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Frankfurter Anthologie : Jorge Luis Borges: „Erwartung der Liebe“

Bild: dpa

Gedichte über das unmittelbar erotische Empfinden sind bei diesem Dichter eine Seltenheit. Borges nähert sich dem Sujet in diesen Versen mit großer Rafinesse.

          Eine Frau liegt schlafend in den Armen eines Mannes, der sie und ihren Schlaf betrachtet. Gunst, Glück und Geschenk in einem: Dreizehn der fünfzehn freirhythmisierenden Verse feiern diesen Moment. Aber er ist nicht real. Er ist Projektion, Imagination und Phantasie des lyrischen Ichs in eine unbestimmte Zukunft hinein. Deshalb regiert grammatikalisch das Futur und mit ihm das Hilfsverb „werden“, deshalb lautet der Originaltitel des frühen, 1925 im Band „Mond gegenüber“ (Luna de enfrente) erstmals publizierten Gedichts „Amorosa anticipación“, wörtlich: liebende Vorwegnahme. Dass sich Gisbert Haefs, dessen Übertragung dem Wörterglanz des damals sechsundzwanzig Jahre alten Jorge Luis Borges entspricht, gleichwohl für „Erwartung der Liebe“ entschieden hat, ist plausibel. Denn natürlich steht das erotische, damit (auch) sexuelle Begehren im Zentrum des Gedichts.

          Jochen Hieber

          Freier Autor im Feuilleton.

          Sein ästhetisches Raffinement besteht darin, dass es auf zwei ebenso essentielle wie konträre Ikonographie-Muster der bildenden Kunst anspielt: auf die schlafende Frau als mythologischem oder säkularem Spezialfall des weiblichen Akts und auf das christliche Inbild der Trauer und des Schmerzes schlechthin, die Pietà. Letztere freilich erfährt eine radikale Kontrafaktur. An die Stelle von Peruginos und Michelangelos Mater Dolorosa, die den toten Christus in ihren Armen hält, rücken ein keineswegs schmerzgeplagter Mann, der nur zu gerne schon Liebhaber wäre, und eine höchst lebendige, mirakulös in den Stand der Unschuld – „wie durch ein Wunder wieder Jungfrau“ – zurückversetzte und dabei, salopp gesagt, stillgelegte Frau. Eine durchaus blasphemische Kontrafaktur, die aus dem Lacrimosa des Requiems ein amouröses Scherzo gewinnt.

          Poesie des weiblichen Akts

          Scherzhaft allerdings ist der Ton des Gedichts nicht – so wenig übrigens wie es die Gemälde und Zeichnungen der Schlafenden im weiblichen Akt sind. Hier herrscht – von Rembrandt bis Picasso, von Watteau bis Beckmann – eine variable Skala aus Schönheitsfeier, Schauerromantik, Nacktheits-Pathos und anatomischem Realismus. Der junge, vom Vater freigeistig erzogene, von der Mutter katholisch geprägte Borges ist demgegenüber enorm diskret. Außer ihrer „Stirn“ gibt seine Schöne nichts preis, ihr „Körper“ wird gleich dreifach in adjektivische Nebel gehüllt („mysteriös, schweigsam und mädchenhaft“). Dass sie nackt sein könnte, deutet die Zeile „wie Gott dich sehen muss“ immerhin an, ein prophylaktisches „vielleicht“ sendet das Keuschheitssignal aber sofort mit. In der Bibliothek des Vaters, seiner eigentlichen Bildungsinstanz, im Nationalmuseum der Schönen Künste von Buenos Aires, spätestens jedoch während des ersten Europa-Aufenthalts von 1914 bis 1921 ist der argentinische Jungdichter gewiss auch mit der Aktmalerei vertraut geworden, weshalb die zunächst etwas kryptisch anmutende Formulierung vom „Glück, das das Gedächtnis erwählt hat“ völlig evident erscheint.

          Das Gedicht des Weiteren biographisch zu entschlüsseln lohnt nicht. Die schlafende Frau aus „Amorosa anticipación“ ist eine der wechselnden Musen, die der notorische Junggeselle und entschiedene Muttersohn anzog, idealisierte, wieder vergaß oder ins rein Freundschaftliche und Kollegiale überführte. Ansonsten zur Auskunft in eigener Sache und zu autobiographischen Vexierspielen (etwa „Borges und ich“ von 1960) stets geneigt, hat er sich über „Erwartung der Liebe“ nie geäußert, die Sammlung „Mond gegenüber“, den zweiten von gut einem Dutzend Gedichtbänden, überdies im Alter als ihm „fremd“ geworden abgekanzelt. Ein Sänger der Liebe war Borges nicht – unter den Hunderten von Gedichten zu historischen, philosophischen, religiösen, literarischen Ereignissen und Gestalten, zu Tangos, Träumen und Tieren gibt es bestenfalls eine Handvoll von Versuchen über das unmittelbar erotische Empfinden und Erfahren.

          Desto kostbarer ist „Erwartung der Liebe“. Die Verse sind ein Stillleben des innigen, reinen, betörenden Augenblicks. Sie sind – ja, auch dies ist möglich – sittsamartige Aktpoesie, deren Zukunftshoffen für uns, die Leser, bleibend gegenwärtig erscheint. Dass der junge Borges in der letzten Zeile dem Begehren seines lyrischen Ichs auch noch realiter entsagt – „ohne die Liebe, ohne mich“ –, begründet die vorletzte – „aufgehoben die Fiktion der Zeit“ – mit einer ganz anderen Art von Antizipation. 1944, fast zwei Jahrzehnte nach „Erwartung der Liebe“, wird der Prosaband erscheinen, der diesen Autor zum Weltruhm führt. Wodurch? Indem er die lineare Abfolge der erfahrenen wie erzählten Zeit mit jenem magischen Realismus konterkariert, der alsbald zum Markenzeichen der lateinamerikanischen Literatur schlechthin werden sollte. Der Titel des Bandes lautet: „Fiktionen“.

          Jorge Luis Borges: „Erwartung der Liebe“ / „Amorosa anticipación“

          Nicht die vertraute Nähe deiner Stirn, hell wie ein Fest,
          noch die Gewohnheit deines Körpers, wiewohl mysteriös, schweigsam und mädchenhaft,
          noch die Abfolge deines Lebens, das zu Wörtern oder Schweigen wird,
          werden eine so rätselvolle Gunst sein
          wie die Betrachtung deines Schlafs,
          verflochten in die Wacht meiner Arme.
          Wie durch ein Wunder wieder Jungfrau durch die freisprechende Macht des Schlafes,
          ruhig und leuchtend wie ein Glück, das das Gedächtnis erwählt,
          wirst du mir dieses Ufer deines Lebens schenken, das du selbst nicht besitzt.
          Der Ruhe hingegeben
          werde ich diesen letzten Strand deines Seins von fern erblicken,
          und dich zum ersten Mal sehen, vielleicht,
          wie Gott dich sehen muss,
          aufgehoben die Fiktion der Zeit,
          ohne die Liebe, ohne mich.

          ***

          Ni la intimidad de tu frente clara como una fiesta
          ni la costumbre de tu cuerpo, aún misterioso y tácito y de niña,
          ni la sucesión de tu vida asumiendo palabras o silencios
          serán favor tan misterioso
          como el mirar tu sueño implicado
          en la vigilia de mis brazos.
          Virgen milagrosamente otra vez por la virtud absolutoria del sueño,
          quieta y resplandeciente como una dicha que la memoria elige,
          me darás esa orilla de tu vida que tú misma no tienes,
          Arrojado a quietud
          divisaré esa playa última de tu ser
          y te veré por vez primera, quizá,
          como Dios ha de verte,
          desbaratada la ficción del Tiempo
          sin el amor, sin mí.

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