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Frankfurter Anthologie : W.S. Merwin: „Für den Jahrestag meines Todes“

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Bild: AP

Die Gedichte des amerikanischen Lyrikers W. S. Merwin eröffnen einen Raum der Stille, in dem die Dinge genauer gefasst werden können. Diese Verse sind ein besonderes Vermächtnis des kürzlich Verstorbenen.

          2 Min.

          Liest man die Gedichte des amerikanischen Lyrikers W. S. Merwin, hat man den Eindruck, einen Zwischenraum zu betreten. Es liegt eine Stille zwischen ihnen. Genau die Art von Stille, die darüber entscheidet, ob die Interpretation einer Bach-Sonate gelungen ist oder einfach nur geschickt. Diese Stille ist keine Pause und keine Leere, sondern es scheint, als ob sich in ihr Schicht für Schicht die Zeit selbst sammelt: die eigene und die Zeit der anderen, der Historie und der Biographie, die einem zugewiesene Zeitspanne und die längere Dauer, die wir beim Anblick eines Baumes wahrnehmen. In dieser Stille sind alle Dinge da, gegenwärtig und klar voneinander unterschieden. Ihre Ruhe grundiert die Verwunderung des Gedichts, mit der eine Wahrnehmung die Gedanken durchbricht und plötzlich „der Regen einhält“.

          Für viele Leser steht Merwins vielleicht bekanntestes Gedicht, „Für den Jahrestag meines Todes“, wie ein Prolog über dem gesamten Werk. Er schrieb es mit 38 Jahren, veröffentlicht hat er es 1967 in seinem Band „The Lice“, der seinen künstlerischen Durchbruch markiert. Von den mythen- und symbolgesättigten frühen Gedichten wendet er sich ab, er findet zu einer fließenden Transparenz der Sprache. Wie ein Bauer seine Sense wird er seine Sprache in den nächsten Jahren immer weiter schärfen und feiner ausdengeln. Seine Worte sollen nicht aufs Papier „getackert“ werden, wie er sagte, die Interpunktion ist verschwunden, ihr Fluss wirkt natürlich. Den politischen Themen, seinem entschiedenen Protest gegen den Vietnamkrieg, bleibt er treu. Sein Lob der Natur und das Staunen über Zeit, Erinnerung, Endlichkeit wird er immer weiter erkunden. Es ist, als habe sein Spätwerk früh eingesetzt und sich dann über fünfzig Jahre lang zu einem Strom entwickelt, der Gedichte hervorbringt, wie man sie unter seinen Zeitgenossen vielleicht nur bei Tomas Tranströmer, Zbigniew Herbert oder Phillippe Jaccottet findet – oder in den vielen von Merwin übersetzten Texten aus der langen Geschichte der Poesie: von den Tagliedern der Troubadoure, Kaiser Hadrians Sterbegedicht, Dantes „Purgatorio“, Mandelstams Strophen bis zu den Haiku von Buson und den Zentexten Musô Sôsekis. Auch als Übersetzer wanderte Merwin unablässig zwischen den Zeiten.

          Die Stille und die Zwischenräume

          All diese Schichten werden in seinen Gedichten nicht zu festen Sedimenten, sondern zu Flächen in einem beweglichen Mobile aus Bildern und Fügungen, in dem die Eindrücke, Empfindungen oder auch erst zukünftige Erfahrungen („Dann werde ich nicht länger mich / Im Leben wie in fremden Kleidern fühlen“) umeinander kreisen. Indem die Stimme des Gedichts diesen Bewegungen folgt, spricht sie einmal ganz am Ohr des Lesers („da ich nach drei nassen Tagen schreibe“), dann aber von einem Ort aus, der wie in den späten Elegien Rilkes irgendwo in einem unbegrenzten „Weltinnenraum“ zu liegen scheint: „da...die Stille sich aufmacht...wie der Strahl eines erloschenen Sterns“.

          Es ist das Timbre dieser Stimme, die von weither und doch von ganz nah spricht, durch die in diesem Zwischenraum ein Sog auf etwas anderes hin zu entstehen scheint – eine metaphysische Zugluft, die den Hall einer Beschwörung erzeugen kann, die sich dem Gestus eines Gebetes annähert, das sich an keinen richtet. Drei Jahre nach dem Gedicht über den unbekannten Jahrestag seines Todes schrieb Merwin:

          Stirb nicht
          Gleich in welche sich entfernende Welt sie
          uns stecken mögen
          stirb nicht
          denn so wie diese hier gemacht könnte ich
          ewig leben

          Seit letztem Freitag kennt Merwin das Datum seines Todes. Am 15. März 2019 starb er inmitten seines Palmenhains auf Hawaii, der durch seine liebevolle Hartnäckigkeit, jeden Tag einen Baum zu pflanzen, zu einem Wald herangewachsen ist. Zwischen seinen Bäumen wird er nun, da sich die Stille aufgemacht hat, im Lärmen der Wurzeln ruhen.

          W.S. Merwin: „Für den Jahrestag meines Todes“ / „For the Anniversary of My Death

          Jedes Jahr kreuze ich ohne es zu wissen den Tag
          An dem die letzte Flamme mir zuwinkt
          Und die Stille sich aufmacht
          Die rastlos Reisende
          Wie der Strahl eines erloschenen Sterns

          Dann werde ich nicht länger mich
          Im Leben wie in fremden Kleidern fühlen
          Überrascht von der Erde
          Und der Liebe einer Frau
          Und der Schamlosigkeit der Menschen
          Wie heute da ich nach drei nassen Tagen schreibe
          Den Zaunkönig singen höre und der Regen einhält
          Und ich mich vor ich weiß nicht was verneige

          Aus dem Amerikanischen von Hans Jürgen Balmes

          ***

          Every year without knowing it I have passed the day   
          When the last fires will wave to me
          And the silence will set out
          Tireless traveler
          Like the beam of a lightless star

          Then I will no longer
          Find myself in life as in a strange garment
          Surprised at the earth
          And the love of one woman
          And the shamelessness of men
          As today writing after three days of rain
          Hearing the wren sing and the falling cease
          And bowing not knowing to what

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