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Frankfurter Anthologie : Edna St. Vincent Millay: „Sonett XIV“

  • -Aktualisiert am

Bild: Everett Collection

Eine Frau kehrt zurück in das Haus ihres sterbenden Mannes. War es eine gute Ehe? Warum hat sie Angst? Edna St. Vincent Millays Verse gewinnen ihre Wirkung durch eine ungewöhnliche formale Spannung.

          3 Min.

          Dies ist das vierzehnte von siebzehn Gedichten des erzählenden Zyklus „Sonette aus unveredeltem Holz“. Es geht darin um ein denkbar sprödes Thema. Eine Frau, eine „New England Lady“ (so die Autorin in einem Brief), kehrt zurück in das Haus ihres sterbenden Mannes, „loving him not at all“, wie es das erste Sonett sagt. Nun erledigt sie die notwendigen Kleinigkeiten. Es ist kalt und regnet; sie holt Holz. Die nassen Rinden wollen nicht recht brennen. Ein Lieferant bringt Nahrungsmittel, und sie versteckt sich auf der Treppe, weil sie in kein Gespräch verwickelt werden möchte. Die Nachbarinnen stehen mit Eingekochtem vor der Tür; sie bittet sie nicht herein. Sie legt Wachstücher in die Regale, poliert den Wasserhahn, die Töpfe. Es beginnt zu schneien.

          Sie füttert den Moribunden wie ein Kind. Dass die beiden noch miteinander sprechen, wird nicht gesagt. Unter den scheuen Handgriffen im abgelebten Haus wachsen Erinnerungen. Nein, dieser Mann war keine große Liebe; er war möglich. Und auch wenn es jene Vollmondnacht gab, im August, und den flüchtigen Glanz des Begehrens, wäre Scheitern ein zu großes Wort für die Unerheblichkeit dieser Ehe, für ein Frauendasein in den Lineamenten der Konvention. Zunehmend aber gewittert es in den Zeilen. Das so beiläufig erzählende Ich erfährt sich ungeahnt ausgesetzt und irritiert. Wo die Lebende ihr Dasein mit dem Sterbenden noch einmal engführt, kann jedes Detail Auslöser werden für eine Epiphanie oder eine Ich-Dissoziation. Ist es wirklich sie, die ehemalige Gattin, die hier anwesend ist, fragt sie sich, oder nur eine, die ihr gleicht?

          Chaos in vierzehn Zeilen

          Mit dem schwindenden Tageslicht steigt die Angst. Im harmlosen Weiß der Birkenstämme glimmt der Vorschein des Todes. Und der Morgen trägt das nächtliche Unbehagen weiter. Die Wachträumende wird sich fremd, sie ist in eine schutzlose Einsamkeit gefallen. Und begreift – eine rührende, selbstvergessene Geste –, dass sie über Nacht das Teewasser hatte kochen lassen, „um nicht allein zu sein“. Wo kein Mensch mehr helfen kann, bleibt der animistische Kindertrost der Dinge.

          Die Dynamik dieser Verse, ihre irritierende Modernität, speist sich aus einer formalen Spannung. Edna St. Vincent bindet den Lakonismus eines an Prosa erinnernden Sprechens streng an das alte Sonett-Schema. (In der elisabethanischen Variante: männliche Reime, drei Quartette, ein Couplet, dessen letzte Zeile sie zur erzählenden Balladenstrophe verlängert.) Sie wolle, so einer ihrer vielzitierten Sätze, das „Chaos in vierzehn Zeilen bringen“. 178 Sonette hat sie veröffentlicht.

          Eine kindliche Elfe, eine Femme fatale

          Millays Daseinsglück und -katastrophe war eine symbiotische Liebessehnsucht und damit die Bereitschaft zu entgrenzender Empathie, die unversehens ins Mystische führen konnte. Nach der Trennung der Eltern, sie war acht, versuchte sie die Rolle des Ehemanns und Vaters zu übernehmen. Ein hochbegabtes, androgynes Mädchen, das sechzehnjährig der Mutter ein Schreibheft mit einem halben Hundert Gedichten widmete, gezeichnet mit „Vincent“, dem männlichen Teil ihres Namens.

          „Wenn ich Dich nicht dauernd Mutter nennen würde“, wird sie später in einem Brief schreiben, „würde jeder, der dies liest, denken, ich schreibe an meinen Liebsten. Und er hätte recht damit.“ Sie war neunzehn, als sie bei einem Lyrikwettbewerb auffiel; eine reiche New Yorkerin hörte sie in einem Ausflugslokal ihre Verse rezitieren und finanzierte ihr daraufhin eine Ausbildung auf dem berühmten Vassar College. Bald irrlichterte die junge Frau durch das Künstlermilieu des wilden Manhattan der zwanziger Jahre. Eine kindliche Elfe, eine Femme fatale, die mit Männern und Frauen schlief, als könne Sex sie am Leben halten.

          Hauptsache, sie schreibt!

          Dabei war es das Schreiben, das sie stabilisierte, zumindest immer eine Weile lang. Mit dreißig der Pulitzer-Preis für Lyrik. Ihre Stimme im Rundfunk wurde zur Legende. Man zitierte ihre Zeilen wie Schibboleths. Ihr Name erschien auf der Liste der zehn berühmtesten Frauen Amerikas. Die Ehe mit einem zwölf Jahre älteren Kaufmann versprach Geborgenheit und Freiheit. Der Gatte nahm hin, dass sie, als sie 36 Jahre alt war, eine Liebesbeziehung mit einem einundzwanzigjährigen Dichter begann. Hauptsache, sie würde schreiben! Sie schrieb. In 52 Sonetten über den Jüngling durchschritt sie alle Stadien von Leidenschaft, Verzweiflung, Trauer. Der Gedichtband „Fatale Interview“ verkaufte sich innerhalb weniger Monate fünfzigtausend Mal. Als sie begann, links-engagierte Gedichte zu verfassen, war ihr klar, dass sie damit Politik machte, keine Lyrik.

          Ihre letzten 25 Jahre verbrachte sie in einer idyllischen Enklave auf dem Land; sie und ihr Mann, der für sie lebte, zwei symbiotische Drogenabhängige (Morphium, Alkohol) in befriedeter Hölle. Ein Jahr nach seinem Tod wird sie sich im Haus bei einem Sturz auf der Treppe das Genick brechen; sie wird 58 Jahre alt.

          Edna St. Vincent Millay: „Sonett XIV“

          Sie fürchtete, er stürbe in der Nacht.

          Und fing das Tageslicht zu schwinden an,

          dann konnte sies nicht lassen zu betrach-

          ten, wie weiß die Birken aussahen - und dann

          bekam sie Angst, durchs Haus zu gehen und

          die Fenster zu verriegeln, selbst mit Licht;

          und gegen Morgen, heulte dann ein Hund,

          quiekten die Mäuse, war ihr lange nicht

          sehr wohl in ihrer Haut. Bei Tag vergaß

          sie manches, und vernünftig schien es kaum,

          herumzulaufen just mit diesem Traum,

          damit ein Nachbar nächtens bei ihr saß.

          Sie hatte, erst beim Tee sah sie es ein,

          den Kessel kochen lassen nachts, um nicht allein zu sein.

           

          Aus dem Amerikanischen von Günter Plessow

           

          ***

          She had a horror he would die at night.

          And sometimes when the light began to fade

          She could not keep from noticing how white

          The birches looked – and then she would be afraid,

          Even with a lamp, to go about the house

          And lock the windows; and as night wore on

          Toward morning, if a dog howled, or a mouse

          Squeaked in the floor, long after it was gone

          Her flesh would sit awry on her. By day

          She would forget somewhat, and it would seem

          A silly thing to go with just this dream

          And get a neighbour to come at night und stay.

          But it would strike her sometimes, making the tea:

          She had kept that kettle boiling all night long, for company.

           

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