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Frankfurter Anthologie : Sebastian Unger: „Felder“

  • -Aktualisiert am

Bild: kA

Wie lässt sich heutzutage über das Reh sprechen? Der Dichter Sebastian Unger versucht es mit Worten, die sich selbst anschauen und ungewohnte Beziehungen schaffen.

          2 Min.

          Auf den ersten Blick scheint das Ziel des Autors die Verwirrung des Lesers zu sein. Aber wer noch einmal locker und langsam liest, spürt, wie die Bilder sich nahekommen, um ungewohnte Beziehungen einzugehen.

          Zunächst folgen Titel und Eingangswort dem üblichen Sprachgebrauch: „Felder“ gehören ins „Draußen“ und deuten eine Landschaft an, die sich tatsächlich nach und nach zusammenfügt. Der Sonnenaufgang, die Ferne, das Reh, der vorbeifahrende Zug – erwartbare Eindrücke für den, der sich in der Frühe zu einer Wanderung aufmacht.

          Doch schon das zweite Wort setzt einen anderen Anfang, da die „Felder“ als Äcker nicht schreiben. Ein anderer Sinn wird hinzugewonnen, über die Landschaft legt sich die Sprache mit ihren Wort- und Bedeutungsfeldern, wo sich Sprechende und Schreibende tummeln, Bezeichnetes und Gemeintes, Bücher und Leser, Klang und Empfindung. Unendlich scheint dieser Raum und weiter noch als das „Draußen“, wo ein Feld das nächste Feld (oder den Wald oder die Straße) neben sich hat, deren Ränder in wechselnden Zeiten immer neu bestimmt werden können.

          Ein Reh auf wechselnden Feldern

          Wie variabel und individuell die Sprache ist, gehört zur alltäglichen Erfahrung. Jeder Sprecher zieht andere Grenzen und tritt auf seine Weise „über den Rand“. Wörter wandeln sich, Neologismen machen Furore, Sätze dehnen sich vom „Nächsten“ zum „Vorigen“, indem sie das Vergangene fortsetzen und den zukünftigen Sprachgebrauch beeinflussen. Damit wird das Palimpsest der Schriftkultur zum dritten Thema des Gedichts. Der Einzelne findet die Welt als bereits „beschrieben“ vor, nicht umsonst füllt dieses Wort einen ganzen Vers. Der immense Schatz des Überlieferten droht den, der schreiben will, zu erdrücken, gleichzeitig nutzt der Schreibende ihn nach seinen Bedürfnissen. Aus den Bruchstücken, die ihn faszinieren, formuliert er Eigenes in einer Sprache, die vor ihm noch nicht existierte.

          Der Dichter Sebastian Unger kombiniert vertraute Bezeichnungen und abstrakte Begriffe. So tritt das Reh als „eine sehr frühe Akklamation“ auf. Sein Körper gehört zum Draußen, zur Natur. Immer bereit, vor Menschen zu fliehen, steht es reglos, aber da sein Anblick das menschliche Herz rührt, steht es auch „mitten im Satz“ unzähliger Texte, beladen mit der Symbolik, die ihm im Lauf der Jahrhunderte zugewachsen ist. „Reh“ wurde zu einem abgegriffenen, poetisch kaum noch verwendbaren Wort, obwohl es aus dem historischen „Woher“ die Erinnerung an Unschuld, Sanftheit und Grazie mitbringt.

          Wie lässt sich heute über das Reh sprechen? Wie kann die „Akklamation“ wachgehalten und ausgedrückt werden, die es in seiner Anmut immer noch und zu Recht genießt, obwohl es „nichts zu sagen“ weiß? Die Antwort führt das Gedicht vor: in Worten, die weder das Draußen vereinnahmen noch absolute Geltung beanspruchen, sondern sich selbst anschauen, wohl wissend, dass aus dem Käfig der Reflexion keine Flucht möglich ist.

          Wie sich Bedeutungen und Bewegungen aufeinander beziehen, wie viele unvertraute Netze sie knüpfen können, schwankend, aber suggestiv, demonstrieren die letzten Verse. Die Züge fahren vorbei, ihre Größe, ihr Geräuschpegel, ihre Schnelligkeit nehmen zu und wieder ab, so jedenfalls nimmt der Wanderer sie wahr. Gleichzeitig scheint er drinnen zu sitzen, im Zug, lesend, und im Vorbeifahren (oder im Buch) das Reh zu erkennen. Das erotische Vokabular („anschwellen“, „eishart“, „abschwellen“) verspricht eine Begegnung, doch „das Blut der Kälte ausgesetzt“ deutet eher auf Starre und Einsamkeit, sein Dampfen sogar auf Tod. Die Pointe des Umblätterns, die den Schlusstupfer setzt, kommt ziemlich überraschend, sie gibt dem Text eine Leichtigkeit zurück, von der man sich gerade verabschiedet hatte. Nirgends ein Punkt, der Halt anböte, die Verse quellen übers Papier oder den Bildschirm, „ohne ein Ende zu finden“. Leise, leise, lautet der Grundton, bitte kein Drama. Eher Melancholie, nicht zu knapp.

          Sebastian Unger hatte schon mehrere Preise gewonnen, als letztes Jahr „Die Tiere wissen noch nicht Bescheid“ erschien und sowohl mit dem Frankfurter wie dem Düsseldorfer Debüt-Preis für Poesie ausgezeichnet wurde. Dass die Menschen Bescheid wüssten, trotz gelehrter Worte, behauptet er nicht.

          Sebastian Unger: „Felder“

          Draußen schreiben die Felder über den Rand
          inbegriffen ein Nächstes und vom Vorigen
          beschrieben
          das Reh, eine sehr frühe Akklamation
          vor Sonnenaufgang steht es, ohne ein Ende zu finden
          mitten im Satz
          typisch überorientiert weiß es nichts zu sagen
          der Absolutheitsanspruch, eine Nüster
          ist ganz ein Woher in der Ferne
          vorbeifahrende Züge, die erst anschwellen
          bis sie eishart sind, Muskeln bei tiefen Temperaturen
          dann abschwellen
          und das Blut der Kälte ausgesetzt
          kribbelt wie leises Lesen, dabei dampft es
          und kommt man zu nah, blättert es einfach um

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