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Frankfurter Anthologie : Giuseppe Ungaretti: „Für allezeit“

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Bild: Picture Alliance

Ein Dichter für Dichter: Ingeborg Bachmann, Paul Celan und Hans Magnus Enzensberger haben seine Verse übersetzt und so zu Ungarettis internationalem Ruhm beigetragen. Der Nobelpreis blieb ihm dennoch verwehrt.

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          Dieses nur zwölf Zeilen umfassende Gedicht enthält in seiner Mitte ein fast unscheinbares, auf den zweiten Blick aber unheimlich kühnes Bild. Weil der Ton dabei von einer Art träumerischen Sachlichkeit ist, erweist sich darin zugleich die Besonderheit von Giuseppe Ungaretti, der die italienische Lyrik wie kein anderer vom poetischen Pomp etwa eines Gabriele D’Annunzio befreite.

          Im deutschen Sprachraum hat Ingeborg Bachmann als Erste das Werk Giuseppe Ungarettis als Italiens Beitrag zur modernen Weltdichtung gerühmt. Ungaretti (1888 bis 1970), in der ägyptischen Hafenstadt Alexandria als Sohn eines am Bau des Suez-Kanals beteiligten toskanischen Ingenieurs geboren und zuletzt emeritierter Professor für zeitgenössische Literatur in Rom, war als Poet außerhalb Italiens damals freilich nur Kennern ein Begriff. Im Jahr 1961 gibt Ingeborg Bachmann im Suhrkamp Verlag eine Auswahl vor allem seiner frühen Gedichte mit ihren eigenen Übersetzungen heraus. Bald darauf nimmt Hans Magnus Enzensberger den Lyriker in Bachmanns Versionen nebst einer eigenen Übertragung in sein legendäres „Museum der modernen Poesie“ auf. Doch damit nicht genug. Auch Paul Celan, der auratische Dichter der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur, leiht dem längst (und erfolglos) zum Nobelpreiskandidaten avancierten Kollegen 1968 seine Stimme für einen Band im Insel Verlag.

          Obwohl Bachmann und Celan, zuvor ein Liebespaar und zeitlebens poetische Gefährten, sich überwiegend unterschiedlichen Werkzyklen Ungarettis gewidmet haben, sind sie mindestens in einem Fall als Konkurrenten vereint. Denn wie Bachmann sieben Jahre zuvor veröffentlicht Paul Celan nun eine Übersetzung des Ungaretti-Gedichts „Per sempre“. Bei Bachmann heißt es wortwörtlich „Für immer“. Bei Celan „Für allezeit“.

          Echo der Wiedererweckten

          Schon der Titel markiert einen Unterschied. Auch Ungarettis erste Zeile „Senza niuna impazienza sognerò“ klingt in Bachmanns Worten „Ganz ohne Ungeduld werde ich träumen“ schlichter und schlanker als „Ohne ein Gran von Ungeduld geh ich ans Träumen“. Doch ist Paul Celans emphatisch insistenter Ton hier auch dem Subtext und dem persönlichen Hintergrund auf der Spur. Das Poem markiert das Finale von Ungarettis letzter bedeutender, 1960 in Mailand erschienener Sammlung „Il taccuino del vecchio“ (in Celans Übersetzung „Das Merkbuch des Alten“).

          Ungaretti hat das Gedicht seiner nach drei gemeinsamen Jahrzehnten an einem Lungenleiden verstorbenen Frau Jeanne gewidmet und zudem datiert. Kein Nachruf, ein Wachruf. Denn gleich einem Ausgräber, einem Archäologen der Trauer und Sehnsucht modelliert der Dichter die geliebte Verstorbene aus den Bruchstücken der Arme, der Hände und findet gar ihre Augenlichter wieder. Ungaretti spricht von dieser nicht endenden „Arbeit“. Paul Celan verbindet dabei das Schwere und Leichte schon mit der Silbe „Gran“ (nah dem Gram) und verknüpft die Traumarbeit und Trauerarbeit mit der das knappere „sognerò“ des Originals zugleich interpretierenden Wendung „geh ich ans Träumen“.

          Als bei Ungaretti aus den Armen der Toten nun wieder die Hände erwachsen, folgt der eingangs erwähnte ungeheure Moment. Es sind „hilfreiche“ Hände – und „in deren Höhlung / tauchen die Augen auf“. Tatsächlich spricht Ungaretti von einer „cavità“, einem Hohlraum, ohne den Kopf mit seinen natürlichen Augenhöhlen zu erwähnen. Anders als noch Bachmann, die in ihrer Übersetzung die gewohnte Anatomie suggeriert, liest Celan die Stelle ganz wort- und sinngetreu: auf dass die Augen der verstorbenen Geliebten sich buchstäblich in der hohlen Hand auftun, wie einst die Wundmale des Auferstandenen. Der Orpheus-Mythos, das Neue Testament und die Vision des Handzeichens verbinden sich so zu dem, was Ungarettis gleichaltriger Künstlerfreund Giorgio de Chirico in der Malerei einst den „metaphysischen Realismus“ genannt hat.

          Paul Celan ist wie Giuseppe Ungaretti 1970, im Frühling vor jetzt fünfzig Jahren, gestorben. Beide haben Hölderlin und Apollinaire geschätzt und galten zu Lebzeiten als oft dunkle, hermetische Dichter. Ingeborg Bachmann hat dem mehrfach widersprochen und bei Ungaretti die „voce vivente“ betont. Diese lebende Stimme, ein Echo der Wiedererweckten, ertönt auch am Ende „per sempre“. Von Wiedererweckung und gar Auferstehung ist im Frühjahr 2020 nun gleichfalls die hoffende Rede. Auch das trifft ins Heute, für allezeit.

          Giuseppe Ungaretti: „Für allezeit“ / „Per Sempre“

          Ohne ein Gran von Ungeduld geh ich ans Träumen,
          mache ich mich an die Arbeit,
          die nicht mehr enden kann,
          und nach und nach, an der Spitze,
          tun sich den wiedergeborenen Armen
          hilfreiche Hände auf,
          in deren Höhlung
          tauchen die Augen auf, wieder, spenden Licht, aufs neue,
          du wirst auferstanden sein, unversehens,
          eine Unversehrte, und es geleitet mich
          erneut deine Stimme,
          für allezeit seh ich dich wieder.

          Rom, am 24. Mai 1959


          Aus dem Italienischen von Paul Celan

          ***

          Senza niuna impazienzia sognerò,
          Mi piegherò al lavoro
          Che non può mai finre,
          E a poco a poco in cima
          Alle braccia rinate
          Si riapriranno mani soccorrevoli,
          Nelle cavità loro
          Riapparsi gli occhi, ridaranno luce,
          E, d’improvviso intatta
          Sarai risorta, mi farà da guida
          Di nuovo la tua voce,
          Per sempre ti rivedo.

          Roma, il 24 Maggio 1959

           

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