https://www.faz.net/-gr0-9nsjr

Frankfurter Anthologie : Gotthold Ephraim Lessing: „Eine Gesundheit“

  • -Aktualisiert am

Bild: Picture-Alliance

Für seine weinselige Lyrik wurde Lessing nicht berühmt. Doch hinter diesem Trinklied steckt auch eine politische Dimension.

          Lessings Ruhm stammt nicht aus seiner Lyrik. Er selbst war schon früh sein unbestechlicher Richter, so dass er die vielfach im Stil der Zeit gehaltenen „Lieder“ nur als „Kleinigkeiten“ veröffentlicht hat. Damals war er 22 Jahre alt. Bei einem bereits selbstkritisch geprüften Wiederabdruck, nur zwei Jahre später, gab er zu, diese Gedichte enthielten „nichts, als Wein und Liebe, nichts als Freude und Genuß“. Zweifellos – Lessing, der Theatermann, lebte nicht nur in der Welt der Bücher, sondern auch mit den Komödianten, er kannte die Weinstuben und die Spieltische. Nach dem damaligen Geschmack beteiligte er sich an Übersetzungen und in eigenen Texten an der spielerischen Fortführung und Wiederentdeckung des frühgriechischen Dichters Anakreon. Nicht wenige seiner Oden nutzte Lessing als Vorlagen, und immer wieder bekannte er sich zu ihm. „Sprichst du: mein Lehrer war der Wein./Wohl! Wohl! Er soll auch meiner sein!“, heißt es in dem Gedicht „An den Anakreon“. So dichtet Lessing dann „Die Stärke des Weins“ und „Der alte und der junge Wein“, er bekennt „Ich trinke Wein, und bin ein Dichter“ („An die Kunstrichter“). Aber so wie Anakreon selbst, schon im sechsten Jahrhundert vor Christus, sich satirisch gegen die Lumpen – wie den bestechlichen Artemon – gewandt hatte, so nutzt auch Lessing die harmlose Maske, um einer bitteren Wahrheit Ausdruck zu geben.

          Der reine Wein der Wahrheit

          Vermutlich 1775, auf der Wiener Reise, ist das zweistrophige Gedicht entstanden, das zwei Jahre nach seinem Tod im „Wiener Blättchen“ gedruckt wurde. Lessing war von Kaiser Joseph II. empfangen worden, von dem er sich, wie er im „Anti-Goeze“ schrieb, „bald aufgeklärtere tugendhaftere Zeiten“ erwartete. Indes blieben seine – und Voltaires – Schriften noch längere Zeit verboten.

          In „Eine Gesundheit“ lässt Lessing den Charakter des Trinkliedes uneingeschränkt zur Geltung kommen, – die Aufforderung zum hemmungslosen Genuss richtet sich an die berauschten Brüder, bei denen man fast an die „fraternité“ von 1789 denken mag. Denn schon mit dem dritten Vers wird ein weltpolitisches Spiel, als ironischer Einfall, als aufklärerisches Experiment, angestellt. Die weltliche und die geistliche Macht stehen einander gegenüber, und der berauschte Dichter kann sich auf die Autorität des Höheren berufen. Schon die „unberauschten“ Könige zerstören die halbe Welt, und es ergeht die Bitte an Gott, hier Schlimmeres zu verhindern. Hatte sich der anakreontische Lessing der Frühzeit gegen die „unberauschten, finstern“ Kunstrichter gewandt, kann er nun im Wein die Wahrheit berufen und sich, wie die Lessing-Philologie herausgefunden hat, wie andere auch auf die Sprüche Salomonis berufen, wo es in Abschnitt 31 heißt: „Nicht den Königen, Lemuel, ziemt es Wein zu trinken, nicht den Königen, noch den Fürsten starkes Getränk! Sie können beim Trinken des Rechts vergessen und verdrehen die Sache aller elenden Leute!“

          Schon einmal hatte sich der Theologe Lessing streitbar des Weines angenommen, als es, ebenfalls in einem Lied, um die Widerlegung des Papstes ging: Nach katholischer Lehre wären die alttestamentlichen Makkabäerbücher kanonisch; aber da sie dazu raten, Wein verdünnt zu trinken, oder abwechselnd mit Wasser, können sie für den gleichsam anakreontischen Protestanten Lessing nur apokryph sein. Im kleinen Gedicht von 1775, vielleicht seinem letzten?, erlässt Lessing dann – ironisch? utopisch? jedenfalls skeptisch! – ein Vermächtnis beinahe zur „Erziehung des Menschengeschlechts“: als frommen Wunsch, als „eine“ Gesundheit, ein Prosit, auf dessen Verwirklichung wir wohl noch heute warten?

          Gotthold Ephraim Lessing: „Eine Gesundheit“

          Trinket, Brüder, laßt uns trinken
          Bis wir berauscht zu Boden sinken;
          Doch bittet Gott den Herren,
          Daß Könige nicht trinken.

          Denn da sie unberauscht
          Die halbe Welt zerstören,
          Was würden sie nicht tun,
          Wenn sie betrunken wären?

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Regierungskrise in Italien : Mit dem „Plan Ursula“ gegen Salvini?

          Der Streit um das Rettungsschiff „Open Arms“ dauert an – und in Rom wird weiter über Szenarien zur Überwindung der Regierungskrise spekuliert. Ein prominenter Politiker stellt sich nun hinter einen Plan zur Bildung einer breiten Front gegen den italienischen Innenminister.

          Rückschlag für Paris : Neymar macht Tuchel das Leben schwer

          Paris ist schon seit einiger Zeit nicht mehr das Fußball-Paradies für den deutschen Trainer. Seine Reputation in der Öffentlichkeit und die Autorität innerhalb des Klubs sind beeinträchtigt. Und dann ist da ja noch Neymar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.