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Frankfurter Anthologie : F. W. Bernstein: „Vom Sinn“

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Bild: Picture-Alliance

Echten Pointen gab er zeitlebens keine Chance. Auch in diesem Gedicht bürstet der letzte lebende Lyriker der Frankfurter Schule den deutschen Humor gegen den Strich. Was lernen wir daraus?

          Von den drei großen Lyrikern der Neuen Frankfurter Schule lebt noch einer: Fritz Weigle, der unter dem Namen F.W. Bernstein seit gut fünfzig Jahren Gedichte veröffentlicht. Angefangen hat das im Satiremagazin „pardon“, auf deren Nonsens-Doppelseite „WimS“ („Welt im Spiegel“), die er gemeinsam mit seinen Freunden Friedrich Karl Waechter und Robert Gernhardt erfunden, beliefert und betreut hat.

          In den zwölf Jahren, die diese regelmäßige Zusammenarbeit währte, veränderten die drei Doppelbegabungen den Komik-Begriff, den man sich in Deutschland gemacht hatte: Mit dem, was auf Witzseiten oder Kabarettbühnen bis dahin zu sehen war, hatte das, was sie zeichneten und schrieben, wenig gemein. Aus dem Humor, der darin besteht, dass man trotzdem lacht, und dem Lachen, das im Halse stecken bleiben soll, wurde eine mehrschichtige Form von Unsinn. Ein paar Jahre später entwickelten „Monty Python“ die britische Version dieser anspielungsreichen Metakomik, die auch mit dem, was man unter klassischem Nonsens versteht, nicht mehr viel zu tun hat.

          Da geht er hin, der letzte Sinn

          Beider Wirkung auf die Komikentwicklung bis heute dürfte ungefähr die gleiche sein. Fortan werden gewohnte Witzmuster mit der obligatorischen Schlusspointe gegen den Strich gebürstet, parodiefähig ist nun alles, was Anspruch auf Ernsthaftigkeit erhebt, und vorgibt, Sinn zu vermitteln, vom Hohelied Salomonis bis zum Schlagertext. Der unseriöse Charakter, der allem Gereimten innewohnt, ist von der deutschen Sektion schön bloßgestellt worden.

          Robert Gernhardt wurde später vor allem als Autor berühmt, F.K. Waechter als Zeichner. F.W. Bernstein ist bis heute nicht berühmt geworden. Gerühmt wird er von Kennern.

          Dazu hat er selbst beigetragen: Sich klein zu machen und sein Licht unter jeden Scheffel zu stellen, gehörte von Anfang an zu seinen Steckenpferden. „Kleiner als ich? Kaum einer!“ So beginnt sein Gedicht „Größenordnung“, in dem er sich immerhin als „der Größte der Kleinen“ bezeichnet. Nein, Großmacht Bernstein wird er nie.

          Seine Werke erschienen verstreut in kleinen Verlagen und abseitigen Periodika. Der bekannteste seiner Verse wird häufig falsch zugeordnet: „Die schärfsten Kritiker der Elche / waren früher selber welche.“ Immerhin das Motto der Neuen Frankfurter Schule.

          Bernsteins lyrisches Repertoire ist umfassend, es reicht vom Zweizeiler bis zur Ballade, vom Couplet bis zur Ode, vom Choral bis zum Sonett, von Hölderlin bis Heine, von Gryphius bis Rilke – klassische Tonfälle schüttelt er aus dem Ärmelschoner. Und alle dienen dem komischen Zweck, das heißt, sie werden gebrochen durch unpassende Begriffe oder spätestens zum Ende hin barbarisch banalisiert.

          Auch das Sinn-Gedicht enthält eine moderne idiomatische Wendung: „da geht er hin“ – der letzte Sinn nämlich. Untypisch ist dennoch das ungebrochene Versmaß der beiden Quartette, denn Bernstein wechselt ansonsten gern den Rhythmus, oft durch kurze Einschübe oder Reimverweigerungen. Hier liefert die Schlusszeile ein durchaus seriös wirkendes Fazit in Form eines Aphorismus im klassischen Sinn: „Sinnverlust ist Lustgewinn“. Ob der Dichter das ernst meint oder nur seinem vorangestellten Motto treu bleibt, darüber möchte ich nicht spekulieren.

          Normalerweise ist die Sachlage klarer: „In Mannheim stand ein Automat um die Jahrhundertwende,/der jedem gegen’s Schienbein trat, der dafür zahlte. Ende.“

          Das perfekte komisches Gedicht: Die Fallhöhe wird geschaffen, der Absturz folgt prompt. Die Einheit von Inhalt und Form setzt sich bis in den Telegrammstil fort.

          Im Dialog, den Bernstein oft mit dem Leser führt, geht das so: „Mein Problem ist ein massives, / schweres, großes, heißes, tiefes. / Kein Problem? Was ist es dann? / Ach, ein Schnitzel? / Mannomann.“

          Das Schöne ist, dass man sich auf dieses Witzmuster, das die Pointe brav an den Schluss setzt und so für den mündlichen Vortrag ideale Voraussetzungen bietet, durchaus nicht verlassen kann.

          Im Sinn-Gedicht ist es der Anfang, der nur bedeutungsvoll klingt: „Auch die Hühner werfen Schatten,/wenn sie in der Sonne stehn.“ Was sollten sie sonst machen, die unpoetischen Hühner? Möchte man fragen – tut es aber nicht, da ein anderer Gedanke desselben Dichters dazwischenkommt: „Jeder Schatten stellt seinen Gegenstand/schützend vor die Sonne:/Lichtempfindlichkeit.“

          Und sollte uns das nicht zu denken geben? Ich denke: Lieber nicht.

          F. W. Bernstein: „Vom Sinn“

          „Erst kommt der Reim und dann der Sinn“, sagt die Punkrockband Cockbirds

           

          Auch die Hühner werfen Schatten,

          wenn sie in der Sonne stehn.

          Sinnvorräte, die wir hatten,

          schwinden, schmelzen und vergehn.

          Vergeuden wir den Restsinn, dann

          Fängt sinnfreies Leben an.

          Der letzte Sinn – da geht er hin.

          Sinnverlust ist Lustgewinn.

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