https://www.faz.net/-gr0-9kmj3

Frankfurter Anthologie : Charles Baudelaire: „Exotischer Geruch“

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa/ Costa/Leemage

Baudelaires moderne, einfache Sprache bereitet Übersetzern oft Probleme. Ernst Fischer lässt das Wesentliche dieser Verse auch auf Deutsch erklingen.

          Einmal ging der Pariser Charles Baudelaire doch auf Reisen – unfreiwillig. Die Fahrt Richtung Indochina sollte dem Jüngling die poetischen Flausen ein für allemal austreiben, aber was er heimbrachte, war Poesie: Der „Albatros“ stammt von dem verhassten Schiff, eine der großen Allegorien für den modernen Dichter in der gemeinen Masse. Auch sonst schwebt die träumende Erinnerung an ganz andere, fremde, ferne Welten durch die „Fleurs du Mal“, und so wie in diesem Sonett sind „Parfum exotique“ und „érotique“ nicht nur sprachlich fast das Gleiche. Ist die deutsche Sprache unfähig zu so vieldeutigem Zauber?

          „Quand, les deux yeux fermés, en un soir chaud d’automne / Je respire l’odeur de ton sein chaleureux“; ob ich „einschlürfe deinen warmen Duft mit Beben“, „die Rüche deines heißen Busens atmend sauge“ oder mich „des Abends deiner warmen Brüste Duft durchströmt“, der klassisch-moderne Takt wird manieriert, schwülstig, gar unfreiwillig komisch. Warum? Zum einen natürlich des heiligen Reimzwangs wegen, meist nur noch mechanisch exekutiert; zum anderen durch die Manie, sozusagen „alles“ in die Übersetzung zu packen – dabei macht oft die souveräne Beschränkung erst ein Gedicht. Hilfsverben stolpern durch die Zeilen, erfundene Adverbien füllen die Silbenzahl, und jeder kennt gewisse syntaktische Drehformen, die ausschließlich in Gedichtübersetzungen ihr Dasein fristen. „Parfum exotique“ scheitert durchweg schon an zwei eigentlich ganz einfachen Worten, am „respirer“, dem Atmen des Duftes, und am „sein“, der ein völlig anderes Echo weckt als der deutsche Busen. Sogar der erste, unübertroffene Übersetzer der „Fleurs du Mal“, Stefan George, kommt ins Schlingern, wenn hier „deines heißen busens duft mich lezt“. Mit „lezen“, „atmend saugen“, „einschlürfen“ sind Eros und Poesie von Anfang an vorbei.

          Gewonnen ist das Wesentliche

          Doch unversehens horcht man auf, hört wirklich ein Gedicht. Von Ernst Fischer, dem austromarxistischen Kunsttheoretiker einer anderen Epoche, stammt ein längst vergessenes Brevier französischer Dichter, und plötzlich erklingt Baudelaire auch auf Deutsch. Eine herbe, trockene und umso stärkere Anziehung geht aus von diesem „Körper“ (und man ersetze ihn nur versuchsweise durch den ebenfalls zweisilbigen „Busen“); das halbgeschlossene Auge und der endende Sommer verschmelzen zu einem dunkel leuchtenden Herbstbild, weil jedes Wort an seiner richtigen Stelle steht; das Allerweltsverb „riechen“ umgeht all die unmöglichen Synonyme für das ebenso simple wie schwierige „atmen“; jeder Vers im selbstverständlichen Satzbau und ohne die üblichen Füllsel. (Einmal verfällt auch Fischer dem Laster, nämlich da, wo „Blicke“ ausschließlich um des Reimes willen in einer sinnlosen Wendung „kein Zögern schändet“.)

          Unvermeidlich der Einwand, was Fischer alles „verloren“ habe. So setzt er für den Konditionalsatz „Wenn ich ...“ eine direkte Aussage; das sprechende „Ich“ wird nicht mehr ausdrücklich genannt, erscheint nur indirekt durch das Anreden der geliebten Frau. Gewonnen jedoch ist das Wesentliche, das Gedicht selber, das ohne alle syntaktischen Verdrehungen und verdrehten Vokabeln klassisch-einfache Sprachgestalt verbindet mit ungewohnten Bildern, neuen Tönen, mit Atmosphäre und erotisch-exotischem Duft.

          Charles Baudelaire: „Exotischer Geruch“ / „Parfum exotique“

          Das Auge schließt sich und der Sommer endet,
          dein Körper riecht nach wärmeren Gestaden,
          auf die mit ungeheuren Flammenschwaden
          die schwere Sonne reglos niederblendet.

          Insel der Trägheit, die sich bunt verschwendet
          in seltnen Bäumen, reich mit Frucht beladen,
          die Männer sehnig schlank, und Frauen laden
          dich ein mit Blicken, die kein Zögern schändet.

          Im Dufte deiner Brüste steigt ein Hafen
          empor, mit gelben Segeln, die verschlafen
          im weichen Wind sich aneinanderdrängen.
          Und der Geruch der grünen Tamarinden

          vermischt sich mit den südlichen Gesängen
          brauner Matrosen, die kein Ende finden.

          Aus dem Französischen übersetzt von Ernst Fischer

          ***

          Quand, les deux yeux fermés, en un soir chaud d'automne,
          Je respire l'odeur de ton sein chaleureux,
          Je vois se dérouler des rivages heureux
          Qu'éblouissent les feux d'un soleil monotone;

          Une île paresseuse où la nature donne
          Des arbres singuliers et des fruits savoureux;
          Des hommes dont le corps est mince et vigoureux,
          Et des femmes dont l'oeil par sa franchise étonne.

          Guidé par ton odeur vers de charmants climats,
          Je vois un port rempli de voiles et de mâts
          Encor tout fatigués par la vague marine,

          Pendant que le parfum des verts tamariniers,
          Qui circule dans l'air et m'enfle la narine,
          Se mêle dans mon âme au chant des mariniers.

          Weitere Themen

          Goldene Palme geht erstmals nach Südkorea Video-Seite öffnen

          Tragikomödie „Parasite“ : Goldene Palme geht erstmals nach Südkorea

          Bei den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes ist der südkoreanische Regisseur Bong Joon Ho für seine Tragikomödie „Parasite“ mit der Goldenen Palme ausgezeichnet worden. Damit ist er der erste Südkoreaner, der den Hauptpreis des weltweit größten Filmfests gewinnt.

          Zwei Säulen für die Demokratie

          Algorithmenkontrolle : Zwei Säulen für die Demokratie

          Die Politik sucht bislang vergeblich nach einem Weg, die Meinungsmacht der großen Internetplattformen einzuhegen. Es gibt dafür eine Lösung, die Politik und Wirtschaft versöhnt.

          „It Must Be Heaven“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „It Must Be Heaven“

          „It Must Be Heaven“ ist eine französisch-kanadische Komödie aus dem Jahr 2019 von Elia Suleiman. Der Film kämpft in Cannes um die Goldene Palme.

          Sie ersticken die Grundrechte

          Herta Müller über Europa : Sie ersticken die Grundrechte

          „Ja, man kriegt Angst“: Ein Gespräch mit Herta Müller – über den Größenwahn der Nationalisten, die Verrohung der Sprache und die Zerstörung der Demokratie in Europa.

          Topmeldungen

          Selbstverantwortung : Kümmer dich um mich!

          Deutschland diskutiert wieder über Sozialismus. Tatsächlich wollen Menschen nicht mehr so viel Verantwortung für ihr Leben haben. Sie lassen lieber andere für sich entscheiden. Wo ist der Wunsch nach Freiheit geblieben?

          Streit um Grenzmauer : Trump diffamiert Richter

          Präsident Donald Trump ärgert sich, weil ein Bundesrichter einen Teil der Mittel für Grenzanlagen blockiert hat. Der Richter sei ein „Aktivist“. Trump hat mittlerweile mit sieben Klagen gegen seine Mauer zu Mexiko zu kämpfen.

          Formel 1 im Liveticker : Die Silberpfeile fliegen vornweg

          Das Rennen in Monte Carlo ist legendär. In diesem Jahr starten wieder die Mercedes von ganz vorne. Am Start hat keiner der Verfolger die Chance auf ein Überholmanöver. Verfolgen Sie das Rennen im Liveticker.

          DFB-Pokalsieg der Bayern : Lewandowski und seine ganz besondere Show

          Er trifft nicht in entscheidenden Spielen? In den Finals um den DFB-Pokal beweist Robert Lewandowski das Gegenteil. Beim 3:0-Sieg über Leipzig ragt der Stürmer heraus – und stellt mit einem Weltklasse-Tor einen Rekord auf.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.