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Frankfurter Anthologie : Robert Graves: „Fragment“

  • -Aktualisiert am

Bild: Picture-Alliance

Er war Historiker, Dichter, Agathas Christies Nachbar und Verfasser von Bestsellern über den römischen Kaiser Claudius. In diesem Gedicht stellt er eine spannende Frage: Können Wörter lieben?

          2 Min.

          Ob das ein Liebesgedicht ist? Es hat ein Du, aber kein erkennbares Ich. Es ist ein fragendes Gedicht, das ergründen will, was die Liebe aus dem geliebten „Dir“ macht, was aus sich und der Zeit, und ob und wie die Zeit die Liebe verändert. Mittelbar fragt es auch, ob Liebe letztlich nur ein Wort sei. Und wenn ja, dann aber eines, das sich eingesenkt hat ins Herz.

          Oder trifft auch das zu: Kann ein Wort lieben, nämlich andere Worte in einem Vers oder Satz? Mit liebenden Worten reden, geht das? Im Satzbau der Herzsprache dreht sich alles um unausgesprochene Reime. Das abschließende „by“ im Original reimt sich eher zufällig auf „sky“. Es scheint, dass in diesem Gedicht kein Reim vorgesehen war. Es ist eher auf Fragen eingestellt, auf zwei Gewissensfragen: Wie reagierst du auf Flüsterliebe? Und wie steht es mit dem Auge der Zeit? Oder handelt es sich um das Auge der Liebe? Wie verhält es sich, fixiert und gebannt zugleich auf das eine Wort, das alles entscheidende? Dieses Auge erweitert seinen Horizont. Ob Auge der Liebe oder der Zeit – hier schreibt das Ich des Gedichts, das sich bedeckt hält, Abstrakta ein sinnliches Organ zu. Und mehr noch: Haar sogar. Der Liebe Haar oder der Augen Wimpern? Nein, dieses Haar ist füllig, es gleicht Wolken; und als solche verbleibt es nicht an einem Ort, geht seiner sinnlichen Bedeutung verlustig.

          Der Satzbau der Herzsprache

          Beim Übertragen dieser Zeilen lag es nahe, „Spell-bound to a word“ durch die Wendung: „gebannt von einem Wort“ wiederzugeben; denn die Vorstellung, dass Zeit durch einen Zauber auf ein Wort hin ausgerichtet werden könnte, ist zunächst schwer einsichtig. Deutlich dagegen ist, dass diese Stelle für das Verständnis dieses ,Fragments‘ zentral ist, und der Eichendorff-Kundige denkt an das „Zauberwort“, das es im Gedicht zu treffen gilt. Doch dieses Ich ist kein Wünschelrutengänger, ist doch das magische Wort scheinbar gefunden, das nämlich, was die Liebe geflüstert hat. Dass es sich dabei um kein Lippenbekenntnis handelt, sondern um den Wert des Fühlens überhaupt, ergibt sich aus der stillen Eindringlichkeit der Frage.

          Robert von Ranke-Graves, wie er in Deutschland meist genannt wird, bezeichnete sein Gedicht als „Fragment“, obgleich es in sich zu ruhen scheint, nichts ,Abgebrochenes‘ hat, sondern eher durch Gleichmaß und einen betont sachten Rhythmus auffällt. Ja, es hat etwas von einem, landläufig gesagt, vollendeten Gedicht.

          Den fragmentarischen Charakter signalisieren hier keine Auslassungszeichen oder Gedankenstriche, sondern allein die Doppelfragen, deren Unbeantwortbarkeit den Eindruck von Öffnung ins Unentscheidbare und damit Unabgeschlossenheit erweckt.

          Und damit stellt das Gedicht noch eine ganz andere, radikalere und damit vollends beunruhigende Frage, die sich unter dem Textmantel des Gleichmäßigen verbirgt: Ist Liebe selbst nur ein Fragment, weniger unbedingt, als wir Menschen zu hoffen wagen? Als Wort zu groß, zu sehnsuchtsbeladen, zu – verbraucht? Mag also sein, dass schon das liebevolle Verständnis für das Bruchstück, Goethes Wort umkehrend, eine „große Konfession“ bedeuten könnte.

          Robert Graves: „Fragment“ / „Fragment“

          Rührt, wühlt es dich auf,
          ein Flüstern der Liebe?
          Gebannt hin auf ein Wort –
          steht die Zeit still,
          bis ihr ruhiges graues Auge
          sich zu einem Himmel weitet,
          und die Wolken
          ihres Haars
          wie Stürme vorüberziehn?

          ***

          Are you shaken, are you stirred
          By a whisper of love?
          Spell-bound to a word
          Does Time cease to move,
          Till her calm grey eye
          Expands to a sky
          And the clouds
          Of her hair
          Like storms go by?

          Aus dem Englischen von Rüdiger Görner

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