https://www.faz.net/-gr0-9o0cp

Frankfurter Anthologie : Jürgen Becker: „Fragment aus Arnstadt“

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Im Jahr der Wiedervereinigung ist Büchner-Preisträger Jürgen Becker nach Erfurt gefahren. Mit nüchternen Versen beschreibt er seine alte Heimat.

          3 Min.

          Der Büchner-Preisträger Jürgen Becker hat in seiner Lyrik immer wieder der Jahre gedacht, die er von 1939 bis 1947 als Heranwachsender in Erfurt verbrachte. 1932 in Köln geboren, war er mit den Eltern nach Thüringen gezogen. 1990, im Jahr der Wiedervereinigung, ist er in die alte mitteldeutsche Heimat gefahren. Das Gedicht stammt aus dem Band „Foxtrott im Erfurter Stadion“, den er von der Reise mitgebracht hat.

          Nüchterne Bestandsaufnahme ist Beckers Sache immer gewesen, die Thematisierung der eigenen Biographie im Zusammenhang der Verwüstungen des Zweiten Weltkriegs, der vor allem im Westen Deutschlands um sich greifenden Zerstörung der Natur und des allgemeinen Verlusts weltanschaulicher Orientierungen. Jetzt also Arnstadt. Johann Sebastian Bach kam achtzehnjährig hierher, um die zierliche, dicht unter das enge Deckengewölbe geschmiegte Orgel zu spielen, die Johann Friedrich Wender gerade fertiggestellt hatte. Das war 1703; vier Jahre würde er in dem Städtchen bleiben. Nach vierzig Jahren DDR bietet sich freilich ein eher tristes Szenarium; die Bausubstanz ist im Lauf der Jahrzehnte verfallen, die Hinterhöfe sind verwahrlost. Die eine oder andere Kantate klingt an, aber zunächst nur als bloßes Geräusch; die Tradition scheint inzwischen ihrer Klangfülle und frommen Bedeutung beraubt. Trotzdem schreibt Becker Kantate mit „C“, als hätte er eine alte Partitur vor Augen, und findet die geschichtsträchtige Orgel später auf einem Plakat abgebildet wieder, etwas versteckt an eine Stallwand geheftet.

          Beharrliche Suche nach dem Fundament

          Da steht der Dichter nun und möchte einfach erzählen. Während er schon erste Anzeichen von Aufräumarbeiten wahrnimmt, wird ihm, ein wenig wie die in Tee getunkte Madeleine für Proust, jedes aufgeschnappte Wort oder jeder Duft nach Thüringer Rostbratwurst zum Auslöser, der Erinnerungen an die eigene Kindheit heraufruft. Der Elfjährige geht ein weiteres Mal die Erfurter Straße entlang, die quer durch die Stadt führt, hinter einem Fuhrwerk her, und gelangt rasch zum Waldrand (die Stadt war damals kleiner). Aber der Geschichte ist nicht zu entrinnen, und statt auf Idylle und unberührte Natur stößt der Knabe im Wald auf ein Munitionslager, das auf das von den Deutschen angezettelte Kriegsgeschehen und die Verwüstungen jener Jahre verweist. Gibt es, fragt Becker, überhaupt Fundamente, auf denen nach der erfolgten friedlichen Revolution wieder zu gründen wäre? Baunachrichten aus dem Mittelalter zumindest gibt es kaum noch welche. Ist alles verloren, was einmal Fundament war?

          Becker sortiert beharrlich, nennt Alternativen. Er könnte möglicherweise den Grundriss der Bachkirche auf das Cover des Gedichtbands setzen, der in diesen Tagen entsteht, oder auch denjenigen des Erfurter Fußballstadions, das 1931 als Mitteldeutsche Kampfbahn gebaut, nach dem Krieg 1948 als Georgi-Dimitroff-Stadion wiedereröffnet wurde und 1991 schließlich in Steigerwaldstadion umgetauft werden sollte. Aber will er wirklich zurück zu einem Staat, der, um eine militärische Metapher zu gebrauchen, seine Bevölkerung zu Sportskanonen erziehen wollte? Wohl kaum.

          Irgendwie geht es auch um ein Wagnis. Vielleicht deutlicher als sonst beschwört Becker hier die schriftliche Überlieferung, Texte, die einmal gegolten haben und denen er nach wie vor Strahlkraft zugesteht, auch wenn ihr Licht keine Totalität mehr erhellen, sondern nur hie und da vereinzelte Schlaglichter werfen kann. Das Motiv eines Bechers mit Goldrand nimmt er in sein lyrisches Repertoire auf, um es vielleicht einem späteren Text einmal einzuflechten. Die moderne Lyrik hat mehrfach die Sehnsucht nach Stillung des Durstes aus edlem Gefäß reflektiert, die Hoffnung darauf aber für verloren gegeben. Zentral kann das Motiv auch hier nicht mehr werden, aber vielleicht doch noch eine Rolle spielen. Wenn Beckers Text in die weithin ausgebrannte deutsche Landschaft ein kulturelles Gedächtnis einträgt, erinnert er an Anselm Kiefer und dessen große Leinwände.

          „Die Grundlage, die Lage, und was in Frage kommt.“ Die letzte Zeile ist in ihrer Knappheit ungemein dicht. Was ist die derzeitige Lage, was war einmal Grundlage, wonach kann wieder gefragt werden, was könnte wieder Grundlage sein? Mit dem Fall der Mauer ist die Möglichkeit neuer Offenheit gegeben.

          Das Gedicht ist Fragment, begibt sich bewusst des Anspruchs auf konzeptuelle Einheit, und in der letzten Zeile zerbricht sogar die Syntax selbst. Becker mag nicht in Bachs Jubel einstimmen, weiß sich aber als Handwerker und in seiner poetischen Technik mit ihm einig. Das Arnstädter Konsistorium hatte dem jungen Komponisten seinerzeit zum Vorwurf gemacht, „dass er bisher in den Choral viele wunderliche variationes gemachet, viele fremde Thone eingemischet, dass die Gemeinde darüber confundiret worden“. Künstlerisches Schaffen, erfahren wir, ist beständige Flucht der Einheit vor sich selbst und ihr Brechen, weshalb es Bach denn auch um die Integration fremder Stimmen ins Werk ging. Und Beckers Gedicht dazu einlädt, von Anderen fortgeschrieben zu werden.

          Jürgen Becker: „Fragment aus Arnstadt“

          Ein paar Hinterhöfe mit Blechbüchsen, Brennnesseln, Sand.
          1703/1707.
          Das Geräusch dieser und jener Cantate.

          Jedes Wort zwischen Rostbratwürsten und Sanierung
          könnte der Anfang einer Erzählung sein.
          Der Anfang ein Fuhrwerk Erfurter Straße 1943.
          Zwischen zwei Häuserzeilen hörte die Straße auf,
          fing der Wald an.

          Noch einmal der Wald, der ein Munitionslager war,
          und spärlich sind
          die mittelalterlichen Baunachrichten.

          Der Grundriss der Bachkirche; der mögliche Grundriss
          der Mitteldeutschen Kampfbahn als Cover Design.

          Etwas vom Licht der schriftlichen Überlieferung.

          Ein Becher mit Goldrand ins Repertoire der Motive.

          Es gab ... es gibt den Orgelprospekt im Plakat
          auf der Stallwand. Das Zubehör an Hütten, Höfen,
          Weiden, Gewässern, Unfreien und Vieh.
          Die Grundlage, die Lage, und was in Frage kommt.

          Weitere Themen

          „Parasite“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Parasite“

          „Parasite“, 2019. Regie: Joon-ho Bong. Darsteller: Kang-Ho Song, Woo-sik Choi, Park So-Dam. Kinostart: 17. Oktober 2019

          Eskaliert wird jetzt mit Yogitee

          Hotlist-Preis : Eskaliert wird jetzt mit Yogitee

          Früher war mehr Lametta: Die Verleihung des Hotlist-Preises der unabhängigen Verlage hat einen neuen, erschreckend nüchtern ausfallenden Rahmen. Dafür gibt es einen strahlenden Doppelgewinner.

          Topmeldungen

          Abkommen steht : Unerwarteter Durchbruch beim Brexit

          Die Unterhändler der EU und Großbritannien haben sich auf einen Brexit-Vertrag geeignet. Das bestätigten Jean-Claude Juncker und Boris Johnson auf Twitter. Ein Scheitern des Abkommens ist jedoch dennoch möglich.

          Bernd Lucke : Nazischweine und Gesinnungsterror

          Vom AStA kann man nicht viel erwarten. Aber die Hamburger Regierung und die Universität leisten sich in Sachen Bernd Lucke eine peinliche Vorstellung.

          Neue Bücher : Unsere Herbstlese

          Die Zahl der in jedem Halbjahr auf Deutsch publizierten Bücher geht in die Zehntausende. Daraus eine Auswahl zu treffen ist vermessen. Aber mit den hier vorgestellten Titeln liegt man auf jeden Fall richtig.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.