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Frankfurter Anthologie : Francisco de Quevedo: „Er lehrt, wie alle Dinge auf den Tod verweisen“

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Kein Text des Dichters ist so pointiert wie dieses Sonett. Ausgangspunkt war eine Stadterweiterung Madrids, die Quevedo in unnachahmlicher Schwarzmalerei deutet.

          2 Min.

          Francisco de Quevedo (1580 bis 1645), poetischer Kronzeuge für die Schattenseite des „Goldenen Jahrhunderts“ in Spanien, ist zugleich, wie sein Bewunderer Rafael Alberti anmerkt, der große spanische Dichter des Todes. Beides gehört zusammen, und in Quevedos einzigartiger moralisch-metaphysischer Dichtung gibt es für dieses Junktim viele Belege. Alle diese Texte sind pointiert, aber keiner mehr als das vorliegende Sonett, eines seiner berühmtesten.

          Sie ziehen eine Summe der menschlichen Existenz in sententiöser Kürze, in einer Gedrängtheit, die expansiv bleibt. Ein schwindelndes Bewusstsein allgemeiner Vergänglichkeit wird in lapidaren (wörtlich: wie in Stein gehauenen) Worten, Bildern und Sätzen fixiert: Erschütterung, stoisch gefasst. Das Sonett gilt diesem Dichter als volkssprachliches Pendant des klassischen Epigramms mit seinem Zwang zur Konzentration, seinem Witz der Witzigung. „Das Gute, wenn kurz, ist doppelt gut“, sagt der Zeitgenosse Baltasar Gracián.

          Morsche Gemäuer

          Um 1610 wurden Teile der Madrider Mauern zur Stadterweiterung abgerissen. Ausgerechnet dieser Akt urbaner Fortschrittlichkeit liefert Quevedo das Stichwort für sein zentrales Thema, den Verfall Spaniens: die Mauern der Vaterstadt wie des Vaterlandes sind brüchig geworden. In einem Dreischritt von äußerster Lakonik deutet der Dichter die Nation, die Natur und den Kernbereich des eigenen Lebensraums unter dem Aspekt des Todes. Die knappen analogen Einsätze betonen die unerbittliche Konsequenz, mit der die Schwarzsicht des Betrachters alle Existenz im Sog des Todes verortet.

          Ein Prozess semantischer Ausdehnung und Verengung bestimmt den Aufbau des Sonetts: von der Stadt über das offene Land, das hier für die gesamte nicht-menschliche Natur steht, in die Enge der eigenen Behausung. Das zweite Quartett scheint sich der umklammernden Mauer-Metaphorik von Auftakt und Ende zu entziehen, aber es verheißt keine Befreiung vom Zyklus des Verfalls. Ein krass unidyllisches Frühlingsbild nimmt der Schneeschmelze und dem schattenspendenden Berg allen Reiz. Der Bach vertilgt das Eis, die Sonne den Bach, der Schatten die Sonne; Natur im Zeichen dauernden Vergehens.

          Das Gedicht ist nicht sicher datierbar. Unwahrscheinlich, dass Quevedo es als Dreißigjähriger geschrieben hat. Um 1610 war die Höhe seiner glänzenden politischen Laufbahn noch längst nicht erreicht, von der ihn Thronwechsel und Günstlingswirtschaft später in grausame Kerkerhaft stürzen sollten. Doch das Gesetz von Aufstieg und Fall, das uns die vier Blöcke des Gedichts, weitgehend im Zeilenstil und sehr klangintensiv, einhämmern, war ihm früh vertraut. Sein Scharfblick sah überall im Land Vorboten des Verfalls, und eine eigene Synthese aus Stoizismus und Christentum diente ihm als Memento mori.

          Denn die brüchigen Mauern in diesem Gedicht bezeichnen letztlich die Hinfälligkeit des Gebäudes aus Fleisch, Senecas Bild des Leibes als aedificium putre, morsches Gemäuer. Der Schluss verdichtet in einer Klangfolge trostloser Trauer die Litanei zum Epitaph auf die Größe des Reiches und auf das eigene Leben: „que no fuese recuerdo de la muerte“. Quevedo, der gern in die Architektur seiner Verse römische Zitate wie alte Grabplatten als Spolien einer Kirchenwand einfügt, lässt hier eine Zeile des verbannten Ovid anklingen: „nihil est nisi mortis imago“, alles nur Trugbild des Todes. Dem christlichen Ovidianer wird die ganze Welt zum Exil.

          Der Tod behält in dieser Coda das letzte Wort, im Original buchstäblich. Hier musste der Übersetzer passen.

          Francisco de Quevedo: „Er lehrt, wie alle Dinge auf den Tod verweisen“

          Ich maß die Mauern meiner Vaterstadt:

          die Kraft von einst, ermattet und gewichen,

          zermürbt vom Gang der Zeiten, die verstrichen;

          so herrscht Zerfall an alten Stolzes Statt.

           

          Ich ging aufs Feld: sah, wie der Sonnenstrahl

          die Bäche aufsog, kaum vom Eis entlassen,

          und wie den hohen Berg die Herde haßte,

          weil ihr das Tageslicht sein Schatten stahl.

           

          Ich trat ins Haus: vermodert lag der Herd,

          vom alten Wohnsitz Trümmer nur vorhanden;

          der Stab gekrümmter, schwach von meiner Schwere;

           

          geschlagen von der Zeit das eigene Schwert.

          Und kein Ding war, woran ich Blicke wandte,

          das nicht des Todes hohles Echo wäre.

           

          Aus dem Spanischen von Werner von Koppenfels.

           

          ***

          Miré los muros de la patria mia,

          si un tiempo fuertes, ya desmoronados,

          de la carrera de la edad cansados,

          por quien caduca ya su valentía.

           

          Salíme al campo, vi que el sol bebía

          los arroyos del hielo desatados,

          y del monte quejosos los ganados,

          que con sombras hurtó su luz al día.

           

          Entré en mi casa; vi que, amancillada,

          de anciana habitación era despojos;

          mi báculo, más corvo y menos fuerte,

           

          vencida de la edad sentí mi espada.

          Y no hallé cosa en que poner los ojos

          que no fuese recuerdo de la muerte.

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