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Frankfurter Anthologie : Bertolt Brecht: „empfehlung eines langen, weiten rocks.“

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Bild: ASSOCIATED PRESS

Für den sinnlichen Einsatz eines Kleidungsstücks präsentiert Bertolt Brecht hier, in typisch ironischer Weise, eine Art Gebrauchsanleitung. Das Gedicht war einst an die eigene Gattin adressiert.

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          Dass nackte Tatsachen und wüste Worte allein weniger erregen als die Spannung zwischen Verhüllung und Entblößung, gehört zum kleinen Einmaleins erotischer Literatur. Und so ist es nicht das erste und nicht das letzte Mal, dass sich Bertolt Brecht in diesem Sonett von 1944 den Spaß macht, dirty talk ironisch gegen hohen Ton auszuspielen und das Ganze als Gebrauchsanweisung oder „Empfehlung“ zu präsentieren. Bemerkenswert ist aber, dass er genau diese Erregungsdialektik in ein Bild übersetzt: das Bild vom langen Rock, der mal verhüllt und mal verrutscht. Bildhaft verdichtet wird diese Poetik aber noch in einem anderen Sinn: Brecht ändert das ehrwürdige Erscheinungsbild des Sonetts (obwohl er sich einigermaßen an die Reimordnung hält), indem er aus 2 x 4 plus 2 x 3 Versen ein Figurengedicht macht: Zwei Sechszeiler umrahmen ein Verspaar, das das geheime Ziel der Wünsche abseits vom „tabakrauch wichtiger debatten“ bezeichnet, genau im Zentrum der „Figur“.

          Doch das Gedicht hat nicht nur eine graphische, sondern auch eine autobiographische Dimension: Es war zunächst gewissermaßen für den Hausgebrauch bestimmt und an die eigene Gattin adressiert; zitiert wird es hier in Originalschreibweise nach dem Typoskript im Brecht-Archiv. Veröffentlicht wurde es erstmals in der Suhrkamp-Ausgabe von 1956, also kurz nach Brechts Tod, aber noch zu Lebzeiten Helene Weigels. 1970 erschien es sogar in einer Festschrift zu ihrem siebzigsten Geburtstag zwischen vielen Fotos, die die Schauspielerin im typischen langen Rock zeigen.

          Brecht, Weigel, Medea

          Autobiographisch ist aber auch der Hintergrund des Exils, der sich im Hinweis auf politische Debatten im verrauchten Raum vielleicht andeutet, eindeutig aber aufgerufen wird durch die Nennung Medeas. Denn an sich würde die neckische Argumentationslogik der Terzette bzw. des zweiten Sechszeilers ja auch so funktionieren: „Meine Empfehlung, einen langen Rock zu wählen, dient nicht nur schnöder Lusterregung, sondern auch ästhetischem Genuss, nähert er dich doch dem griechischen Schönheitsideal an und macht dich einer Korbträgerin im langen Gewande ähnlich, nämlich einer Kanephore oder Karyatide.“ Diese bildungsbürgerliche Pose wird aber nicht erst durch die Schlussvolte entlarvt, sondern schon dadurch verkompliziert, dass als Inbegriff des schönen Gehens im langen Gewande eben keine Griechin steht, sondern Medea, die „barbarische“ Königstochter vom Schwarzen Meer. Von Euripides über Grillparzer bis Jahnn galt sie als Inbegriff der bedingungslos Liebenden, die mit dem Geliebten ihre Heimat verlässt und in der Fremde grausam gedemütigt wird, um sich maßlos zu rächen. Brecht selbst hat diese Grundsituation 1933 in seinem Gedicht „Die Medea von Lodz“ im Schicksal einer nach Berlin geflohenen orthodoxen Jüdin wiedererkannt und mit Hanns Eisler das Projekt einer Medea-Oper diskutiert (nach dem Typoskript im Bertolt-Brecht-Archiv der Akademie der Künste, Berlin, Signatur 1697/34).

          Allerdings: Die Medea des Sonetts von 1944 ist noch gar nicht in der Fremde, sondern auf dem Weg dahin, geht „schön“ und offenbar wohlgemut zum Hafen ihrer Heimatstadt Kolchis. Was hat es damit auf sich? Geht es um eine Beschwörung von Weigels Bühnenerfolgen in Deutschland im Gegensatz zu ihrem Dasein als Exil-Hausfrau, wie mein Kollege Matthias Rothe meint? Oder müssen wir auch, dialektisch-freudianisch, mitdenken, dass Jason im Exil seiner Medea untreu geworden ist? Und sollten wir uns vielleicht auch fragen, was im Korb ist? Es könnte das Goldene Vlies sein, das sie ihrem Vater geraubt hat, damit ihr Geliebter seine Mission erfüllen kann. Denkbar ist aber auch eine düsterere Antwort: Es könnte sich um die zerstückelten Gliedmaßen von Medeas ermordetem Bruder handeln, die sie auf der Flucht ins Meer werfen wird, um die Verfolger aufzuhalten. Wäre dem so, würden die Schrecken der Zeit einen tiefen Schatten über das Lockwort im Zentrum des Gedichtes werfen: „fleisch.“

          Bertolt Brecht: „empfehlung eines langen, weiten rocks.“

          und wähl den bäuerlichen weiten rock
          bei dem ich listig auf die länge dränge:
          ihn aufzuheben in der ganzen länge
          an schenkeln hoch und hintern, gibt den schock.
          und wenn du hockst auf unserer ottomane
          laß ihn verrutschen, daß in seinem schatten

          durch den tabakrauch wichtiger debatten
          dein fleisch mich an die gute nacht gemahne.

          doch sind es nicht nur niedere gelüste
          die mich nach solchem rocke schreien lassen:
          du gehst drin schön, wie einst durch kolchis gassen
          medea, als den korb sie meerwärts trug. –
          doch wenn ich keine andern gründe wüßte:
          wähl solchen rock! die niedern sind genug.

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