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Frankfurter Anthologie : Ernest Wichner: „Desperates Berlin der Zeit 1920“

  • Aktualisiert am

Bild: Thomas Huber, picture-alliance/APA/picturede

Dieses Gedicht beruht auf dem Fund eines Zettels. Ernest Wichner war elektrisiert, als er ihm in die Hände fiel. Er brach nur lyrisch die Zeilen – und barg eine anrührende Geschichte.

          Dieses Gedicht (Text im Kasten unten) ist ganz und gar untypisch für Ernest Wichner, der 1975 das Ceauçescu-Regime verließ und die rumäniendeutsche Variante von Surrealismus und Dada um eine unverwechselbare Stimme bereicherte. Es genügt, an dieser Stelle seinen Mentor Oskar Pastior zu nennen, dessen Securitate-Verstrickungen Wichner, der auch als Übersetzer hervortrat, kenntnisreich kommentierte, ohne den Stab zu brechen über seinen Freund. Das Gedicht ist ein Fundstück, vom Autor nach dessen Bekunden im Marbacher Literaturarchiv auf zwei handbeschriebenen Zetteln aus Franz Hessels Nachlass entdeckt. Es ist anzunehmen, dass er dem dort Notierten das poetische Format gegeben hat, in das er den Text überführt. Erst das Wissen um die Urheberschaft macht es möglich, die zeitlos klingenden Verse einzuordnen in die Zeit der Neuen Sachlichkeit: Wir sehen Mädchen mit Bubikopf-Frisuren und junge Frauen mit durchtrainierten Beinen zu nachmittäglichen Tanztees eilen und hören einen abgeklärten Beobachter von Liebestüchtigkeit sprechen, nicht aber von romantischer Liebe.

          Vom Flaneur Franz Hessel, damals Lektor bei Rowohlt und (zusammen mit Walter Benjamin) Übersetzer von Prousts „Im Schatten junger Mädchenblüte“, wissen wir, dass er gern junge Damen zu Spaziergängen oder Rendezvous in schicke Berliner Hotels und Bars begleitete. „Der richtige Tanzpartner ist eine sehr wichtige Persönlichkeit und nicht zu verwechseln mit dem, den man gerade liebt“, schreibt Hessel 1929 in „Spazieren in Berlin“. Und der sich alt fühlende Fünfzigjährige, dem ein Franzose die Frau ausgespannt hatte (siehe Truffauts Kultfilm „Jules et Jim“), fügt hinzu: „Darüber haben mich meine Freundinnen belehrt, während sie sich für das ein oder andere Fest zurechtmachten.“ Er mimte den treuen Begleiter - wenn es sein musste, bis zum Morgengrauen; ansonsten machte er Kunst, als Lektor wie als Erzähler und Feuilletonist. Knapp und nüchtern, in sachlich unterkühltem Ton, teilt er dies mit.

          Verlorene Unschuld

          Die Zettel im Marbacher Literaturarchiv gehören zum Konvolut eines autobiographischen Romans, an dem Franz Hessel bis zu seinem Tod im Januar 1941 schrieb, 1987 von Suhrkamp publiziert unter dem Titel „Alter Mann“. Schockierender als dessen subjektive Befindlichkeit war die historische Gemengelage, die dem Text einen vom Autor nicht intendierten Sinn verlieh, stehend und fallend mit dem Wort Buchenwald. Hier hat es noch seine ursprüngliche Bedeutung, ohne das Wissen der Nachgeborenen über das gleichnamige KZ, in das Hessels Sohn Stéphane im Juni 1944 eingeliefert wurde, als Mitglied der Résistance von der Gestapo verhaftet, gefoltert und zum Tode verurteilt. Die Lagerhaft überlebte er nur, weil ihm der Kapo Arthur Dietzsch in der Krankenbaracke die Papiere eines kurz zuvor Verstorbenen zusteckte. Derselbe Stéphane Hessel, der später an der Menschenrechtscharta der Vereinten Nationen mitwirkte und noch im hohen Alter die Jugend der Welt dazu aufrief, sich zu empören. Von alldem ahnte Franz Hessel nichts. Ernest Wichner aber war elektrisiert, als ihm Hessels Notizen in die Hände fielen, und gab seinem Erschrecken literarische Gestalt, indem er, ohne den Text zu verändern, lyrisch die Zeilen brach. So bleiben Vater und Sohn verbunden im Klang eines deutschen Wortes, das damals seine Unschuld verlor.

          Ernest Wichner: Desparates Berlin der Zeit 1920

          1

          Man liegt sich in den Armen

          Sieht sich auf Beine

          Und Liebestüchtigkeit an

          Und macht sonst Kunst

           

          2

          Ach aber viel Sehnsucht hab ich

          Bei Regenbogen und Wolkentürmen

          Und grünem Wasser und braunem Tang

          Bei Jasmin und bei Buchenwald

          Und bin ganz wie aufgesperrt

          Und zart innen vor Erwartung

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