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Frankfurter Anthologie : Ezra Pound: „In einer Station der Metro“

  • -Aktualisiert am

Bild: Picture-Alliance

Es ist eines der kürzesten Gedichte der Weltliteratur. Aber sind die beiden Verse Ezra Pounds überhaupt ein Gedicht? Die Antwort fällt nicht schwer, sie rührt an das Grundprinzip von Lyrik.

          2 Min.

          Wann ist ein Gedicht ein Gedicht? Die Frage, die hier so leicht klingt und den Anschein erweckt, sie wäre ebenso schnell zu beantworten, wie sie auch kurz ist, führt zu einem endlosen Diskurs. Denn in der Poesie, spätestens seit Klopstock und seiner Erneuerung der Ode und Einführung des freien Verses, gibt es keine Taxonomie des Poetischen mehr. Jedenfalls keine, die nicht umgehend auch verworfen werden könnte. Dennoch muss, wenn die normative Poetik dermaßen porös geworden ist, dass sie nicht mehr verwendet werden kann, etwas an ihre Stelle treten, das sie ersetzt. Dies zumal, da jeder Regelbruch ästhetisch sinnvoll nur dadurch wird, dass er eine Spur hinterlässt, die einen Hinweis auf die Regel liefert, die beschädigt oder übersprungen wurde.

          In dieser Epoche einer historisch nachvollziehbaren Auflösung aller lyrischen Grundelemente entsteht auch eines der kürzesten Gedichte der Weltliteratur: „In a Station of the Metro“ von Ezra Pound (Gedichttext im Kasten unten), der später durch seine in Langversen verfassten „Cantos“ berühmt werden wird. Das Gedicht schreibt er 1912 in Paris, und es erscheint erstmalig 1913 im Literaturmagazin „Poetry“, das in Chicago herausgegeben wurde. Die erste Frage aber wohl ist, sieht man auf die zwei semantisch nicht zueinander passenden Zeilen, die ein Kolon verbindet und die einen Satz ergeben, der sinnvoll nicht geschlossen werden kann, ob es sich um ein Gedicht denn tatsächlich handelt. Denn zunächst einmal, lesen wir nur die erste der beiden Zeilen, deutet nichts darauf hin, das aus der im Prosastil verfassten Bemerkung ein Gedicht werden könnte. Aber dann eröffnet die zweite Zeile ein Bild, das sich völlig überraschend zur Allegorie anbietet, die sich allein dadurch, dass ihr das vergleichende „Wie“ entzogen wird, noch zur Metapher vertieft. Exakt der Doppelpunkt ist es, der das aufgerufene Assoziationsfeld vom Vergleich (Syntagma) zum neuen Objekt (Paradigma) „springen“ oder, wie Roman Jakobson es sagt, „drehen“ lässt.

          Wirkungsprinzip des Parallelismus

          Die „Blütenblätter auf einem nassen, schwarzen Ast“ sind somit mehr als nur eine bildliche Verschiebung „dieser Gesichter in der Menge“. Sie sind ein Phantasma, ein Produkt des Imaginären, und wir sehen sie dadurch auch allein, mit und ohne Bedeutungsentfaltung. Diese Eigenschaft, die verschiedenen und einander unverwandten Wirklichkeitsbereiche so miteinander zu verknüpfen, dass neue Räume des Sehens und Denkens entstehen, wird Parallelismus genannt, bei dem dann noch einmal semantischer, syntaktischer und synthetischer Parallelismus unterschieden wird. Roman Jakobson war es auch, der bereits in den dreißiger Jahren als Mitbegründer der sogenannten „Prager Schule“ die Lyrik auf Kontrast- und Ähnlichkeitsbeziehungen hin untersuchte und feststellte, dass ihr Wirkungsprinzip immer einem Parallelismus entspricht.

          Natürlich hatte Pound keine Sekunde daran gedacht, einen lyrischen Parallelismus zu verwenden, so wie auch ein Vogel nicht daran denkt, wie er seine Flügel bewegt, wenn er im Flug unterwegs ist. Aber er hat eben dadurch ein wunderbares Gedicht hinterlassen, das unter anderem vorführt, wodurch wir etwas überhaupt nur verstehen: nämlich durch die Beziehung einer sprachlichen Figur zu einer zweiten, die sie erläutert. In diesem Fall, und das macht die zwei Zeilen zu einem Gedicht, findet keine gegenseitige Erläuterung der Satzteile statt, sondern etwas stets Abwesendes wird zu einer Vorstellung gebracht, die in der Schnittstelle, im Satzzeichen entsteht. Das freilich setzt den produktiven Leser voraus, der dort zu einem Autor wird, wo der Autor jede diskursive Beschreibung der Welt ausgelassen und sich ganz und gar dem anvertraut hat, was Jakobson „Wissen vom Unbewussten“ nennt. Mit einem Wort: Das Gedicht assoziiert optimal. Aber dafür benötigt es den zur Imagination befähigten, produktiven Leser – oder es bleibt leer.

          Ezra Pound: „In einer Station der Metro“ / „In a Station of the Metro“

          Das Erscheinen dieser Gesichter in der Menge:

          Blütenblätter auf einem nassen, schwarzen Ast.

           

          Aus dem Amerikanischen von Eva Hesse

          ***

          The apparition of these faces in the crowd;

          Petals on a wet, black bough.

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