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Frankfurter Anthologie : Martin Heidegger: „Fernes Land“

Bild: Picture-Alliance

Von einem scharfen Windstoß wird Martin Heidegger aus dem Idyll der Kindheit gerissen. Eine Geste, die seine spätere Philosophie kennzeichnen wird.

          2 Min.

          Das Gedicht ist auf den 19. November 1910 datiert, unterzeichnet wurde es mit „M.“, es blieb damals unveröffentlicht. Heidegger, geboren am 26. September 1889, war nach damaligem Recht soeben erwachsen geworden. Nun kann er auf das Kindheitsidyll zurückblicken, das ihm zum fernen Land geworden ist. Eine Märchen- und Sagenwelt scheint auf, und wie es der romantischen und der Rokoko-Konvention entspricht, ist sie ins Silbermondlicht getaucht. Die geliebte abendliche Weile ist eine Zeit von unbestimmter Dauer, die verfließt, ohne zu drängen, ohne von Sorgen und Mühen belastet zu sein. Dass die Zeit lang sei, heißt es wenig später. Sie ist gedehnt, auseinandergezogen, will sagen: sie wurde, wie der Raum, dem Zauber und dem Traum gefügig gemacht. Diese ganze Welt ist harmlos, ungefährlich, von einem Kind und für Kinder geformt, sie besitzt keine feste Konsistenz, sondern hat ihre einzige Wirklichkeit in der Phantasie.

          Lorenz Jäger

          Freier Autor im Feuilleton.

          So kann man sagen, die Gedanken des Dichters seien bei ihm selbst und doch nicht bei ihm selbst; er sei da, jedoch in einer Weise, die ihm nicht mehr entspricht, und deshalb doch nicht da. Aber jetzt geschieht etwas Wirkliches. Das bloße Dahinfließen der Traumzeit wird unterbrochen: Ein scharfer Windstoß reißt aus dem Kinderland heraus. Dieser Stoß, von dem der Dichter sofort weiß, dass er ihm selbst gilt, hat gar keine inhaltliche Botschaft, wie es denn jetzt sein solle oder besser werden könne. Als Stoß ist er schon die Botschaft. Sie erweist sich im Effekt: die unangemessene Rolle, die verkehrte (psychoanalytisch gesprochen: „regressive“) Selbstdeutung, die vom Selbst in Wahrheit ablenkt, ist mit einem Schlag verlassen und entpuppt sich nun als Fluchtversuch. Das silberne Mondlicht wandelt sich in ein fahles. Etwas nicht unbedingt Angenehmes geschieht dem Menschen, er ist übergetreten in eine andere Art, da zu sein. Mit der seelischen Bequemlichkeit ist es jedenfalls aus, ein neuer Ernst behauptet sich gegenüber dem Kinderzauber. Das ist Heideggers eigenste Dynamik, die er später „Entschlossenheit“ nennt.

          Das Ende seelischer Bequemlichkeit

          Und das ungefähr meinte man dann mit dem Wort „existenziell“. „Sein und Zeit“, Heideggers bekanntestes philosophisches Werk, 1927 erschienen, handelt vor allem von solchen Bewegungen. Denn hier geht es nun ausdrücklich um das „Ergreifen“ und das „Versäumen“ der Existenz: „Die Frage der Existenz ist immer nur durch das Existieren selbst ins Reine zu bringen.“ Die innere Gefahr des Daseins kommt nicht von außen, nicht aus globaler gesellschaftlicher Verdinglichung, sondern aus der Suche nach Beruhigungen, aus der „ständigen Versuchung zum Verfallen“. Auch Heidegger spricht nun (wie damals alle Welt) von einer Entfremdung, der das Dasein zutreibe, „in der sich ihm das eigenste Seinkönnen verbirgt. Das verfallende In-der-Welt-Sein ist als versuchend-beruhigendes zugleich entfremdend.“ Die existentielle Selbsttherapie des Gedichts erweist sich im scharfen Kontrast der Stimmungen. „Gestimmtheit“ war für Heidegger alles andere als trivial oder bloß subjektiv, vielmehr trug sie zu Erschließung der Welt bei: „Die Stimmung macht offenbar, ‚wie einem ist und wird‘. In diesem ‚wie einem ist‘ bringt das Gestimmtsein das Sein in sein ‚Da‘.“

          Als ein scharfer Windstoß brach Heidegger Anfang der zwanziger Jahre in die Philosophie ein, als einer, der sie mitten in der Windstille des Systems an das „Sein zum Tode“ erinnerte und an einen Ernst der Endlichkeit, der sich in unserem Gedicht im Totenkopf (wie auf Dürers Hieronymus-Stich), dem letzten Requisit aus der sicheren Dingwelt, andeutet. In „Sein und Zeit“ lesen wir vom Ruf des Gewissens: „In der Erschließungstendenz des Rufes liegt das Moment des Stoßes, des abgesetzten Aufrüttelns.“ Und in einer viel späteren Aufzeichnung beschreibt sich Heidegger als „vom Fragen gestoßen“. Das war seine eigentliche philosophische Geste, und man kann von hier aus weiter assoziieren zum phallischen Stoßen und zu Heideggers zahlreichen Geliebten. Im Gedicht, nicht in philosophischer Sprache, war seine Geste ihm erstmals aufgegangen.

          Martin Heidegger: „Fernes Land“

          Ich liebe jene abendliche Weile,
          da Silbermondlicht mir durchs Fenster
          Zwerge, Elfen, Nix, Gespenster
          In die Stube zaubert.
             Von Kreisel, Reif und Pfänderspiel,
             Kleinkinderschule, von dem ersten Gänsekiel
             Träumt mir lang –
             Ich wandre weit zurück
             Den frühverlassenen Weg entlang
             Und suche, suche Kinderglück
             Und Knabenlust...
          Ein scharfer Windstoß reißt mich aus dem Jugendland
          Der Spuk entweicht.
          Noch seh ich wie dort an der Wand
          Fahles Mondlicht über den Totenkopf schleicht.

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