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Frankfurter Anthologie : Pierre Reverdy: „Gedächtnis“

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Das Großartige daran ist, dass sich bei Reverdy die alltäglichsten Reflexe – Sonnenlicht auf einer Türschwelle, der Schatten, den ein Vorhang wirft, die wogende Menschenmenge auf dem Trottoir, die Fissuren im Asphalt, ein Schuh im nächtlichen Lampenschein – zu etwas Rätselhaftem, einer Quelle des Staunens und der „profanen Erleuchtung“ (Walter Benjamin in Bezug auf die Surrealisten) transformieren: Die Lichter der Großstadt als poetischer Inspirationsraum.

Was hier eigentlich geschieht, bleibt eine offene Frage. Es mag gewagt sein, die „hoffnungsvolle Welt“ am Schluss mit den drei einander Unbekannten, die sich treffen, wegen des Veröffentlichungsjahres auf die Stimmung am Ausgang des Ersten Weltkrieges zu beziehen – genauso spekulativ wie in diesem Gedicht Momente von Reverdys geheimnisumwitterter Beziehung zur Modeschöpferin Coco Chanel zu sehen, an der er zeitlebens ebenso hing wie an der Beziehung zu seiner tiefkatholischen Frau Henriette, mit der er, Paris und Coco im Rücken, in der nordfranzösischen Abtei Solesmes lebte (und wo der 1889 in Carcassonne Geborene 1960 starb): eine perfekte Dreiermenage, ganz wie im Gedicht angedeutet.

Oder ist alles doch nur Wahrnehmungsstudie, aus dem Gedächtnis oder schwarzweißen Stummfilmen von der Leinwand herab zitierte Bilder, vor denen unsere Kognition sich abmüht, stimmige Geschichten zu erfinden, weil sie eben nicht anders kann, als das Unverbundene in Zusammenhängen zu denken? Es sind Momentaufnahmen, wie jeder sie aus dem Gedächtnis kennt, doch hier bei Reverdy sind sie zu einem geheimnisvollen Gedicht gefügt. „Mémoire“ habe ich mit „Gedächtnis“ übersetzt, es könnte auch als Erinnerung, Gedankenstütze, Notiz, flüchtig festgehaltener Moment oder aber als Appell, Anruf, plötzliche Eingebung verstanden werden – die Bandbreite der Bedeutung des Wortes ist im Französischen schier unbegrenzt. Sie richtet sich auch nach dem, was man in den Bildern des Gedichts und ihrem Zusammenhang zu „sehen“ bereit ist.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Reverdy ausgerechnet in New York, das Paris als globaler Magnet den Rang ablaufen sollte, wiederentdeckt, und zwar von jener Gruppe junger Dichter und Maler, die, von Europa inspiriert, ihre Stadt zu Fuß neu sehen lernten. Frank O’Hara, der City-Flaneur der New York School, eroberte sich die Second Avenue während seiner Mittagspausen am MoMA mit Gedichten Pierre Reverdys in der Tasche. In Deutschland erschien 1970 eine zweisprachige Reverdy-Ausgabe in Übersetzung Max Hölzers („Quellen des Windes“), und Rolf Dieter Brinkmann zitiert ihn im Zuge seiner Frank-O’Hara-Übersetzungen. Populär ist er trotz einiger Celan-Übertragungen hierzulande nie geworden. Es ist an der Zeit, diesen Mann, dessen schönste Bücher in Zusammenarbeit mit Picasso als teure Kunstmappen in den großen Auktionshäusern dieser Welt versteigert werden, zu entdecken und sich von seiner Poesie geheimnisvoll beleuchteter Alltagsmomente anstecken zu lassen.

Pierre Reverdy: „Gedächtnis“ / „Mémoire“

Kaum eine Minute
Und ich bin wieder da
Keinen Schimmer mehr von allem was geschah
Ein Punkt
Der größre Himmel
Und im letzten Augenblick
Die Laterne, die vorüberging
Der Schritt, den man vernahm
Zwischen all dem Rennen hält einer an
Die Welt kann ruhig weiterziehn
Und was sie zuinnerst hält
Die tanzenden Lichter
Und der Schatten, der sich dehnt
Es gibt mehr Raum
Blickt man vor sich hin
Ein Käfig, in dem ein lebendes Tier sich überschlägt
Brust und Arme vollführen den selben Akt
Eine Frau lachte
Beim Drehen ihres Kopfs
Und jener, welcher kam, hatte uns verwechselt
Wir waren zu dritt ohne uns zu kennen
Und bildeten doch schon
Eine hoffnungsvolle Welt

Aus dem Französischen von Jan Volker Röhnert

***

Une minute à peine
Et je suis revenu
De tout ce qui passait je n’ai rien retenu
Un point
Le ciel grandi
Et au dernier moment
La lanterne qui passe
Le pas que l’on entend
Quelqu’un s’arrête entre tout ce qui marche
On laisse aller le monde
Et ce qu’il y a dedans
Les lumières qui dansent
Et l’ombre qui s’étend
Il y a plus d’espace
En regardant devant
Une cage où bondit un animal vivant
La poitrine et les bras faisaient la même geste
Une femme riait
En renversant la tête
Et celui qui venait nous avait confondus
Nous étions tous les trois sans nous connaître
Et nous formions déjà
Un monde plein d’espoir

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