ersten Fassung den ersten der drei Teiche in Hellbrunn im Ekellicht eines Rimbaud und Verlaine aufglühen: „Um die Blumen taumelt das Fliegengeschmeiß/Um die bleichen Blumen auf dumpfer Flut,/Geh fort! Geh fort! Es brennt die Luft!/In der Tiefe glüht der Verwesung Glut!“ Und auf den „Wassern braut ein schwüler Dunst“, ein Ort „für schwarzer Kröten ekle Brunst“. Den zweiten Teich feiert er dagegen im Hölderlinschen Hymnenton: „Fernes wird nah. O Freudiger du!/Sonne, Wolken, Blumen und Menschen/Atmen selige Gottesruh“. Und im dritten Teich sieht er bereits „die Tiefe unermessen“, sich spiegelnd im „Widerschein der Fluten –/Ein rätselhaftes Sphinxgesicht“.

          In dieser frühen Fassung liegt die Fülle der Empfindungen noch in etwas ungeordneten Zitatschubladen. Der Ort zeigt dem Dichter: nichts als Fratzen. Wie er sie auch im Gedicht „Traum des Bösen“ beschwört: „Ein Platz verdämmert grauenvoll und düster;/Am Abend regt auf Inseln sich Geflüster./Des Vogelfluges wirre Zeichen lesen/Aussätzige, die zur Nacht vielleicht verwesen./Im Park erblicken zitternd sich Geschwister.“ Nach fünf Jahren unaufhörlichen Feilens an seinen Hellbrunn-Gedichten entgiftet Trakl den Ort. Der Dichter, der die Schmerzens- und Todeslustfarben der Welt aus Verfall und Verwesung, Schwarz (häufig), Blau (am häufigsten), Braun (sehr oft), Grün (fast immer), Silber (wenn es hart auf hart kommt), die sich ihm in Hirn, Auge und Seele brennen, nur im Rausch aushält, mit Chloroform, Morphium, Kokain, Alkohol, Opium, Veronal, macht aus seiner Empfindungspein hier: eine große Nachtmusik als Trilogie des Farbensehens. Eine Serenadensonate. Als Lebenskampf – in Überlebenstönen.

          In anmutig feierlichem Rhythmus erklingt die Silberleier des Orpheus, des Urmythenvaters aller Musiker, „hinwandelnd“ (einem Lieblingswort Trakls) „an den schwarzen Mauern des Abends“, zu dem der Frühlingsschauer im Nachtwind den Reim auch im Zeilensprung bindet in kalt klirrzitterndem Cantus firmus, der nach Wiederholung verlangt. Das ist die Exposition. Wozu dann die „zärtlich und dunkelfarben“ wesenden Mittel-Stimmen „längst verstorbener Frauen“ dem im Grünen verfließenden Tag überm zweiten Teich harmonischen Halt geben. Was hier tönt, kommt zwar von weit und aus Gräbern her, hat aber im Flüstern der Frauen im Rohr, wo eine Drossel mit ihnen scherzt, seinen Gegenwartswitz: vorstellbar zwischendurch ein Flöten- oder Bassethornsolo in meckernd durchbrochenen Glissandi. Das lässt sich als Durchführung begreifen. Während die Abendstimmung, die sich über den dritten Teich wölbt, dem Verfall, der durchs Gemäuer rieselt, ein Schwermutsarpeggio in sanfter, „unermessener“ A-Dur-Bläue samt grünen und weißen Halbtönen spendiert. So vollendet sich die Reprise. Am Ende herrscht tiefer, wenn auch trügerischer Friede, verklammert durch fast panisch enge Reime, wo eine „Flut“ über „Gemäuer“ und „Schleier“ wieder sich nur in „Flut“ ergießt.

          „Und doch sagt der viel, der ,Trakl‘ sagt“ – mit dieser Parodie eines berühmt gewordenen Verses aus Hugo von Hofmannsthals „Ballade des äußeren Lebens“, der dort bekanntlich „Und doch sagt der viel, der ,Abend‘ sagt“ lautet, enthüllte der Theaterkritiker, Romancier, Feuilletonist und Anekdotefex maximus Friedrich Torberg einst in der Pointe eine Erkenntnis: Wo Hofmannsthal das Leben verdichtet, lebt Trakl Dichtung. Und stirbt in und mit ihr. Draußen aber in Hellbrunn wurden einmal Georg Trakls Leben und Dichtung: eine einzige herrliche Musik.

          Georg Trakl: „Die drei Teiche in Hellbrunn“

          Hinwandelnd an den schwarzen Mauern

          Des Abends, silbern tönt die Leier

          Des Orpheus fort im dunklen Weiher

          Der Frühling aber tropft in Schauern

          Aus dem Gezweig in wilden Schauern

          Des Nachtwinds silbern tönt die Leier

          Des Orpheus fort im dunklen Weiher

          Hinsterbend an ergrünten Mauern.

           

          Ferne leuchten Schloß und Hügel.

          Stimmen von Frauen, die längst verstarben

          Weben zärtlich und dunkelfarben

          Über dem weißen nymphischen Spiegel.

          Klagen ihr vergänglich Geschicke

          Und der Tag zerfließt im Grünen

          Flüstern im Rohr und schweben zurücke –

          Eine Drossel scherzt mit ihnen.

           

          Die Wasser schimmern grünlichblau

          Und ruhig atmen die Zypressen

          Und ihre Schwermut unermessen

          Fließt über in das Abendblau.

          Tritonen tauchen aus der Flut,

          Verfall durchrieselt das Gemäuer

          Der Mond hüllt sich in grüne Schleier

          Und wandelt langsam auf der Flut.

          Weitere Themen

          Mit Hummus Mauern überwinden

          Neuer Banksy-Bildband : Mit Hummus Mauern überwinden

          In Bethlehem betreibt der britische Künstler Banksy sein „The Walled Off“-Hotel: Ein belgischer Bildband zeigt jetzt die Kleinkunstwerke, die er dort verkauft hat.

          Topmeldungen

          Nach Wahl Laschets : Söder hat keine Eile in Sachen Kanzlerkandidatur

          Bayerns Ministerpräsident warnt nach dem CDU-Parteitag vor einem „Frühstart“ bei der K-Frage und nennt einen geeigneteren Zeitpunkt. Die Grünen machen klar, dass sie im Wahlkampf trotz Aussichten auf eine Koalition die Unterschiede zur Union betonen wollen.
          Fahndungsfotos um 1971 von Mitgliedern der Baader-Meinhof Gruppe.

          Südlich von Hamburg : Waldarbeiter entdecken mögliches RAF-Depot

          Waldarbeiter haben in Niedersachsen einen ungewöhnlichen Fund gemacht: In einem vergrabenen Fass haben sie mutmaßliche RAF-Schriftstücke und andere verdächtige Gefäße entdeckt. Das Landeskriminalamt untersucht den Fund nun.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.