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Frankfurter Anthologie : Thilo Krause: „Eine Stadt für Bashô IV“

  • -Aktualisiert am

Bild: FAZ.NET

Der diesjährige Träger des Peter-Huchel-Preises führt in diesem Gedicht drei Haiku-ähnliche Strophen zusammen. Sie antworten dem japanischen Dichter Bashô. Wie blickte der wohl auf unsere Zeit?

          Drei knappe Strophen, die erste geheimnisvoll, die zweite bedrückend, die dritte wehmütig. Jede Strophe verdichtet visuelle Eindrücke zu einem Bild, das der Leser sofort vor Augen hat. Schau!, fordert die erste Strophe. Wo siehst du den Holunder? Im Garten, im Park oder nahe der Müllkippe? Holunder ist anspruchslos und wächst überall. Die schwarzen Beeren deuten auf den Sommer, ein frisch gefallener Regen lässt sie leuchten. Der Dichter nennt sie „dunkle Laternen“, ein Paradox, da Laternen das Dunkel erhellen und nicht selbst dunkel sein sollten. Doch der Glanz, den die Feuchtigkeit den Beeren schenkt, verbindet sie mit dem Licht.

          Die zweite Strophe deutet keine Farben an, aber was sie schildert, macht die Atmosphäre sinister: Im Rinnstein schwemmt das Wasser nicht nur die Abfälle fort, sondern auch „die letzten Bienen“ – der Vergänglichkeit entkommt kein Lebewesen. Doch der Mensch, statt die Systeme der Natur zu achten, steigert durch seine Eingriffe die Zerstörung. Vom wirbelnden Wasser mitgerissen, treiben die toten Insekten der Schleuse entgegen, die als metallene Grenze zur Unterwelt erscheint.

          Der Seufzer, mit dem die letzte Strophe beginnt, sucht Gemeinsamkeit mit einer historischen Person: Matsuo Bashô, Dichter und Haiku-Virtuose, ist nicht nur in Japan berühmt, sondern überall, wo Haiku gelesen und geschrieben werden. Hier sehen wir ihn in widersprüchlicher Stimmung: einerseits lächelnd, also den Menschen und dem Leben zugewandt, doch die Ärmel nass vom Wegwischen der Tränen. Vielleicht gelten sie eigenem Unglück, vielleicht bezeugen sie Mitleid mit anderen oder beklagen das menschliche Schicksal, so kurz, so eingeschränkt.

          Mit tränennassen Ärmeln

          Vor 330 Jahren, im Frühling 1689, brach Bashô zu einer Wanderung auf, die ihn von Edo, dem heutigen Tokio, in 150 Tagen über die Hügel des Nordens zur anderen Seite der Insel Honshu führte und die er in dem Tagebuch „Oku no hosomichi“ („Auf schmalen Pfaden durchs Hinterland“) dokumentierte. Die knappen Prosatexte der einzelnen Kapitel werden von einem oder mehreren Haiku beschlossen, die die individuellen Erfahrungen mit kulturellen und religiösen Traditionen verknüpfen. Nach der Ersteigung eines von Asketen bewohnten, heiligen Bergs schreibt er: „Über den Yudona-Berg/musste ich schweigen .../Mit tränennassen Ärmeln.“ Die religiösen Riten, deren Bedeutung nur einzelnen Pilgern offenbart wird, haben des Dichters Seele ergriffen, die Tränen sind hier kein Zeichen des Kummers, sondern bezeugen Demut angesichts des Göttlichen. Eine Reise, wie Bashô sie unternahm, bescheiden, zu Fuß, mit einem Freund, ist auch eine Lebensreise von Station zu Station, so wie es in diesem Gedicht durch die Redewendung „von Haus zu Haus“ angedeutet wird.

          Thilo Krause, der diesjährige Träger des Peter-Huchel-Preises, führt in seinem Gedicht drei Haiku-ähnliche Strophen zusammen, jede von eigenem Klang, dennoch ein Ganzes. Von der Pflanze leitet der Weg über das Tier zum Menschen, vom Regen über bewegtes Wasser zu den Tränen, vom „dunklen“ Licht zum Lächeln. Da es das vierte Gedicht eines Zyklus von fünfen ist, der den Titel „Eine Stadt für Bashô“ trägt, erweitert es sein assoziatives Feld, indem es sich in den Nachbar-Texten spiegelt.

          Bashô wird traditionell als Wanderer oder als zurückgezogen in einer von Freunden erbauten Hütte Lebender erinnert, insofern erstaunt die Überschrift des Zyklus. Vollzieht sich das „von Haus zu Haus“ in einer urbanen Umgebung? Lässt sich Bashôs Wanderung auf die Gegenwart übertragen, wenn ein Dichter sich in die zerfledderte Ödnis unserer Stadtlandschaften begibt? Grund, zu weinen, hat er da genug. Lächelt er auch? Kann der Holunder ihn trösten?

          Bevor sie Gedichte schreiben, absolvieren zeitgenössische Lyriker nicht selten ein Sprachstudium. Thilo Krause, geboren 1977 in Dresden, wählte einen anderen Weg: Er arbeitet als promovierter Wirtschaftsingenieur im Elektrizitätswerk Zürich. Aber seine Verse sprechen von nachvollziehbaren Erfahrungen, ihr Ton ist weder abgehoben noch verrätselt. In Bashô hat er einen Meister gefunden, dem er aus großer Entfernung und dennoch vertraut antworten kann.

          Thilo Krause: „Eine Stadt für Bashô IV“

          Holunder
          dunkle Laternen
          poliert vom Regen.

          Im Rinnstein
          treiben die letzten Bienen
          in die Schleusen.

          Ach, Bashô
          die Ärmel voll Tränen
          zogst du lächelnd von Haus zu Haus.

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