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Frankfurter Anthologie : Konrad Weiß: „Eines Morgens Schnee“

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Bild: FAZ.NET

Konrad Weiß war ein Sprachkünstler, der sich keiner literarischen Strömung zuordnen lässt. In seinem letzten Gedicht setzt er sich mit dem Tod auseinander, dem er auch helle Seiten abgewinnt.

          3 Min.

          Es ist ein Herbstgedicht an der Schwelle zum Winter. Der erste Schnee ist gefallen und bietet Anlass für tiefgründige Reflexionen. Konrad Weiß blickt zurück, nicht nur auf sein Leben, sondern allgemeiner auf das Leben eines Menschen schlechthin. Und der Leser spürt, dass ihn das etwas angeht, weil der Tod nahe ist. Weiß ist nicht nur die Farbe des Schnees, der alles überdeckt, sondern auch die des Leichentuchs – und eigenartigerweise eben auch der Nachname des Autors.

          Bereits beim ersten Lesen haben mich der eindringliche Rhythmus und der dunkel gefärbte Klang dieser Verse gefangen genommen. Die Vokale u, a und o dominieren das Gedicht, und die mit ihnen injizierte Dunkelheit steht im Gegensatz zu der im Titel angekündigten hellen Schneelandschaft. Unterstützt wird diese besondere Wirkung durch das strenge Versmaß der vier als Stanzen gestalteten Strophen. Entscheidendes Merkmal dieser lyrischen Form sind jeweils acht Verse mit dem Reimschema abababcc. Die beiden paargereimten Verse am Schluss einer Strophe liefern eine Art Fazit des zuvor Gesagten.

          In der deutschen Dichtung zeichnet sich die Stanze zudem durch ein Wechselspiel von weiblichen und männlichen Kadenzen, das heißt von unbetonten und betonten Endsilben, aus. Die bekanntesten, weil nachdrücklichsten Stanzen stammen von Goethe, aus seiner „Zueignung“ in Faust I: „Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten, / Die früh sich einst dem trüben Blick gezeigt.“ Wie Goethes Gedicht besteht auch dieses aus exakt vier Strophen. Und Weiß gelingt es, mehr als hundert Jahre nach Goethe diese Form nicht antiquiert wirken zu lassen.

          Distanz zum eigenen Leben

          Konrad Weiß wurde 1880 in der Nähe von Schwäbisch Hall als Sohn eines Landwirts und einer Näherin geboren. Er studierte in Tübingen katholische Theologie, brach das Studium aber ab, da er den geistlichen Beruf doch nicht ergreifen wollte. Es gelang ihm, 1905 in München eine Stelle als Redaktionssekretär bei der katholischen Kulturzeitschrift „Hochland“ zu erhalten. Er begann Lyrik und Prosa zu veröffentlichen. In den zwanziger Jahren arbeitete er als Redakteur bei den „Münchner Neuesten Nachrichten“. Seine Bezugspunkte blieben der Katholizismus und der Konservatismus, ohne dass seine literarischen Werke einer Strömung zuzuordnen wären. Er starb im Januar 1940 in München.

          „Eines Morgens Schnee“ ist das letzte von Weiß verfasste Gedicht. Es entstand Ende Oktober 1939, zwei Monate nach Kriegsbeginn. In Bayern war tatsächlich bereits der erste Schnee gefallen. Am Ende seines Lebens wägt Weiß die hellen und die dunklen Seiten des Daseins ab. Ganz unmelancholisch beschreibt er in der ersten Strophe das Streben nach Sinn und resümiert, dass der Mensch sich mit dem Erreichten niemals zufriedengibt. Der kalte Schnee, der alles weiß übertüncht, ist ein Bild für die Vergänglichkeit: „so spurlos steht die Zeit“. Es gibt „kein(en) Trost“.

          In der dritten Strophe wird Distanz zum eigenen Leben aufgebaut: „Du fühlst nicht Nähe mehr“. Eine Gefühlskälte („wenn dir im Herzen fror“) tritt immer deutlicher hervor, die das Land, Berge und Himmel „so weit und ganz zerbrochen“ erscheinen lässt. Die vierte Strophe spricht schließlich vom Abschiednehmen: „So geh nun fort“. Zweimal tauchen die gegensätzlichen Wortpaare „Licht“ und „Nacht“ auf. Aber es wird klar, es geht um einen Abschied für immer. Weiß ermuntert den Angesprochenen, diesen Weg jetzt zu nehmen: „geh mit ihr fort, / noch blüht zur stillen Nacht die Spur“.

          Doch wer ist dieser Angesprochene? Der Mensch allgemein, zweimal heißt es „du Mensch“. Aber auch wenn es kein lyrisches Ich in diesem Text gibt, sondern nur ein lyrisches Du, so handelt es sich im Kern doch um ein Selbstgespräch am Ende des Lebens. Weiß versteckt sich lediglich hinter dem verallgemeinernden „man“, wohl auch um deutlich zu machen, dass sich alle Menschen angesichts des unvermeidlichen Todes angesprochen fühlen müssen. Der Tod selbst wird in diesem Gedicht nicht explizit genannt. Doch sein weißes Leichentuch, das ein gelebtes Leben überdecken wird, ist in allen Strophen gegenwärtig. Gut zwei Monate nach der Niederschrift dieses Textes war Konrad Weiß tot.

          Botho Strauß bezeichnete den Dichter Weiß in einem Essay als „Mystiker, ein Sprachkünstler, ein erratischer Brocken in der deutschen Literatur“. Konrad Weiß hat eine prägnante Spur im Schnee der Zeit hinterlassen. Allein schon dieses Gedicht lohnt, seine Fährte aufzunehmen.

          Konrad Weiß: „Eines Morgens Schnee“

          Was man gelebt, was immer mehr geblieben,
          stets mehr gelesen, um so dunkler nur,
          was man im Lichte schon wie aufgeschrieben
          vorfand und ging auf unstörbarer Spur,
          was man mit Sinn erreicht, was man mit Lieben
          doch nie vollbringen konnte, – deine Flur
          wird dir, du Mensch von Ernte niemals satt,
          mit eines Morgens Schnee ein reinstes Blatt.

          Es ist kein Trost; und nun der Sonne Scheinen
          teilt alles nur noch weiter vor dir aus,
          so spurlos steht die Zeit, du willst sie einen
          gleich einer Träne dort am letzten Strauß,
          du horchst auf einen Laut, nun hörst du keinen,
          der Schnee macht nur ein regungsloses Haus, –
          geh fort, und wie es dir im Busen klopft,
          fühlst du den Schnee, der kalt vom Baume tropft.

          Du fühlst nicht Nähe mehr, nur noch dies Pochen,
          das dir die kalte Wange seltsam näßt,
          das Land scheint dir so weit und ganz zerbrochen,
          die weißen Berge gleich dem schweren Rest
          von einem Himmel, den du nie besprochen,
          und der, je mehr du sprichst, dich werden läßt
          gleich einer Spur, die sich aus ihm verlor,
          und die du kennst, wenn dir im Herzen fror.

          So geh nun fort, und was umsonst bestritten
          du Tag und Nacht, was schon im Licht verdorrt,
          was du gelebt, was du dir selbst inmitten
          gelöst, du Mensch, im stets zerbrochnen Wort,
          auf dunkler Spur mit unhörbaren Schritten
          gewinnt die Zeit ihr Licht, geh mit ihr fort,
          noch blüht zur stillen Nacht die Spur so frisch
          wie alle Ernte auf dem Ladentisch.

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