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Frankfurter Anthologie : Johann Wolfgang Goethe: „An die Zikade“

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Bild: dpa

Warum hat Goethe sich mit einem winzigen Insekt identifizieren können? An der Silberstimme der tautrinkenden Dichterfreundin hat es nicht gelegen.

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          Mit all den Tieren, die im Lauf der gut dreitausendjährigen europäischen Lyrikgeschichte in Gedichten besungen wurden, könnte man längst einen ganzen Zoo füllen. Er bestünde zwar nur aus Papier, wäre aber dennoch erfüllt von den vielfältigsten Farben und Formen, Bewegungen und Stimmen. Zudem hätte er den Vorteil, dass keines der Tiere in ihm unter einer nicht artgerechten Unterbringung oder der Neugier der Besucher zu leiden hätte. Und mehr noch: Einmal in den lyrischen Zoo aufgenommen, wäre jede Tierart dauerhaft vor dem Aussterben geschützt.

          Wann genau das vorliegende Gedicht über die Zikade entstanden ist, wissen wir nicht. Es stammt aus den „Carmina Anacreontea“, den „anakreontischen Liedern“, einer Sammlung von sechzig Gedichten verschiedener unbekannter Verfasser aus einem Zeitraum, der vom zweiten vor- bis ins sechste nachchristliche Jahrhundert reicht. Weil sie in seinem Stil gehalten waren, wurden diese Gedichte lange Zeit Anakreon von Teos zugeschrieben, einem der neun kanonischen griechischen Lyriker aus dem sechsten Jahrhundert vor Christus. Nur wenig Verbürgtes ist über ihn bekannt, umso lieber stellte man ihn sich, den Themen seiner Gedichte entsprechend, als einen der Liebe und dem Wein ergebenen alten Mann vor. Ein Liebesverhältnis zu der Lyrikerin Sappho wurde ihm nachgesagt, und ein Traubenkern soll ihn schließlich das Leben gekostet haben. Doch dass er tatsächlich der Autor dieses Gedichts gewesen sein könnte, wird mittlerweile ausgeschlossen.

          Das perfekte Lebewesen

          Wer auch immer es geschrieben hat: Wir verdanken ihm – oder ihr – einen der bezauberndsten Beiträge zu der Gattung des Insektengedichts, einer vergleichsweise unbeliebten, aber nicht zu unterschätzenden Untergattung des Tiergedichts. Neben poetischem Talent scheint der Autor, die Autorin über zoologisches beziehungsweise entomologisches Wissen verfügt zu haben, denn entsprechende Kenntnisse sind an mehreren Stellen in den Text eingeflossen, so etwa die – auch von Aristoteles in seiner „Tierkunde“ vertretene – These, die Zikade ernähre sich nur von Tau (das ist mit dem „geringen Trank“ im dritten Vers gemeint). Wissenschaftlich ist das seit Langem überholt, doch ihren poetischen Reiz haben sich solche Details bis heute bewahrt.

          Vielleicht war es genau dies, was Goethe dazu bewog, das Gedicht im Jahr 1781 ins Deutsche zu übersetzen, wobei er im Wesentlichen dem Original folgte, sich aber auch dichterische Freiheiten nahm. So machte er aus der „Sommerbotin“ des Originals – wohl um den damit verbundenen Neuanfang zu betonen – den „süßen Boten“ „süßen Frühlings“, und die „helle Stimme“ der Zikade wurde bei ihm zur „Silberstimme“ veredelt. Vor allem aber führte er das schöne Wort der „Dichterfreundin“ ein, was auf ein inniges, fast schon identifikatorisches Verhältnis des Übersetzers zu der Zikade schließen lässt. Bezeichnenderweise wird sie bei ihm – anders als im Original – im ersten Vers nicht mit ihrem Namen, sondern als „liebe Kleine“ angeredet. Insgesamt ist der Ton von Goethes Übersetzung auffallend zärtlich, wozu auch das mit großer Musikalität gehandhabte Metrum beiträgt (ein trochäischer Vierheber, der dem antiken Versmaß nachgebildet ist). Man könnte den Eindruck gewinnen, nach Phoibos Apollon und den Musen habe sich auch Goethe in die Zikade verliebt.

          Was aber machte gerade dieses Insekt für ihn so reizvoll? Nicht allein um seinen berühmten, von manchen auch als aufdringlich empfundenen Gesang dürfte es dabei gegangen sein, sondern auch um die weiteren ihm zugeschriebenen Eigenschaften: „wie ein König“, aber auch in Eintracht mit den Bauern zu leben, verehrt zu werden, aber auch Freude zu bereiten, der Erde verbunden, aber auch in den Bäumen beheimatet, reich, aber genügsam und darüber hinaus „weise“ und vor allem „leidenlos“ zu sein. Mit all diesen Eigenschaften muss die Zikade Goethe wie ein geradezu perfektes Lebewesen erschienen sein, das zwar vielleicht nicht den Göttern ebenbürtig, jedenfalls aber den Menschen in all ihrer Begrenzung und Unvollkommenheit weit überlegen war.

          Was Goethe außerdem angezogen haben dürfte, ist die Vorstellung, der Zikade könne das Alter nichts anhaben – eine Vorstellung, die auf der Annahme beruht, das Insekt häute sich einmal im Jahr und lebe danach verjüngt weiter. Dieses Prinzip einer fortwährenden Verwandlung und Weiterentwicklung lag auch Goethes Auffassung von seinem eigenen Leben und Dichten zugrunde. Noch im hohen Alter und bemerkenswerterweise wieder mit Bezug auf ein Tier – diesmal allerdings ein Reptil – hat er dies programmatisch formuliert: „Sie zerren an der Schlangenhaut, / Die jüngst ich abgelegt. / Und ist die nächste reif genug, / Abstreif’ ich die sogleich, / Und wandle neu belebt und jung / Im frischen Götterreich.“

          Johann Wolfgang Goethe: „An die Zikade“

          Nach dem Anakreon

          Selig bist du, liebe Kleine,
          Die du auf der Bäume Zweigen,
          Von geringem Trank begeistert,
          Singend, wie ein König lebest!
          Dir gehöret eigen Alles,
          Was du auf den Feldern siehest,
          Alles, was die Stunden bringen;
          Lebest unter Ackersleuten,
          Ihre Freundin, unbeschädigt,
          Du den Sterblichen Verehrte,
          Süßen Frühlings süßer Bote!
          Ja, dich lieben alle Musen,
          Phöbus selber muß dich lieben,
          Gaben dir die Silberstimme,
          Dich ergreifet nie das Alter,
          Weise, zarte, Dichterfreundin,
          Ohne Fleisch und Blut Geborne,
          Leidenlose Erdentochter,
          Fast den Göttern zu vergleichen.

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