https://www.faz.net/-gr0-9brzl

Frankfurter Anthologie : Geoffrey Hill: „Bei Durchsicht von 50 Jahre im Bild: Bundesrepublik Deutschland“

  • -Aktualisiert am

Bild: Getty Images/Eamonn McCabe

Geoffrey Hill blickt aus den Augen eines Europäers auf die deutsche Geschichte. In diesem Gedicht macht er ein besonderes Ereignis zum Höhepunkt – und spielt mit den Erwartungen des Lesers.

          Ein Jubiläum ist zu feiern. Ein Bildband wird durchgeblättert, der eine fünfzigjährige Geschichte illustriert, eine Fotofolge memorabler Gesichter, Orte und Augenblicke. Der Betrachter lässt die Bilderflut an seinem Auge vorbeiziehen, greift Typisches und Markantes heraus. Er bleibt fast bis zum Schluss im Modus der Aufzählung, scheint sein Urteil über die dargestellte Welt zu suspendieren, um es am Ende doch noch zu fällen, nicht explizit, aber umso deutlicher.

          Der Betrachter ist Dichter und fasst seine Eindrücke in Form eines Sonetts zusammen, eines modernen, reimlosen, dessen vierteiliger Aufbau erkennbar bleibt, wenn auch die 4:4:3:3-Struktur leicht verschoben erscheint. Nur das letzte Terzett ist klar markiert, und der Schlussvers, als Zitat kursiv gesetzt, bezeichnet Ziel und Höhepunkt der weitgehend enjambementlosen, alles andere als beliebigen Reihung. Was sich so beiläufig und formlos dahingesagt gibt, hat seine innere Form, deren Erkennen dem Leser aufgegeben ist, und der hinter dem ichlosen Gedicht stehende Standpunkt beansprucht eine mehr als subjektive Geltung.

          Erinnert und gefeiert wird, anno 1999, in dem von Daniel Kosthorst und Ulrich Lappenküper herausgegebenen, deutsch-englisch beschrifteten Bildband das erste halbe Jahrhundert bundesrepublikanischer Geschichte. Das Gedicht gliedert sich in zweimal zwei gegensätzlich zueinander postierte Blöcke: Kontinuität und Umbruch könnte man die ersten nennen oder die Auftritte der Alten und der Jungen; danach das Gegeneinander von zwei besonderen Schauplätzen deutscher Geschichte – hier das Zentrum des einst verwüsteten und lang geteilten Berlin, dort das Warschauer Getto.

          Festreden verstummen für eine sprechende Geste

          Von Jubiläumsrhetorik keine Spur, dafür ein vierfaches Understatement. Vergangenes Unrecht ist im Wirtschaftswunderland kein Thema. Dass die Käuflichen und Wendigen in der Bundesrepublik von Anfang an mit von der Partie waren, wird achselzuckend zur Kenntnis genommen; sie sind schließlich demokratisch zu Würde und Leibesfülle gereift, siehe die weißen Haarschöpfe und die respektheischende Entourage. Auch die große Achtundsechziger-Revolte, die unsere Erinnerungskultur in diesem Jahr so kräftig beflügelt, schrumpft unter dem ernüchterten Rückblick: filmreif inszenierter Krawall, was sonst? (Nicht auch Protest gegen die oben satirisch glossierte Kontinuität?)

          Doch die eigentliche, wahrhaft skandalöse Untertreibung kommt erst. Denn hinter dem Bild des Brandenburger Tors mit und ohne Stacheldraht verbergen sich das Ende der DDR und die deutsche Wiedervereinigung, also die gute, versöhnliche, zukunftsträchtige Wende der deutschen Geschichte. Der Autor dieser Verse aber macht aus dem historischen Bilderbogen einen ganz anderen Moment zum Höhepunkt der Serie: nicht Triumph des besseren Deutschland, sondern Kniefall, und dies auf einem exemplarischen killing field des mörderischen Vorgängers. Zum ersten Mal fällt der Name eines Protagonisten: Willy Brandt. Hier verstummen die Festreden zugunsten der sprechenden Geste und der kargen Worte der Sprachlosigkeit. Ihre Lakonik wird im Original durch die angelsächsischen Einsilber noch gesteigert: „I did what people do when words fail them“.

          Denn der fremde Blick, der in diesem Text auf den deutschen Hang zur Selbstbespiegelung fällt, kommt aus englischen Augen. Der vor zwei Jahren verstorbene Geoffrey Hill gehörte zu den Großen seiner Zunft. Seine Dichtung hat wenig Insulares an sich. Sie versteht sich als ein einziger dringlicher Dialog mit der europäischen Geschichte und Kultur; George Steiner nannte ihn „the most European of our poets“. Hill kennt seine Fremdsprachen, aber sein Europa ist nicht das von Maastricht. Eines seiner Gedichte ruft „Kreisaus Zeugenschaft“ an gegen das „späte Gold Europas / in seinen knapp sitzenden Lumpen“ – eines Europas, das sich selbstgenügsam durch die gemeinsame Währung definiert. Seine erste Sammlung, und im Grunde auch die folgenden, widmete er den „Ungefallenen“, den Widerständigen, den Hütern des freien Wortes in Zeiten der Barbarei.

          Unser Gedicht stammt aus einem späten Zyklus des damals Fünfundsiebzigjährigen, der mit einem von Milton entlehnten Titel den Mut zur „Häresie“ als Dienst des mündigen Menschen, zumal des Künstlers und des Politikers, am Gemeinwohl einfordert. Brandts Kniefall als Widerspruch gegen das politische Tagesgeschäft der Bundesrepublik ist für Hill ein beispielhafter Akt solcher Ketzerei.

          Geoffrey Hill: Bei Durchsicht von 50 Jahre im Bild: Bundesrepublik Deutschland/ On Looking Through

          Es geht nicht um Gerechtigkeit. Gerechtigkeit gibts in der andren Welt.
          Nicht einmal um Unrecht; das tut hier nichts zur Sache, oder fast nichts.
          Nicht einmal um die Kontinuität der Käuflichen, der Wendigen;
          die Beleibten – die bemerkenswerten Haarschöpfe –
          die schönen oder schlichten Gattinnen, Sekretärinnen und Dolmetscher.
          Die Krawalle und Demonstrationen, die jetzt aussehen
          wie Pausenfüller, Maskeraden, Umzüge, Studentenulk;
          die Polizei mit Wasserwerfern: man sucht den Regisseur des Films,
          kann ihn nicht finden. Da ist die Mauer, beschriftet,
          da der Reichstag, das Brandenburger Tor,
          unterschiedlich aufpoliert, mit oder ohne Stacheldraht;
          da ist Willy Brandt, am Ghetto-Mahnmal knieend
          zu Besuch in Warschau, Dezember Neunzehn-Siebzig:
          Ich tat, was Menschen tun, wenn die Sprache versagt.



          Aus dem Englischen von Werner von Koppenfels

          ***

          It is not a matter of justice. Justice is in another world.
          Or of injustice even; that is beside the point, or almost.
          Nor even of the continuity of hirelings, the resourceful;
          those who are obese – the excellent heads of hair  –
          the beautiful or plain wives, secretaries and translators.
          The riots and demonstrations that now appear
          like interludes, masques, or pageants, or students' rags;
          the police water-cannon: you look for the film's director
          but cannot find him. There is the captioned Wall;
          there the Reichstag, the Brandenburger Tor
          variously refurbished, with and without wire;
          there's Willy Brandt kneeling at the Ghetto Memorial
          on his visit to Warsaw, December of Nineteen Seventy:
          I did what people do when words fail them.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der britische Öltanker Stena Impero wurde von den iranischen Revolutionsgarden beim Durchfahren der Straße von Hormuz beschlagnahmt.

          Nach Festsetzen von Tanker : Krise am Persischen Golf spitzt sich zu

          In der Straße von Hormus überschlagen sich die Ereignisse: Iran stoppt zwei britische Tanker, einer wird noch immer von Teheran festgehalten. Die Regierung in London droht mit Konsequenzen – und Washington schickt Verstärkung nach Saudi-Arabien.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.