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Frankfurter Anthologie : Johann Wolfgang Goethe: „Freibeuter“

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Bild: Picture-Alliance

Über die Entstehung dieses in stilisiertem Hessisch geschriebenen Gedichts weiß man nichts. Doch es entwickelt einen eigenen Reiz, sich selbst einen Reim auf Goethes Verse zu machen.

          3 Min.

          Bei Goethe ist immer mit Überraschungen zu rechnen. Dieses Gedicht zum Beispiel – wer hätte es überhaupt für ein Gedicht Goethes gehalten? Und doch ist es im Jahr 1827 im dritten Band der „Ausgabe letzter Hand“ erschienen, wo es in der Rubrik „Lyrisches“ steht. Sonst aber weiß man wenig über diesen Text, und über die Umstände seiner Entstehung weiß man gar nichts. Bereits dies ist überraschend bei einem Autor, dessen Leben und Werk so genau dokumentiert sind. In diesem Fall aber lassen einen die Kommentare im Stich. Bei dem Versuch, das Gedicht zu verstehen, ist man auf sich selbst gestellt.

          Was also liegt hier vor? Ein Rollengedicht, denn der Text ist einer bestimmten Figur in den Mund gelegt. Der Titel gibt an, dass es sich um einen Freibeuter handelt. Im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert war dies ein Synonym für Seeräuber, doch auch Wegelagerer und Übeltäter anderer Art konnten als Freibeuter bezeichnet werden. In jedem Fall ist es bemerkenswert, dass Goethe einen solchen Schurken so ausführlich zu Wort kommen lässt. Und nicht weniger bemerkenswert ist, welche Sprache er ihn sprechen lässt: einen deutschen Dialekt, der als ein stilisiertes Hessisch bestimmt werden kann. Der Freibeuter spricht also denselben Dialekt, den auch Goethe gesprochen hat.

          So geht es fort und fort

          Als Dialektgedicht gehört der Text einem Genre an, das in Deutschland vor allem mit dem Erscheinen von Johann Peter Hebels „Alemannischen Gedichten“ im Jahr 1803 bekannt geworden war, wozu Goethe mit einer begeisterten Rezension dieser Sammlung beigetragen hatte. Von den „Alemannischen Gedichten“ weicht der „Freibeuter“ allerdings deutlich ab: von der idyllischen Behaglichkeit, die Goethe bei Hebel lobend hervorgehoben hatte, ist hier nichts zu spüren. Eher fühlt man sich an die wenig später erschienene romantische Liedersammlung „Des Knaben Wunderhorn“ erinnert, in der man immer wieder auf Husaren, Landsknechte und andere Galgenvögel stößt, die nicht selten Dialekt sprechen. In einem kleinen Tanzgedicht über das Ende einer Liebe findet sich hier außerdem das Motiv vom Haus ohne Tür: „Aus ist es mit dir, / Mein Haus hat kein Thür; / Mein Thür hat kein Schloß, / Von dir bin ich los.“ Da Goethe auch diese Sammlung rezensiert hat, kann man davon ausgehen, dass er den Vierzeiler kannte. Was er aus dem Motiv gemacht hat, ist freilich etwas völlig anderes.

          Vordergründig wird in seinem Gedicht in vergnügt verrätselten Versen das verwegene Freibeuterleben beschworen, wobei unklar bleibt, ob mit dem Haus ohne Tür ein Schiff oder eine Räuberhöhle gemeint ist; auch das „Schätzel“ ist doppeldeutig. Doch man merkt bald, dass es um mehr geht. Das liegt unter anderem an der formalen Künstlichkeit des Gedichts, die in einem gewissen Widerspruch zu der Volkstümlichkeit des Dialekts steht. Besonders ins Auge stechen die Anfangsverse der ersten drei Strophen, die jeweils chiastisch, also kreuzweise, aufeinander bezogen sind, und sich darüber hinaus wechselseitig verneinen. Eigentümliche Paradoxien entstehen auf diese Weise, und sie verleihen dem ganzen Gedicht einen schwebenden, irrealen Charakter. Je länger man über diesen Text nachdenkt, desto seltsamer findet man ihn. Ist es ein Traum? Dafür spricht, dass der Freibeuter nach dem vieldeutigen Gedankenstrich in der vierten Strophe angibt, geschlafen zu haben. Möglicherweise ist das Haus ohne Tür also genauso erträumt wie Liebste und Lustigkeit.

          Umso realer wirkt die letzte Strophe, in der der Freibeuter, die Chiasmen wieder aufnehmend, seine Situation nunmehr ganz konkret beschreibt: Es ist die eines rastlosen, unbehausten Menschen, der sich nicht einmal darauf verlassen kann, dass Oben und Unten an der üblichen Stelle zu finden sind. Sicher ist nur, dass es für ihn immer „so fort“ geht. Einen festen, bleibenden Ort, wie er in den Traumbildern von Haus, Herd, Küche und Keller aufscheint, gibt es für ihn nicht.

          Was hat Goethe aber an der Figur des Freibeuters fasziniert, und zwar so sehr, dass er ein Gedicht über sie geschrieben hat? Bei dem Versuch, diese Frage zu beantworten, könnte man an die Situation denken, in der Goethe sich im Jahr 1827 befand. Er war damals fast achtzig Jahre alt, fühlte sich seiner Zeit zunehmend entfremdet und verließ sein Haus am Frauenplan nicht mehr allzu oft. Größer könnten die Unterschiede zwischen dem Dichter und dem Freibeuter, die einzig ihr Dialekt verbindet, also kaum sein. Vielleicht hat sich der weltberühmte Goethe gerade aus diesem Grund für den namenlosen Freibeuter interessiert. Vielleicht hat er aber auch das Beispielhafte dieser Figur erkannt: die Tatsache, dass der Freibeuter in seiner dauerhaften Ortlosigkeit die conditio humana eindringlicher versinnbildlichen kann als etwa ein Dichterfürst in all seinem Ruhm.

          Johann Wolfgang Goethe: „Freibeuter“

          Mein Haus hat kein’ Tür,
          Mein’ Tür hat ke’ Haus;
          Und immer mit Schätzel
          Hinein und heraus.

          Mei Küch hat ke’ Herd,
          Mei Herd hat ke’ Küch;
          Da bratet’s und siedet’s
          Für sich und für mich.

          Mei Bett hat ke’ G’stell,
          Mei G’stell hat ke’ Bett.
          Doch wüßt ich nit e’nen
          Der’s lustiger hett.

          Mei Keller is hoch,
          Mei Scheuer is tief,
          Zu oberst zu unterst –
          Da lag ich und schlief.

          Und bin ich erwachen,
          Da geht es so fort;
          Mei Ort hat ke’ Bleibens,
          Mein Bleibens ken’ Ort.
           

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