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Frankfurter Anthologie : Welimir Chlebnikow: „Ich bin gestorben und in Lachen ausgebrochen“

  • -Aktualisiert am

Bild: akg-images / Archive Photos

Welimir Chlebnikow ist ein Sonderling der Weltpoesie. In diesem Gedicht, das von einem zweifachen Tod berichtet, erprobt der russische Dichter die Grenzen der Lyrik.

          Es gibt eine Handvoll echter Sonderlinge unter den Dichtern der Weltpoesie. Der 1885 im Gouvernement Astrachan geborene, 1922 im Nowgoroder Gebiet verstorbene Welimir Chlebnikow gehört zweifellos zu ihnen. Er war ein Eigensinniger mit weltumspannenden Ideen, hochfliegenden mathematisch-historischen Visionen und einer eingefleischten Experimentierlust, ein wahrer Sprach-Anatom und Wort-Akrobat, zugleich Forscher und Clown. Jahre vor den Dadaisten träumte er von einer neuen, von allen Bedeutungszwängen befreiten Lautsprache. Im Kontext der russischen Avantgarde gehörte er zu den Kubo-Futuristen, war aber auch unter diesen Radaubrüdern der Sonderling, ein schweigsamer Grübler und Tüftler. Er wollte „die Sterne duzen“, erklärte sich 1915 hochgemut zum „Vorsitzenden des Erdballs“. Im Widerspruch zu allen Weltumspannungsgesten lebte Chlebnikow in beständiger Armut, war immerzu unbehaust, reiste rastlos umher, verachtete jeden Besitz.

          Sein berühmtestes Gedicht ist „Beschwörung durch Lachen“ von 1910, das wie besessen die eine Wortwurzel „Lach-“ traktiert: „Ihr Lacherer, schlagt die Lache an!“ (Hans Magnus Enzensberger); „Na, zugelacht, ihr Lachlackel!“ (Klaus Reichert); „Mich lachzig lache, mich lächerig lache, in Auflachungen die Lacher lächerlich mache“ (Oskar Pastior). Und so weiter.

          Eines der letzten Gedichte Chlebnikows, entstanden kurz bevor er von Fieber geschüttelt, an Wundbrand leidend, verwahrlost starb, ist dieses in ungebundenen Versen: „Ich bin gestorben und in Lachen ausgebrochen.“ Es vereint als schieres Paradox den Tod mit einem erneuten Ausbruch von Lachen, dieser Äußerung von Vitalität, Freude – und Erkenntnis der Absurdität. Der Schluss lacht im Selbstzitat dem Anfang zu, dem frühen Gedicht, auch wenn sich das Lachen jetzt als postum bezeichnet.

          Für einen Toten allerdings spricht der Dichter erstaunlich beredsam, eindringlich beschwörend. Die Poesie kennt offenbar keine letzte Grenze, die der Tod zieht. Der Tod ist vorerst unwirksam. Die eigene unermüdliche „Arbeit am Wort“ hängt nun am Himmel zwischen den postumen Nebeln und Sternenhaufen, und wir schauen als konzentrierte Sterngucker zu ihr hinauf.

          Eine zarte Bitte um Antwort

          Das Gedicht beschwört pure Verkehrungen, von Klein und Groß, von Mikrokosmos und Makrokosmos, von persönlichsten Gedanken und „majestätischem Himmel“, von Blutkörperchen und Weltall, Positivität und Negativität, von Blickrichtungen: gegen die Strömung der Welt, kopfunter hängend (wie die Zwergfledermaus). Die radikalste Verkehrung ist eine zeitliche, die Chronologie zersetzende, im ersten Vers. Zwar kann man sich in diversen Sprachen „totlachen“, aber es wird doch zumeist angenommen, dass das Lachen dem Tod vorausgehe. Chlebnikow stülpt auch noch dieses Verhältnis um: erst der Tod, dann das Lachen. Mit dieser Liste radikaler Veränderungen – obwohl scheinbar „alles so bleibt wie früher“! – ist auch angesprochen, was Poesie kann, darf und soll: die Verkehrung der Ordnungen, Hierarchien und Sichtweisen.

          Das Gedicht berichtet von einem zweifachen Tod. Nach dem ersten Ereignis samt Lachanfall schildert es die Rückkehr zu den Angehörigen, zu denen das Ich-Phantom Kontakt aufnehmen will durch beharrliche Gesten: mit Papierfetzen werfen, Saiten klirren lassen, an einer glöckchenbesetzten Schnur ziehen. Hallo, ich bin noch da!

          Mit einer sprachlichen Minimaläußerung, dem Zuruf „huhu“, die auch den Kontaktversuch zwischen Menschen in einem finsteren Wald bezeichnet, bricht die Reihe der Ich-Meldungen ab. Es gibt keine Antwort, niemand reagiert auf das phantomhafte Spektakel. Erst dadurch kommt es zum zweiten Tod und zu einer emotionalen Äußerung: Schluchzen. Der klare Schluss besagt die Traurigkeit der Welt, die durch das Lachen im ersten Vers nicht mehr zu retten ist.

          Das Gedicht in freien Versen bedeutet aber viel mehr als eine private letzte Äußerung vor dem Tod. Es spricht von der scheuen Kontaktaufnahme der Poesie toter Dichter zu den Lebenden, es ist eine zarte Bitte um Antwort, und sei es in der simpelsten Form eines „huhu“. Poesie ist das bescheidene, aber vorzüglich geeignete Idiom für die Kommunikation zwischen Lebenden und Toten. Der Prophet des Lachens hat uns gerade zum vorläufig letzten Mal zugerufen.

          Welimir Chlebnikow: „Ich bin gestorben und in Lachen ausgebrochen“/ „Я умер и засмеялся“

          Ich bin gestorben und in Lachen ausgebrochen.
          Das Große ist einfach klein, das Kleine groß geworden.
          In allen Gliedern der Lebensgleichung wurde schlicht
          das Zeichen „Ja“ durch das Zeichen „Nein“ ersetzt.
          Ein geheimer Faden führte mich in die Welt des Seins,
          und ich erkannte das Weltall im Innern meines Blutkörperchens.
          Ich habe den Hauptkern meines Gedankens
          als majestätischen Himmel erkannt, wo ich mich befinde.
          Der Geruch der Zeit vereinte mich mit jener Arbeit,
          der ich nicht getraut hatte, bevor ich unterging,
          hingerissen von ihrer Nichtigkeit.
          Nun hing sie, von einer Wolke durchzogen,
          wie ein riesiger Himmelsstreifen, der fließende Nebel
          und die Luft und Sternenhaufen umschloss.
          Ein Sternenhaufen leuchtete wie das offene Auge des Atoms.
          Und ich habe begriffen, dass alles so bleibt wie früher,
          nur schaue ich gegen die Strömung auf die Welt.
          Ich hänge als Zwergfledermaus meines eigenen Ichs.
          Ich flog zu den Meinen.
          Ich bewarf sie mit Papierfetzen, ließ die Saiten klirren.
          Als ich an Schnüren befestigte Glöckchen bemerkte,
          zupfte ich an einer Schnur.
          Ich schrie beharrlich „huhu“ unter einem Schälchen hervor,
          doch keiner gab mir Antwort, also bedeckte ich meine Augen
          mit den Flügeln und starb ein zweites Mal,
          indem ich schluchzte: Wie ist sie traurig, diese Welt!


          Aus dem Russischen von Ralph Dutli

          ***

          Я умер и засмеялся.
          Просто большое стало малым, малое большим.
          Просто во всех членах уравнения бытия знак «да»
          заменился знаком «нет».
          Таинственная нить уводила меня в мир бытия,
          и я узнавал Вселенную внутри моего кровяного шарика.
          Я узнавал главное ядро своей мысли
          как величественное небо, в котором я нахожусь.
          Запах времени соединял меня с той работой,
          которой я не верил перед тем как потонул,
          увлеченный ее ничтожеством.
          Теперь она висела, пересеченная тучей,
          как громадная полоса неба, заключавшая текучие туманы,
          и воздух, и звездные кучи.
          Одна звездная куча светила, как открытый глаз атома.
          И я понял, что все остается по-старому,
          но только я смотрю на мир против течения.
          Я вишу как нетопырь своего собственного я.
          Я полетел к родным.
          Я бросал в них лоскуты бумаги, звенел по струнам.
          Заметив колокольчики, привязанные к ниткам, я дергал за нитку.
          Я настойчиво кричал «ау» из-под блюдечка,
          но никто мне не отвечал,
          тогда закрыл глаза крыльями и умер второй раз, прорыдав: как скорбен этот мир!

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