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Frankfurter Anthologie : Paul Fleming: „Gedanken, über der Zeit“

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Bild: imageBROKER

Das Gedicht wurde erstmals als Grabgedicht für eine jung verstorbene Frau veröffentlicht. Die Verse von Arzt und Lyriker Paul Fleming fügen dem barocken Topos des Gegensatzes von Zeit und Ewigkeit einen eigenen Akzent hinzu.

          Ob der 1609 in Hartenstein im Erzgebirge geborene und 1640 mitten im Dreißigjährigen Krieg in Hamburg gestorbene Mediziner, Poet und Orientreisende Paul Fleming die bis dahin diskutierten Theorien über die Zeit kannte, ist fraglich. Sicher aber ist, dass sein Gedicht dem im Barock kräftig strapazierten Topos des Gegensatzes von Zeit und Ewigkeit einen eigenen Akzent hinzugefügt hat. Die „Gedanken“ stehen „über der Zeit“ – verdeutlicht durch das Komma beziehungsweise durch den Schrägstrich in der Überschrift des Drucks in den „Teütschen Poemata“ von 1642 –, nicht um sofort die Ewigkeit dagegen aufzurufen, sondern um vermeintliche Sicherheiten in Frage zu stellen.

          Das Gedicht wurde erstmals – ohne Titel – als Grabpoem veröffentlicht, in einer Gedenkausgabe für eine gewisse Anna Bach, die 1632 im Alter von einundzwanzig Jahren gestorben war. Die Gedenkausgabe besteht, wie damals üblich, aus einer Leichenpredigt und einer Reihe von Gedichten und diente auch der sozialen Repräsentation. Der Geistliche, der die Predigt hielt, stellte zu Beginn einige allgemeine Überlegungen zum Thema Zeit an, mit Bezug auf Kohelet („ein jegliches hat seine Zeit“) und mit der Frage, wie es Gott belieben könne, einen so jungen Menschen zu sich zu nehmen. Die Antworten waren klar und dienten dem Trost der Hinterbliebenen: Gott meint es gut mit dem Tod der Gerechten, die alsbald zu einem besseren Leben gelangen, aus den Zwistigkeiten der Welt erlöst sind und von den Ungläubigen nicht mehr verführt werden können.

          Fleming wendet das Zeit-Motiv dialektisch hin und her, in Antithesen, wozu sich der im Barock beliebte Alexandrinervers, ein sechshebiger Jambus mit einer Zäsur in der Mitte, besonders gut eignet.

          Was lebt, ist ihr unterworfen

          Zunächst verbleibt der Text ganz im Rahmen der Aporie des Augustinus: „Wir sind in der Zeit und wissen doch nicht, was die Zeit ist.“ Die Zeit wird gemessen, und sie wird empfunden, die objektive entspricht nicht immer der subjektiven Zeit, Gotteszeit und Menschenzeit sind verschieden. Die Selbstverständlichkeit der zeitlich beginnenden Existenz will nicht viel besagen, und ebenso wenig hebt die Gewissheit des Todes die grundsätzliche Unwissenheit darüber auf, was die Zeit vor dem eigenen Leben war und was sie danach sein wird. Zeit ist die Brücke zwischen Sein und Nichtsein, sie ist „was“ und „nichts“. Zweifelhaft ist beides. Es gibt aber kein Entrinnen aus der Zeit, die sich aus sich selbst „zeugt“; was lebt, ist ihr unterworfen. Der Mensch ist an dem, was Zeit sein könnte, zwar subjektiv beteiligt („sie ist in ihm ingleichen“), kann sie vielleicht sogar gestalten, muss aber akzeptieren, dass es ursächlich etwas anderes oder ein anderer ist, das oder der hinter ihm steht („von dem du bist und ich“).

          In den vier letzten Zeilen des Gedichts wechselt Fleming vom Indikativ zum Konjunktiv, von der Feststellung zur (Für-)Bitte; der Adressat wandelt sich vom „ihr“ und „du“ zum „wir“. Das Besondere ist die Art, wie Fleming „diese Zeit“ des Irdischen und „jene Zeit“, die alle Zeiten in sich trägt, einander gegenüberstellt.

          Das machen die anderthalb Schlusszeilen deutlich, die, weil syntaktisch schwierig, unterschiedlich interpretiert wurden, zum einen in dem Sinn, dass auch wir, wie derjenige, der stirbt, nach dem Tod jener Zeit, die keine Zeit mehr ist, gleich sein, gleich werden können. Eine andere Lesart, die auch der schwedische Literaturwissenschaftler Bo Andersson vorschlägt, erscheint mir plausibler. Danach ist „wie der itzt“ mit „wie jetzt dieser Zeit“ zu umschreiben und „keine Zeit“ als adverbial zu verstehen: Der Mensch möchte schon im Diesseits „jener Zeit“ gleich werden, die mit keiner Zeit einhergeht, wie er fraglos an „diese – irdische – Zeit“ gebunden ist. Das Verlangen, die Zeit bereits im Zeitlichen selbst zu überwinden, ist nicht ungewöhnlich als Gedanke der Mystik, der in der Wendung steckt, dass die Zeit „aus uns selbsten uns“ herausnehmen möge. Fleming gibt, mit der Kombination von mystischer Selbstüberschreitung und stoischer Gelassenheit, der Hoffnung auf Rettung vor dem endgültigen Tod Ausdruck und dem Wunsch nach der Gegenwärtigkeit des Ewigen, welches das Hier und Jetzt umfassen soll – ein zentrales, bis heute diskutiertes theologisches Problem.

          Dass es zum Ausgang aus der eigenen Unwissenheit allerdings auch einige Zeit braucht und nichts überstürzt werden sollte, spiegelt sich im Lebensmotto des Dichters: „festina lente“, „eile mit Weile“.

          Paul Fleming: „Gedanken, über der Zeit

          Ihr lebet in der Zeit, und kennt doch keine Zeit;
          So wisst ihr Menschen nicht, von und in was ihr seid.
          Dies wisst ihr, dass ihr seid in einer Zeit geboren
          Und dass ihr werdet auch in einer Zeit verloren.
          Was aber war die Zeit, die euch in sich gebracht?
          Und was wird diese sein, die euch zu nichts mehr macht?
          Die Zeit ist was, und nichts. Der Mensch in gleichem Falle,
          Doch was dasselbe was, und nichts sei, zweifeln alle.
          Die Zeit, die stirbt in sich, und zeugt sich auch aus sich.
          Dies kömmt aus mir und dir, von dem du bist und ich.
          Der Mensch ist in der Zeit, sie ist in ihm ingleichen,
          Doch aber muss der Mensch, wenn sie noch bleibet, weichen.
          Die Zeit ist, was ihr seid, und ihr seid, was die Zeit,
          Nur daß ihr wen’ger noch, als was die Zeit ist, seid.
          Ach dass doch jene Zeit, die ohne Zeit ist, käme
          Und uns aus dieser Zeit in ihre Zeiten nähme,
          Und aus uns selbsten uns, dass wir gleich könnten sein,
          Wie der itzt, jener Zeit, die keine Zeit geht ein!

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