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Frankfurter Anthologie : Albrecht Haushofer: „Fidelio“

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Bild: F.A.Z.

Manifest der Hoffnung: Im Fidelio siegt das Gute über das Böse. Kurz vor seiner Hinrichtung durch die SS stellt Albrecht Haushofer die Oper seinem eigenen Schicksal gegenüber.

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          „Welchen Stumpfsinn brauchte es“, schreibt Thomas Mann aus dem amerikanischen Exil in einem offenen Brief, im September 1945, „in Himmlers Deutschland den ‚Fidelio‘ zu hören, ohne das Gesicht mit den Händen zu bedecken und aus dem Saal zu stürzen!“ Wenige Monate davor, als Berlin bereits von den Truppen Stalins umstellt war, am 23. April 1945, hatten Schergen der SS den Dichter Albrecht Haushofer nach angeblicher Haftentlassung zusammen mit anderen Gefangenen hingerichtet. Als später der Leichnam geborgen wurde, fand man in seinen Händen ein blutgetränktes Manuskript. Es enthielt unter der Überschrift „Moabiter Sonette“ achtzig Texte, die Albrecht Haushofer in seinen letzten Monaten verfasst hatte.

          Das Fidelio-Sonett verstört vor allem durch den schneidenden Kontrast zwischen der Erinnerung an den Sieg des Guten, wie ihn Beethovens Rettungs- oder Befreiungsoper als Manifest der Hoffnung auf die Bühne gebracht hatte, und der Hoffnungslosigkeit, diese Erfahrung ins Leben vermitteln zu können. Die dem „herrischen Trompetenschall“ zugesprochene Einmaligkeit, die die Wirkungsgeschichte der Oper begleitet, weicht der bitteren, entsetzlichen Wahrheit, dass es sich dabei um die Ausnahme handelt, die auf das Theater beschränkt bleibt – das die Welt bedeuten mag, aber sie nicht ist. In der Oper setzt sich der Mut Leonores durch, die ihren zu Unrecht inhaftierten Mann aus dem Gefängnis zu befreien versucht und im entscheidenden Augenblick, bevor er von seinem politischen Erzfeind erdolcht werden soll, diesen mit der Pistole bedroht. In dieses Überraschungsmoment – denn erst hier gibt sie sich, die als Fidelio in Männerkleidung auftritt, zu erkennen – fällt das Trompetensignal, das die Ankunft des Ministers meldet, mit dem die Herrschaft des Unrechts beendet wird.

          Der heillose Riss

          Im vorausgegangenen Gedicht hatte Haushofer an seine frühe Faszination durch den Komponisten denken müssen – schon der jetzt Sechzehnjährige hatte sich gleich an Beethovens letzter Sonate versuchen wollen, die auch bei Thomas Mann im „Doktor Faustus“ eine Schlüsselrolle spielt. Seine Klavierlehrerin hatte ihm prophezeit, er werde sie erst verstehen, „Wenn Dir einmal das Herz gesprungen / und weiterschlägt und weiterschlagen soll“.

          Der heillose Riss zwischen dem Triumph der Töne und der Brutalität des Im-Sand-verscharrt-Werdens führt hier auch in die Widersprüche der Biographie: Als Sohn einer sogenannten Halbjüdin und eines bayerischen Generals, der die leicht instrumentalisierbare Geopolitik als wissenschaftliche Disziplin begründete, kam Haushofer früh mit Rudolf Heß in Kontakt, dem der Vater sogar zeitweilig Unterschlupf gewährte. Heß hat dem Sohn, dem Dichter, der über „Die Paß-Staaten in den Alpen“ promovierte, noch 1940 eine Dozentur in Berlin ermöglicht und die Verbindung zum Außenminister von Ribbentrop geschaffen.

          Mit zeitkritischen Römerdramen hatte Albrecht Haushofer aber früh versucht, als eine Art männliche Kassandra – und eines der Sonette heißt „Kassandro“ –, „die ganze Todesnot von Volk und Reich“ abzuwehren, „von meinem Warnen wollte keiner hören“. Haushofer galt spätestens nach Heß’ Englandflug als politisch unzuverlässig, er wurde inhaftiert und wieder freigelassen, dann hatte er Kontakt zum bürgerlichen wie zum marxistischen Widerstand der Roten Kapelle. Nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 tauchte er zunächst unter, wurde aber im Dezember entdeckt und in Berlin inhaftiert.

          „Musik im Schatten der Gefängniswände“, wie es im Sonett „Geigenspiel“ heißt, hat das Dunkel nicht aufzuhellen vermocht. Wenn Ernst Bloch in der Fidelio-Apotheose seines „Prinzips Hoffnung“ davon spricht: „Wie nirgends sonst wird aber Musik hier Morgenrot, kriegerisch-religiös, dessen Tag so hörbar wird, als wäre er schon mehr als bloße Hoffnung“, müsste man den Schluss des ersten Sonettes von Albrecht Haushofer, „In Fesseln“, dagegenstellen: „Indem ich lausche, spür’ ich durch die Wände / das Beben vieler brüderlicher Hände“.

          Albrecht Haushofer: „Fidelio“

          Ein Kerker. Einer, der das Böse will.
          Ein Todgeweihter. Kämpfend, eine Frau.
          Ein heller Klang durchdringt den dunklen Bau,
          und einen Atem lang sind alle still.

          In allem Zauber von Musik und Bühne
          wird keinem Ruf so reiner Widerhall
          wie diesem herrischen Trompetenschall:
          Dem Guten Sieg, dem Bösen harte Sühne.

          Geborgen steigen sie empor ins Licht,
          gegrüßt von denen, die gefesselt waren,
          geleitet von befreienden Fanfaren.

          Im Leben gibt es diese Töne nicht.
          Da gibt es nur ein lähmendes Verharren.
          Danach ein Henken, ein Im-Sand-Verscharren.

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