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Frankfurter Anthologie : Georg Trakl: „An den Knaben Elis“

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

In Georg Trakls Gedichten geht es fast immer um Tod und Trauer. Und trotzdem schreibt unser Interpret, dass er sie als große Befreiung empfunden hat. Was an Trakl tröstet?

          2 Min.

          Der Deutschlehrer weitete seinen Gürtel und atmete tief ein. Dann rezitierte er, wedelte mit den Armen, warf sein Haupt hin und her, so dass seine Geschwister-Scholl-Frisur in Wallung geriet und die gescheitelten Haare lang seitwärts am Kopf herabhingen. Heym und Lasker-Schüler, Benn und, ach, der Mensch, das war sein Curriculum.

          Ich war sein Eleve. So etwa, als er überraschend sein Fahrrad auf das Pult stellte, es flickte und uns dann einen Aufsatz übers Fahrradflicken schreiben ließ. Er galt an der Schule als verstiegen. In der ganzen Wohnung, hieß es, lagerten die Kartoffeln. Aber noch heute kann ich einen Platten schneller beheben, als andere schildern können, wie ihnen die Schule die Freude am Gedicht ausgetrieben hat.

          Ein Überfluss an Leben

          So war ich bereit, als ich auf unserem heimischen Breitkordsofa lag und wahllos eines der Bücher aus dem Regal über mir griff. Es war ein schmaler, kleinformatiger Band mit Gedichten. Schon der Name des Autors war ein Rätsel: Trakl. Das klang mysteriös. Und geheimnisvoll waren die Gedichte, die ich las. Adler, Mühlen, Mönche, Düsternis, Wein, Herbst, Tod.

          Zuerst hatte ich den Verdacht, auf ein dunkles Geheimnis meiner Eltern gestoßen zu sein. Nie hatten sie mir diese Texte gezeigt. Nie hatten wir über Schwermut geredet. Und wie aufgesetzt wirkte auf uns Kinder das Lachen der Erwachsenen, wenn Besuch kam und dann über andere geredet wurde. Über Steuern, über das Wetter - und über früher. Aber dieses Früher war gar nicht die Zeit, aus der ich stammte. Mein Früher war das, worüber nicht geredet wurde. Das, was ich für möglich hielt, aber worauf ich keinen Zugriff hatte, ja nicht einmal einen Namen dafür. Und jetzt fand ich vieles davon in diesem Buch wieder - ebenso wenig verborgen wie ein Geheimnis des Glaubens. Ich sah und verstand, dass es beinahe immer um den Tod ging, um Trauer. Und durch dieses Mitlesen wurde in mir etwas ausgelöst, was ich als eine große Befreiung empfand. Eine fast schmerzhaft tiefe Freude.

          Es war und ist wahrscheinlich diese überbordende Kraft, die jeder junge Mensch irgendwann einmal mit Macht zu spüren bekommt. Sie überkommt einen wie ein Güterzug, der in voller Fahrt durch einen nächtlichen Bahnhof rast. Und in jedem der Waggons ist ein Überfluss an Leben, das sich durch Entstehen und Vernichten selbst am Laufen hält, und gegen den nichts auszurichten ist.

          Die Feier des Ganzen

          Es kam, wie es kommen musste. Ich fing selbst an zu schreiben und hielt einen Zeh in den Strom der Sprache, der mich packte und mitriss und für viele Jahre hierhin und dorthin schwemmte. Ich fuhr damals mit dem Rad in die Nachbarstadt zur Schule, dreizehn Kilometer über Land, und klemmte mir dabei das dünne Buch mit Trakls Gedichten vorn zwischen die Bremskabel, so dass ich während der Fahrt darin lesen konnte. Und sprach laut die Verse. Fast auf Anhieb konnte ich „An den Knaben Elis“ auswendig. Alles an den Gedicht traf mich direkt. So wenig ich verstand, so genau wusste ich, dass ich eine Begeisterung erlebte, die ohne Rechtfertigung auskommt.

          Als nicht so eifriger Schüler musste ich einmal versäumte Hausarbeiten nachreichen. Ein weiterer Schüler und ich gingen zu Beginn der Stunde nach vorn und zeigten dem Deutschlehrer unsere Hefte. Er lobte den Schüler vor mir dafür, wie ordentlich und gewissenhaft er die Fragen nun doch beantwortet hatte. „Du solltest Jurist werden“, sagte er ihm mit Blick auf die Fleißarbeit und entließ ihn. Ich trat vor, legte mein Heft aufs Pult und fragte, ob ich auch Jurist werden sollte. Der Pauker sah mich an: „Nein“, sagte er und machte eine Pause. Dann: „Du solltest Schauspieler werden.“ Damit war ich entlassen und trat aus der Höhle.

          Vielleicht war es dies Gedicht, in dem so gar kein Unterschied zwischen Geschlechtern, zwischen Leben und Tod, zwischen Ich und Kosmos mehr auszumachen ist, das mich lange daran gehindert oder - anders gesagt - davor bewahrt hat, etwas Bestimmtes sein zu wollen. Wie, in Gottes Namen, sollte das auch möglich sein in dieser Welt, in der ich, schließe ich mich Trakls Feier des Ganzen an, schon alles bin.

          Georg Trakl: „An den Knaben Elis“

          Elis, wenn die Amsel im schwarzen Wald ruft,

          Dieses ist dein Untergang.

          Deine Lippen trinken die Kühle des blauen Felsenquells.

           

          Laß, wenn deine Stirne leise blutet,

          Uralte Legenden

          Und dunkle Deutung des Vogelflugs.

           

          Du aber gehst mit weichen Schritten in die Nacht,

          Die voll purpurner Trauben hängt,

          Und du regst die Arme schöner im Blau.

           

          Ein Dornenbusch tönt,

          Wo deine mondenen Augen sind.

          O, wie lange bist, Elis, du verstorben.

           

          Dein Leib ist eine Hyazinthe,

          In die ein Mönch die wächsernen Finger taucht.

          Eine schwarze Höhle ist unser Schweigen,

           

          Daraus bisweilen ein sanftes Tier tritt

          Und langsam die schweren Lider senkt.

          Auf deine Schläfen tropft schwarzer Tau,

           

          Das letzte Gold verfallener Sterne.

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